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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:55

     

    Victor und Victoria Trimondi: Krieg der Religionen

    13.07.2006

    In der Matrix

    Die Kulturologen Victor und Victoria Trimondi wollten ein Standardwerk über Politik, Terror und apokalyptisch-martialische Visionen schreiben. Gelungen ist ihnen eine aktuelle Materialsammlung. Was fehlt, ist die Analyse.

     

    Das eingängige Schlagwort im neuen Werk der beiden Religionskritiker Victor und Victoria Trimondi (bürgerlich das Ehepaar Röttgen) ist die "apokalyptische Matrix". Das erinnert zum einen an die spätplatonistische Filmtrilogie "Matrix", zum anderen an Copollas Antikriegsfilm "Apocalypse Now". Dass die Matrix weder in Titel noch Untertitel vorkommt, hat vermutlich damit zu tun, dass sie für ein angehendes Standardwerk zu reißerisch geklungen hätte.

    Endzeit und Militanz

    Es ist die Kernaussage des Buchs, dass die drei monotheistischen Religionen derzeit eine bedenkliche fundamentalistische Variante hervorbringen, die dazu neigt, Offenbarungstexte wörtlich zu nehmen, vor allem jene, die sich mit apokalyptischen Endzeitvisionen beschäftigen. Fundamentalisten unterziehen aktuelle Ereignisse dieser apokalyptisch-dualistischen Deutung; die Religionen werden dadurch militarisiert und brutalisiert.

    Die Autoren gehen den mittlerweile gängigen und richtigen Dreischritt von Christentum, Judentum und Islam, um die Similarität der endzeitlichen Diskurse zu belegen. Dabei gelingt ihnen eine bemerkenswert umfangreiche, detaillierte und aktuelle Materialsammlung.

    Reichlich Material

    Wie auch bei anderen Autoren üblich, werden die US-amerikanischen Fundamentalismen besprochen, hier allerdings mit einem Schwerpunkt auf dem messianischen Selbst- und Weltverständnis des gegenwärtigen Präsidenten sowie, sehr aufschlußreich, der höchst auflagenstarken belletristischen Doomsday-Literatur.

    Auch der religiös geprägte jüdische Zionismus wird angesprochen, allerdings mit einer deutlich dünneren Materialschicht als Islam und Christentum. Die maßgeblichen Vordenker des islamischen Fundamentalismus sind von den staatstheoretischen Anfängen bei Ibn Taymiyya bis hin zu Sayyid Qutb und den Vordenkern um Bin Laden ordentlich versammelt.

    In einem Schlusskapitel wird ausführlich der Tempelberg als Brennpunkt aller Apokalyptik besprochen, so dass eine anschauliche endzeitliche Topographie entsteht. Einfallsreich ist die Idee, den Tempelberg ganz orientalisch als einen Garten zu verstehen, dem als Antagonist der Tempel entgegengesetzt wird. Das interreligiöse Paradies lässt sich in einem Garten besser vorstellen als in einem Gemäuer.

    Wohl nicht ganz zufällig klingt bei den dialektisch wie esoterisch geschulten Trimondis Hegels ästhetische Theorie von der symbolischen Kunstform an, die zunächst einen Garten bereitet, in dem dann die Klassik den Tempel baut. Das ist ein gutes Stück Romantik: Im Garten der Religionen soll das ganze verkehrte Wesen der apokalyptischen Matrix als das entlarvt werden, was es ist - eine Projektion. Weiter romantisch gesprochen kann dann hier auf Erden das Himmelreich errichtet werden.

    Dünne Interpretamente

    Die Trimondis schaffen es, den Leser mit einer Vielzahl an Informationen zu verblüffen, zu erstaunen und durchaus auch zu erschrecken. Auch über den Effekt hinaus wird man reichlich gutes Material gesammelt und sortiert finden. Was aber fehlt, ist eine sinnvolle Deutung.

    Zunächst ist unklar, was das eigentliche Thema des Buchs ist. Geht es um einen Krieg der Religionen analog zu Huntingtons Kampf der Kulturen? Geht es darum, in allen drei abrahamitischen Religionen die rezenten Fundamentalismen zu entlarven? Oder geht es um die Endzeitvisionen, die das gegenwärtige Handeln der Fundamentalisten im Sinne der apokalyptischen Matrix motivieren? Oder aber gar darum, alle Religionen überhaupt als potenzielle Endzeitphantasmen zu überführen?

    Dann zeigt sich eine verhängnisvolle Ungenauigkeit der Autoren in den eigentlich religionswissenschaftlichen Fragen. Wie kamen die Texte zustande? Was bedeuteten sie ihn ihrer Entstehungszeit? Wie sind sie über die Jahrhunderte hinweg gedeutet worden? Wie hängen sie miteinander zusammen? Welche konkurrierenden Deutungen gab es? Welche setzen sich wann durch? Und warum? Immer wieder verweisen die Trimondis darauf, dass es ihnen nicht um eine theologische Deutung der Texte geht, sondern nur darum, das apokalyptische Potenzial aufzuzeigen. Doch das genügt nicht.

    Zum Dritten holen die Autoren gegen Ende des Buchs ungeheuer aus und entdecken die apokalyptische Matrix auch noch in sämtlichen anderen Religionen und esoterische Weltanschauungen, seien sie nun historisch oder rezent. Dadurch, dass zwischen Endzeitvisionen, Fundamentalismus und dualistisch-manichäischen Tendenzen nicht unterschieden wird, ist die ganze Analyse des Fundamentalismus als ein spezifisches Phänomen der letzten Jahrzehnte hinfällig.

    Zum Letzten aber bleibt ungeklärt, was denn Fundamentalismus nun sei. Denkt man an die brillante Analyse von Karen Armstrong (besprochen in diesem Magazin), sieht das Werk der Trimondis blass aus, weil weder methodisch noch terminologisch für Klarheit gesorgt wird. Das ist fatal und führt zu den eklatanten Fehlurteilen, die das Buch trotz seiner Materialfülle abwerten.

    Weltethos als Erlösung

    Um zu verstehen, wie die Autoren zu ihren Lösungsansätzen kommen, ist es hilfreich zu wissen, dass sie zunächst eifrige Achtundsechziger waren, um sich dann einer buddhistischen Esoterik zuzuwenden; in der Synthese sind sie dann Religionskritiker geworden, die in allen Offenbarungstexten die apokalyptische Matrix entdecken und daraus die Schlussfolgerung ziehen, die Texte und Mythen müssten korrigierend umgeschrieben werden. Entsprechende Aufforderungen sind bereits an den Dalai Lama ergangen.

    Die zentrale Fehlleistung des Buchs besteht darin, dass Offenbarungstexte von den Trimondis als politisch-militärische Handlungsanweisungen und nur als solche gelesen werden. Ihr Textverständnis ist damit so oberflächlich wie das der Fundamentalisten. Es wird, um es in der Terminologie von Karen Armstrong zu sagen, nicht zwischen Mythos und Logos unterschieden. Historizität wird eliminiert, Vielschichtigkeit nicht gelten gelassen.

    Dass aber Jahrhunderte lang eine Vielfalt von Deutungen neben und gegen einander wirkten und bestanden, ist ebenso eine religionswissenschaftliche Tatsache wie die der jetzt aufkommenden Fundamentalisierung. Der ganze Reichtum an Offenbarungstexten und Mythen, dieses menschliche Kulturerbe schlechthin, wird eingedampft auf ein endzeitlich-militantes Skript, das eines zensierenden Eingriffs bedarf, um eine sich möglicherweise selbst erfüllende Endzeit-Prophezeiung zu unterbinden.

    Natürlich ziehen die Trimondis einen ganz anderen Schluss aus den Texten als die Fundamentalisten aller Ausprägungen; die Eindimensionalität der Textauffassung aber, die das eigentliche Problem ist, wird von den Autoren unreflektiert übernommen und damit bekräftigt.

    Im Epilog werden die Konsequenzen dieses Vorgehens sichtbar: Das Projekt Weltethos des unglücklich-katholischen Theologen Hans Küng soll als deus ex machina die interreligiösen Probleme wie einen gordischen Knoten durchschlagen (vgl. Küng-Rezension). Die Religionen sollen ihre apokalyptischen Anteile korrigieren oder streichen, sich auf einige sittlich-moralische Maximen zurechtstutzen und jede Erlösungshoffnung außerhalb des Küngschen Geheges fahren lassen, bevor ihnen eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt werden kann.

    Dieser Nachtmahr der globalen Gleichschaltung aller Religionen, diese allumfassende Küng-Konformität ist nun die globale Eschatologie, deren Kommen die Trimondis ersehnen.

    Bernd Draser


    Victor und Victoria Trimondi: Krieg der Religionen.
    Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse
    Wilhelm Fink Verlag, München 2006
    Gebunden, 597 Seiten. 39,90 ¤.
    ISBN 377054188X.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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