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Nicolas Nowack: Hier entsteht demnächst ein Sinn

04.05.2006


Salzwedels neuer Poesie-Pfad

„Als Till Eulenspiegel durch die Altmark zog, kam er auch nach Salzwedel, und da es ihm dort gut gefiel, blieb er eine Woche nach der andern und trieb mit den Bürgern seine Schelmereien.“

 

Heute, knapp 700 Jahre später, tritt mit dem Poeten Nicolas Nowack ein neuer Schelm in Salzwedel auf. Wie Eulenspiegel, dessen Streiche darauf basierten, bildliche Redewendungen wörtlich zu nehmen, um die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und die Mißstände seiner Zeit aufzudecken, so spielt auch Nowack mit der Sprache und hält der Gesellschaft kritisch den Spiegel vor: „Ich mag Wortspiele, diese Urform des Humors“, sagt der in Salzwedel und Hamburg lebende Literat.

Kamen die Besucher bislang nach Salzwedel, um die mittelalterliche Stadtbefestigung, St. Marien und St. Katharinen, das Langobarden-Museum und die Marx-Gedenkstätte im Geburtshaus von Jenny Marx zu besichtigen, so werden sie seit kurzem überall in der Stadt mit überraschenden, hintergründigen Texttafeln konfrontiert: „Optische Poesie“ nennt Nowack seinen Literatour-Pfad quer durch die ehrwürdige Hansestadt an der seit der Wiedervereinigung wiederbelebten alten Handelsstraße zwischen Magdeburg und Lüneburg. „Eingang“ steht da in großen Lettern auf einem Schild vor einem Park und kleiner darunter: „mit ungewissem Ausgang“, „Sitz! - Platz!“ auf einer Parkbank, „Achtung! Stufen“ und kleiner: „Sie sich nicht falsch ein!“ vor einer Treppe.

Die LiteraTour bringt dem Besucher Poesie auf eine ganz neue, verführerische Art nahe, dargestellt im öffentlichen Raum, wo man in Deutschland schnörkellose Hinweise, Vorschriften und Verbote erwartet. Mit diesen Erwartungen spielt Nowack gekonnt. Seine Schilder sind die künstlerische Reaktion auf die aus der Politik verschwundene Sinnsuche, auf deutsche(n) Reglementierungswu(s)t: „Meine Texte verändern ihre Aussage, wenn man sich ihnen nähert, sie genauer liest und im Kontext mit der Umgebung wahrnimmt. Sie reizen zu Assoziationen und zur Auseinandersetzung mit ihren Aussagen.“ Denn natürlich wirken die Schilder „Platz zur Wiedervereinigung“ und klein darunter: „mit der eigenen Geschichte“ und „Halt! Hier Grenze“ mit der kleinen Unterzeile „zwischen jetzt und gleich“ in Salzwedel knapp östlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze anders als in einer x-beliebigen westdeutschen Großstadt.

Nowacks einzigartige literarische Installation ist jetzt als Buch erschienen, als ungewöhnlicher Stadtführer und poetische Sammlung zugleich. Der Band enthält neben den Abbildungen der Texttafeln herrlich hintersinnige, mehrdeutige Materialien, Interpretationen sowie Standortbeschreibungen und vernetzt diese miteinander. So reizvoll der Besuch des Poesie-Pfades in Salzwedels bleibt: Der Wortwitz des Buches erschließt sich dem Leser auch so. Selten war Poesie so witzig und gedankenanregend.

Kai-Axel Aanderud


Nicolas Nowack, Hier entsteht demnächst ein Sinn. Optische Poesie. Mit einer vollständigen Dokumentation von Salzwedels LiteraTour-Pfad. 160 S., 70 Abb., TB, EUR 10,95. ISBN 3-937751-21-1

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