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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. Juli 2017 | 00:33

     

    Gunter Gebauer: Poetik des Fussballs

    06.04.2006

    Auf dem Rasen und im Reich der Zeichen

    Ist der Fußball ein modernes Gladiatoren-Spiel? Lässt er sich mit philosophisch-soziologischen Mitteln analysieren? Was macht seinen Mehrwert aus? Wo liegen die Gefahren, die von ihm ausgehen?

     

    Der Fußball, wie wir ihn heute kennen, trägt alle Merkmale eines Massenspektakels. Der rackernde Arbeiter auf dem Spielfeld ist eine aussterbende Spezies, sofern es ihn überhaupt noch gibt. Auf der Tribüne sehen wir nicht mehr den älteren Herren mit dem Zigarrenstummel im Mund, in dessen Stellvertretung der Spieler – als persona einer proletarischen Bevölkerungsschicht – Kämpfe weiterführt, die dem Alltag entspringen und gleichsam auf transzendentale Ebenen sublimiert werden. Wir sehen heute vielmehr beide, Spieler und Zuschauer, als Vertreter eines gesellschaftlichen Wettstreits – und Schaulaufens – in dem die Rollen klarer als jemals zuvor verteilt sind und in dem Identifizierung eher über Trademarks und medial zugeschriebene Eigenschaften hergestellt wird als über unmittelbare Zugehörigkeit.

    Andererseits kann ein Spiel, das, wie kein anderes Ereignis, mit Ausnahme des Todes eines Papstes vielleicht, die Menschen so massenweise in einen abgesteckten Raum bannt, nicht ausschließlich auf Illusion und geschickt verkauften Wünschen gründen. Fußball ist komplizierter geworden. Nicht nur das Spiel selbst in seiner Anlage, Taktik und strategischen wie körperlichen Anforderung. Sondern auch das Bild des Spiels, das in einem medial-gesellschaftlichen Zusammenhang Projektionsfläche und Interpretationsraster für weite Teile der Bevölkerung ist.

    Mit einer Poetik des Fussballs versucht Gunter Gebauer der Vielschichtigkeit des Spiels (wiewohl dieser Begriff nur noch verharmlosend gebraucht werden kann) beizukommen. Das Interessante an seinem Versuch ist die Herangehensweise. Während in Südamerika beispielsweise oder auf den Britischen Inseln der Fußball-Diskurs seit Jahrzehnten ungeahnte Höhen erreicht hat, ist das intellektuelle Niveau der Diskussionen und Erörterungen hierzulande oft geradezu von erschreckender Nichtigkeit. Es scheint die Regel zu gelten, dass, wer über Fußball philosophiert – womit nicht die Aphorismen gewisser Lichtgestalten gemeint sind – nicht so richtig mit dem Herzen bei der Sache sein kann. Keine Annahme könnte weiter von der Wahrheit entfernt liegen. Denn sind es nicht erst die unzähligen Bundestrainer, die an Stammtischen, am Arbeitsplatz oder in Universitäts-Seminaren durch ihre – erhitzten, polemischen, parteiischen und doch vor allem beseelten – Diskussionen dem Gegenstand seine Aura verleihen?

    Diese Diskussionsansätze hebt der Autor in seinem Buch auf ein höheres Niveau. Poetik ist die Lehre von der Dichtkunst. Und in den Rahmen der Künste, d.h. der zu Form geronnen inneren Ausdrucksimpulse des Menschen, setzt der Autor das Fußballspiel. Er nimmt seine Sache ernst, daher nähert er sich dem Gegenstand seines Interesses mit dem Vokabular an, das er beherrscht. Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin, und er kann nicht aus seiner Haut. Das ist ein Glück für den Leser, der mehr erwartet als Anekdotenhäppchen mit ein bisschen Sportesoterik garniert. Wenn Gebauer schreibt, schreibt er wie der Schütze im Angesicht des entscheidenden Elfmeters; hochkonzentriert mit dem Blick für die ungeschützte Ecke, aber auch mit der Leichtigkeit, die notwenig ist, um die Last der Verantwortung auf den Schultern tragen zu können.
    Von den Grundlagen des Spiels – die Poetik, wie gesagt – über das Heilige im Fußball, bis hin zum Mythos des Bösen, den Hooligans nämlich, wird in sieben Kapiteln so ziemlich alles abgehandelt, was im Reich dieses Spiels irgendwie zu Geltung kommt. Und das Reich des Spiels ist nicht unwesentlich ein Reich der Zeichen. Die symbolischen Handlungen, die unentwegt im Fußball ausgeführt werden, die sein Zustandekommen und die von ihm ausgehende Faszination erst ermöglichen, werden hier so luzide dargestellt, dass man sich wundert, wie es nur möglich ist, dass man während eines Championsleague-Finales nicht unablässig die antike Mythenlandschaft im Hintergrund walten sieht.

    Nach der Lektüre bleibt der Wunsch nach Vertiefung des eingeschlagenen Weges, denn naturgemäß kann ein einziges Buch – trotz der maßgeblichen Qualitäten – nicht die Versäumnisse vieler Jahre wettmachen. Vielleicht kann die Poetik des Fussballs als Anstoß wirken, der den gehobenen intellektuellen Diskurs über des Deutschen liebstes Spiel endlich in Gang bringt. Da kann man es auch verzeihen, dass der Autor sich hat dazu hinreißen lassen, ein Nachwort zu schreiben, welches durchaus verzichtbar gewesen wäre. Meine Helden, mein Leben heißt es, doch den ersten Teil hätte man auch streichen können. Die etwas altväterliche, vom 68er-Mythos doch noch hochinfizierte Redeweise taucht zum Glück im Rest des Buches an keiner Stelle auf. Es seien diese acht Seiten vergeben und überblättert. Ein unverzichtbares Buch.

    Lars Reyer


    Gunter Gebauer: Poetik des Fussballs
    Campus Verlag 2006, 180 Seiten, ¤ 14,90
    ISBN 3-593-37946-5

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