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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:58

     

    Herbert Perl: Die verhinderten Weltmeister

    29.03.2006


    Das Team der Verdammten

    22 Strips über große Spieler, denen allen ein Makel anhaftet: Sie wurden nie Fußball-Weltmeister. In diesem Buch werden sie gebührend geehrt.

     

    Nicht alle sind sie tragische Figuren. Manche haben sich einfach nie für eine Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren können, weil sie, aus sportlicher Sicht, im falschen Land geboren wurden, wie der Liberianer George Weah oder der Waliser Ryan Giggs. Andere wurden von ihren Nationaltrainern ignoriert, wie der Brasilianer Giovane Elber, der sogar während seiner Zeit beim FC Bayern München stets wie ein verschmitzter Junge wirkte, wenn er dem Gegner, nachdem er ihn ausgetanzt hatte, einen einschenken konnte. Oder sie hatten, wie Bernd Schuster, eben Besseres zu tun, als mit einem Haufen dumpfer Kollegen und unter einem störrischen Coach für ein Land zu spielen, von dem sie nicht geliebt wurden.

    Roberto Baggio hingegen ist eine tragische Figur. Nach Maßgabe des fußballerischen Verstandes ist er einer der wenigen, die zwingend Weltmeister hätten werden müssen. Zu seinen Glanzzeiten konnte keiner mit ihm mithalten. Der kleine Mann mit dem Mozartzöpfchen und „den schlechten Zähnen“ war der Maßstab, an dem sich der kickende Rest messen lassen musste. Doch Baggio verschoss. Im WM-Finale 1994 – ausgerechnet in den USA, einem Land, in dem der Fußball Soccer heißt und als Frauensport gilt – setzte er den entscheidenden Schuss gegen die Mannschaft Brasiliens im Elfmeterschiessen über die Querlatte. Italien verlor. Womöglich weinte der Papst. Was schlimmer ist: Baggio verlor und war der Sündenbock. Was mag er in diesem Moment gefühlt haben? Hat er etwas gedacht? Oder war da nur Leere und das untrügliche Gefühl, nie wieder im Leben so eine Chance zu bekommen?

    Die verhinderten Weltmeister
    kann solche Fragen naturgemäß ebenso wenig beantworten wie die Frage nach den Gründen für das Scheitern der begnadetesten Ballkünstler ihrer Zeit. (Es ist ja eine Binsenweisheit, dass der Star der Mannschaft keinen entscheidenden Elfmeter schießen soll, und der Fan, dessen Eingeweide ihn nur selten trügen, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er so einen zum Punkt schreiten sieht. Keiner konnte ihm über die 90 oder 120 Minuten das Wasser reichen, alle hat er an die Wand gespielt. Doch der Weg des Stars zum Elfmeterpunkt gleicht dem Weg des Delinquenten zum Schafott. Das Unvermeidliche wird eintreten.)

    22 Spielerportraits versammelt der wunderschöne, gut in der Hand liegende Band, durch dessen Gestaltung man sich in selige Panini-Sammelbilder-Zeiten zurückversetzt fühlt. „22 Spieler, zwei Teams sollten es werden: elf Spieler, die nie an einer Weltmeisterschaft teilnahmen, gegen elf Spieler, die an einem Turnier teilnahmen, aber nie Weltmeister wurden“, schreibt der Herausgeber. Elf Unvollendete gegen Elf noch Unvollendetere also. Man könnte annehmen, hier wäre alles Leid und Elend des Fußballplatzes zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Und vielleicht ist es auch ein bisschen so, wenn man die Geschichten über George Best oder Gyula Grosics, dem ungarischen Torhüter der 54er WM, liest. Doch verblüffender Weise ist es gerade ihr Makel, der diese Spieler zum Leuchten bringt, der sie abhebt von Gestalten vom Schlage eines Andi Brehme oder Horst-Dieter Höttges, die wenig Licht, dafür aber umso mehr Schmerzen bei Gegenspielern und Publikum verbreiteten.
    Die Autoren des Bandes wissen, dass sie es mit Gescheiterten zu tun haben, und so bleiben die Heldengesänge aus. Einfühlsam klingen die Melodien, nah am Menschen, eher Ilias als Nibelungenlied. Ein Bonus für den Leser, neben dem geschickten Umgang der Autoren mit dem Stoff (oder Leder), ist deren jeweils ganz persönliche Traumelf, die sich im Anhang bei den Autoren-Biographien befindet. So ist es ein Leichtes, diejenigen unter den Schreibern auszumachen, welchen man sich spontan verbunden fühlt, sei es, weil besonders viele (ehemalige) Spieler des 1.FC Köln in ihrem Team auftauchen, sei es, weil diese gerade durch Abwesenheit glänzen.

    Seine mehr als gelungene Abrundung findet das Buch im Nachwort Klaus Theweleits, der spätestens mit seinem Tor zur Welt gezeigt hat, dass sich größte Fußballkennerschaft und naive Begeisterung für das Spiel schreibend vereinen lassen. Hier glänzt er mit einem ganz persönlichen Abriss der von ihm bisher miterlebten Weltmeisterschaften. Und man wünscht ihm nach der Lektüre, dass noch recht viele hinzukommen mögen. Sei es nur, um hinterher darüber lesen zu können.

    Lars Reyer


    Herbert Perl (Hrg.): Die verhinderten Weltmeister; Große Unvollendete von Roberto Baggio bis George Weah
    Kunstmann 2006, 238 Seiten, ¤ 16,90
    ISBN 3-88897-430-5

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