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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:45

     

    Der Ratgeber für neue Autoren 2006/2007

    08.02.2006

    Ein Märchen aus unseren Tagen

    ...und alsbald unterschrieb er auch den Verlagsvertrag, ja wurde vom Verlagsleiter höchstselbst in respektablen Räumlichkeiten empfangen, war höchst beglückt, weil er endlich endlich ein richtiger Autor war – nein sogar Dichter nannte man ihn jetzt. Toll! Und wenn er nicht gestorben ist, dann schreibt und veröffentlicht er bestimmt noch heute...

     

    Zuschussverlage, die sich auch gerne Dienstleisterverlage nennen, sind das Letzte, dachten wir. Wird da nicht mit den Hoffnungen vieler Möchtegernautoren Geld verdient? Aber im „Ratgeber für neue Autoren“ belehrt man uns eines Besseren: Modern und kundenorientiert sollen einige renommierte Dienstleister arbeiten, so wie es richtige Verlage tun, also mit Werbung, Presse und allem Pipapo. Und als Sprungbrett für den Erfolg können sie angeblich obendrein dienen, wofür ganz große Namen wie Goethe, Schiller und Hermann Hesse ins Feld geführt werden, die angeblich einst allesamt zunächst Geld mitbrachten, bevor aus ihnen etwas wurde. Das müsste doch für Lieschen Müller auch möglich sein, oder? Dabei kommt es natürlich auf die Auswahl des richtigen Dienstleisterverlags an, einer, der die Autoren noch wie richtige Autoren behandelt und der ihre Karrieren mit geradezu übermenschlichen Kräften vorantreibt. Ja, es scheint so, als könnten hier noch Träume wahr werden. Und uns wurde auch ganz märchenhaft zu Mute. Aber lesen Sie selbst...

    Es war einmal ein Autor, der saß ganz verzweifelt in seiner Dichterklause. Sein Roman „Vom Missgeschick, ein Hemd zu bügeln“ lag nun längst fertig vor ihm, aber keiner der bösen Publikumsverlage wollte es drucken. Angeblich passte es in kein Verlagsprogramm, wollte keinem Lektor munden, oder ach, kam überhaupt ohne jegliches tröstende Wort zurück. Manchmal hörte unser Autor sogar nie wieder etwas davon, weil er die Portokosten für die Rücksendung seines Manuskripts schlicht vergessen hatte. Eine Mauer der Ignoranz umgab ihn, und sein Herz wurde ganz schwer vor Gram. Dabei hatte er doch vom großen Dichterdasein geträumt, ein Dichter, der geachtet, geehrt und dessen Werke natürlich verkauft werden, und er hatte auch schon ein zweites, ja sogar ein drittes Buch im Kopf, aber aus all dem sollte nun, so schien es, nichts mehr werden.

    Aber dann, eines Tages, sah er den „Ratgeber für neue Autoren“ im Internet, und er bestellte ihn sofort, da er wahrlich Rat gebrauchen konnte. Und was er dort las, konnte er erst gar nicht recht glauben, so wundersam lautete die frohe Botschaft: Auch für dich gibt es eine Möglichkeit der Veröffentlichung, abseits der ablehnenden Publikumsverlage, die ihr Geld mit den armen Lesern verdienen. Gleich zu Beginn begriff er, dass man ihm hier nicht nur Mut machen wollte, es bei etablierten Zuschuss-, Pardon, Dienstleisterverlagen zu versuchen, nein, man schien hier überhaupt die Wörter Information und Aufklärung in goldenen Lettern zu setzen. Denn was hatte er nur bisher immer gedacht, was hatte die böse Presse nicht alles geschrieben. Dort hieß es, dass solche Verlage das Geld mit den Autoren selbst verdienten und hernach keinen Finger mehr rührten, das geschätzte Werk unters lesebegierige Volk zu bringen. Aber das war ja ganz falsch, wie sich nun herausstellte – und nun gab es wahrlich Hoffnung, das spürte unser Autor in jeder Zelle seines arg gebeutelten Herzens. Zwar müsste er das geerbte Sparbuch von Tante Lissbett auflösen, aber schließlich war ihm das Autorendasein ja von großem, ja höchstem Wert.

    Und so füllte unser Autor die beiliegende Postkarte aus, rief die auf dem Buchumschlag angegebene Telefonnummer von diesem tollen Schriftstellerverband an, der so ganz uneigennützig wirkt, und fand, dass es gut war. Denn er befand sich jetzt nicht nur im Märchenland, sondern er wurde sich dessen sogar bewusst. Und schon wenige Tage, nachdem er seinen Roman verschickt hatte, teilte man ihm mit, dass die große Lektorenkonferenz getagt und sich positiv entschieden habe. Kurz und gut: man freute sich sehr auf ihn und lobte seinen Roman in den höchsten Tönen. Das hatte er so nicht erwartet, und sein Herz hüpfte vor lauter Freude. Und alsbald unterschrieb er auch den Verlagsvertrag, ja wurde vom Verlagsleiter höchstselbst in respektablen Räumlichkeiten empfangen, war höchst beglückt, weil er endlich endlich ein richtiger Autor war – nein sogar Dichter nannte man ihn jetzt. Toll! Und wenn er nicht gestorben ist, dann schreibt und veröffentlicht er bestimmt noch heute...

    Frank Kaufmann


    Der Ratgeber für neue Autoren 2006/2007
    Verlag Regine Stephan 2006
    490 S., ISBN 3-9810548-0-6

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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