• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:25

     

    M. Broschkowski, T. Schneider: Fußlümmelei

    26.01.2006

    Das Kopfballmonster, der Dandy und die Schweinsblase

    Michael Broschkowski und Thomas Schneider malen in ihren historischen Streifzügen durch die Frühgeschichte des deutschen Fußballs ein romantisch-schönes Bild der Amateurkicker bis 1914 – anregend, informativ und mit viel Liebe zum Detail, insbesondere zum Berliner.

     

    „Fußlümmelei“ war ursprünglich der Titel eines Antifußballbuches; der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck hat es 1898 geschrieben, um dem neuen Trend zum englischen und, für die konservativen Nachfahren des Turnvaters Jahn, chaotischen und rüpelhaften Sport entgegenzuwirken. Dieser „englische Aftersport“, so Planck, verrohe in seiner (damaligen) Nähe zum brutalen Rugby nicht nur die Sitten und wirke jeglicher Erziehung zu Ordnung und Disziplin entgegen, er widerspreche in seinem Wettbewerbscharakter zumal der moralischen Bildung, welche die Turnerschaft für ihr zweckfreies Tun in Anspruch und für die deutsche Volksgesinnung als verbindlich nahm: nur die nach der Drillpfeife exerzierte körperliche Ertüchtigung konnte dem sich ihr beugenden, über die körperliche Gesundheit hinaus, das glückliche Bewußtsein eines durch seine Anstrengung im deutschen Turnganzen aufgehobenen Gliedes verschaffen.

    Wie anders sah da das Fußballspiel aus. Man spielte nicht nur, um gegen den Gegner zu gewinnen, auch innerhalb der Mannschaft versuchte jeder die vom Keeper mit seinen eisenbeschlagenen (und teuer aus England importierten) Lederstiefeln im hohen Bogen nach vorn gedroschene Schweinsblase im Alleingang in das aus zwei Pfosten notdürftig gezimmerte Tor zu hauen. Darüber, ob der Ball mit der Hand aufgenommen werden durfte, oder nicht, gab es lange keine Einigung – überhaupt hatte jeder Verein seine eigenen Regeln und die Verfahrensweise mußte, ähnlich wie heute in der „Wilden Liga“, vor dem Spiel ausgehandelt werden. Wie auf den vielen alten Fotos und Zeichnungen zu sehen ist, war das hohe Bein nicht die Ausnahme, sondern die Regel und üblicherweise bestand ein Spielzug darin, daß ein Spieler den hohen Paß von hinten hoch annahm und dann mit voller Kraft solange auf das Tor stürmte, bis ein Gegner ihn umtrat. Die aus und vom Rugby übernommenen Regeln behandeln unter Abseits beispielsweise just das Erlegen des ballbesitzenden Spielers.

    Der langwierige Prozeß der Regelfindung und Verbandsbildung zieht sich als roter Faden durch die wechselweise zusammenfassenden und anekdotisch erzählenden, immer aber amüsanten Kapitel.
    Zu bemerken sind zwei Aspekte. Die Autoren nehmen den von Planck, stellvertretend für viele andere, vorgebrachten Einwand der Konservativen gegen den Fußball ernst und sehen die Voraussetzung für seinen Siegeszug gerade in seinem Wettbewerbscharakter. So verdankt sich Einführung von Regeln und das Ersetzen des hohen Spiels durch das Flache, des einsamen Stürmens durch Passen, nicht etwa der zunehmenden Gesittung der Spieler, sondern den vielen schmerzlichen Niederlagen gegen insbesondere englische Mannschaften, die so spielten. Der durch das Torverhältnis eindeutig bezeichnete Sieg, oder die Niederlage, so die Autoren, „kennzeichnet die Wende hin zu einer neuen Epoche, in der Rekorde und Höchstleistungen in der Gesellschaft immer wichtiger wurden“. Fußball zeige sich darin als Sport des Fortschritts (was sich aus in den Vereinsnamen spiegele) und die Kritik an ihm und seiner Roheit sei Fortschrittskritik. Obzwar sich das wilde Gebolze auf den notdürftig hergerichteten Spielplätzen als Allegorie auf eine bestimmte soziale Stimmung um die Jahrhundertwende lesen läßt, scheint diese These zur Erklärung des Phänomens, warum gerade Fußball so populär wurde, dennoch nicht ausreichend.

    Es ist dann auch eine andere Geschichte, die hier erzählt wird. Es ist die Geschichte von sportlicher Eleganz – etwa einer holländischen Gastmannschaft, die ohne Ballaufnahme so schön spielt, daß das die Deutschen fortan auch wollen –; es ist die Geschichte bierseligem Gemeinschaftsgefühls in den Vereinen – die, bis hin zum DFB, allesamt an Kneipenischen gegründet und geführt wurden –; es ist die Geschichte großen Sportsgeistes – der die englischen Gastgeber einer deutschen Auswahlmannschaft fürstlich empfangen und diese groteske Niederlagen mit Stil annahmen, einträgliche Gastspiele in den USA etwa aber mit dem Hinweis, nicht für Geld spielen zu wollen, ablehnen läßt –; und es ist die Geschichte, der großen Männer der ersten Stunde, die die Autoren hier voller Bewunderung erzählen. Etwa Konrad Kochs, auf dessen Einwurf hin im Oktober 1874 seine Schüler das erste deutsche Fußballspiel auf ihrem Schulhof begannen, der publizistisch für die Anerkennung des Sportes warb und der die Bezeichnungen Abseits, Mittelstürmer u. dgl. aus dem Englischen einführte. Daß der deutsche Fußball mit dem Einwurf eines promovierten Altphilologen beginnt, fügt ihn sehr hübsch auch in das konservative Selbstverständnis.

    Oder die Geschichte Georg Demmlers: Der als „Kopfballmonster“ berühmte Hühne, dessen körperliche Überlegenheit seinem Verein „B.F.C. Germania“ manchen Sieg sichert, wurde einer der wichtigsten deutschen Sportfunktionäre, Betreiber der Reglementierung des Spiels und Verfechter des Amateurstatus der Spieler. Er war es, das Tourneehonorar aus den USA ablehnte, weil man in seinen Augen Fußball aus Liebe spielt, nicht für Geld.
    Gegenüber den Profis von heute waren die Deutschen damals natürlich Dilletanten, aber dilletieren heißt sich erfreuen und diese Freude ist für die Autoren das Wesentliche am Fußball und der Motor ihres Schreibens über ihn.

    Fast einer Liebeserklärung kommt das nahe, was die Autoren über Walter Bensemann schreiben. Einem Dandy, der sich fast ruinierte, um die 1899 die ersten Länderspiele zu organisieren (die Engländer kamen nur für Geld) und 1920 den „Kicker“ gründete: „Fußball-Feuilleton auf hohem Niveau […] geistreich, [..] aufschlußreich […], fundiert“.
    Selbiges gilt auch für dieses Buch.

    Björn Vedder


    Michael Broschkowski, Thomas Schneider, „Fußlümmelei“.
    Als Fußball noch ein Spiel war,
    Berlin: Transit Bucherlag, 2005,
    127 Seiten, ISBN 3-88747-208-X,
    14, 80 Euro.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter