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H. Harnisch u.a.: Vierter

26.01.2006


Lubomir geht die Puste aus

Wer redet eigentlich von all den Vierten, den tragischen Helden und den Millionen, die gar nicht aufs Treppchen wollen? Ein neues Sportbuch über Aerobic in der DDR, betrunkene Ping-Pong-Spieler und eine Frau, die den Kranich macht.

 

Neben den üblichen Sportgroßevents wie dem Finale der Champions League, dem Start der nächsten Formel 1-Saison, der Tour de France oder dem Tennisturnier in Wimbledon beschert uns das Jahr 2006 im Februar die Olympischen Winterspiele in Turin und schließlich die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vom 9. Juni bis zum 9. Juli. Vor allem wegen dieser beiden Veranstaltungen gilt 2006 in den Medien als das Sportjahr schlechthin.
All die genannten Wettbewerbe verbindet, dass es fast ausschließlich um den Erfolg geht. The winner takes it all. Der Zweite kann noch mit ein wenig Aufmerksamkeit rechnen, für den Dritten fällt ein kleiner Preis und ein mildes Lächeln ab. Wer aber danach kommt, interessiert nicht mehr.

Sport als biografischer Fixpunkt

Schon jetzt lässt sich dieses Phänomen am Fallout der Boulevardzeitungen beobachten (die deutsche Fußballnationalmannschaft muss im eigenen Land mindestens Vizeweltmeister werden und würde selbst damit den Erwartungen noch nicht gerecht). Und auch in den meisten der zahlreichen neu erschienenen oder demnächst erscheinenden Sportbüchern geht es vor allem um Topleistung und (potenzielle) Gewinner.
Umso erstaunlicher, dass das jüngst im Berliner ID Verlag veröffentlichte Sportbuch «Vierter» genau auf diesen Aspekt verzichtet. Nicht die Welt des Leistungssports und der strahlenden Sieger steht darin im Vordergrund.
Es sind, wie es im ausnahmsweise mal guten Klappentext zusammengefasst wird, die «vermeintlichen Nebensächlichkeiten: Sport als Alltagsbeschäftigung, als privates und kulturelles Phänomen. 'Vierter' ist das Synonym für alle, die es nie aufs Siegertreppchen schaffen, für die Sport allerdings ein wichtiger Fixpunkt in der Biografie ist. Ein Synonym für Begeisterung und Leidenschaft am Sport, egal was am Ende dabei raus springt.»

Hobbykicker und Gebirgskraxler

Zu Wort kommen Schriftsteller wie Franz Dobler und Katha Schulte, Musiker wie Schorsch Kamerun oder David Grubbs, der Filmregisseur Christian Petzold, zahlreiche Radio- und Printjournalisten sowie Ludwig Lugmeier, bekannt durch seine Überfälle auf Geldtransporter und seine spektakuläre Flucht aus einem Gerichtssaal. Ergänzt wird das Ganze von Bildern, Cartoons und Fotografien unter anderem von Daniel Clowes und Florian Süssmayr.
Man kann diese Aufzählung aber auch ganz anders fassen: Nämlich als eine Textsammlung ehemaliger oder noch aktiver Tennis- und Tischtennislaien, Kampfsportler und Boxer, Hobbykicker, Baseball- und Golfspieler, Radfahrer und Gebirgskraxler sowie vieler (Ex-)Schwimmer. Das alles spiegelt sich auch in den ausnahmslos schönen Zeichnungen und Fotografien des Buches wider, die von Fuß- oder Handballern und Skifahrern stammen.

Leben und Sterben an der Platte

Meistens schreiben die Autoren über ihre Lieblingssportart. Martin Krauß etwa verschafft seiner Leidenschaft fürs Schwimmen freie Bahn. In seinem Text «Groß war der Sport» verknüpft er geschickt biografische Momente seiner Zeit als Schwimmer, Schwimmtrainer, Politikstudent und Sportjournalist mit der Karriere der deutschen Schwimmerlegende Michael Groß, der ebenfalls Politologie studierte und eine Zeit lang für die «Bild»-Zeitung über Schwimmwettbewerbe berichtete.
Franz Doblers Beitrag «Vom Leben und Sterben an der Platte» ist eine Hymne aufs Freizeit-Tischtennis, das jenseits der Vereine auf öffentlichen oder privaten Platten gespielt wird, in diesem Fall im Hinterhof eines Hauses in einer ungenannten bayerischen Stadt:
«Die Hinterhof-Meisterschaften dauerten den ganzen Tag, weil es nur eine Platte für etwa zwanzig Teilnehmer gibt. In der Regel sind maximal zwei Leute pünktlich um zehn da. Man wischt dann die Platte sauber und legt den Ball drauf, um festzustellen, ob Holzstücke unter Füße geklemmt werden müssen, Bierbänke werden aufgestellt und Kaffeetassen. Je mehr Leute kommen, desto intensiver wird dann das Spielsystem diskutiert.»

Ein linkshändiger Pitcher

Dieses «Camping»-Tischtennis kennt keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Junioren und Senioren, Anfängern und Fortgeschrittenen. Es wird gegrillt, geraucht und «ab den Halbfinals am späten Nachmittag ist der Alkohol ein Spiel beeinflussender Faktor, der sich nicht unbedingt negativ auswirken muss, sondern Hemmungen abbauen kann.»
Doch so manche Autoren weichen vom Schema ab und schreiben über das, was nicht von ihnen erwartet wird. Katha Schulte, in deren Sportlerbiografie nur kurz und knapp «Alpenüberschreitung Sommer 2004» vermerkt ist, steuert eine hübsche Erzählung über die jugendliche Kampfsportlerin Nicole und ihre Lieblingstechnik bei: den Kranich.
Ludwig Lugmeier, im Abspann als einer der vielen Schwimmer genannt, stellt die tragische Short Story «Lubomirs Endspurt» über einen immer langsamer werdenden Läufer vor. Und David Grubbs, als linkshändiger Baseballpitcher eingeführt, erzählt, was die Geschichte des Kentucky-Derbys, eines hierzulande völlig unbekannten Pferderennens, mit seinen diversen Postpunkbands und -songs gemein hat.

Fernsehen kann nur Guido Knopp

Hinzu kommen einige theoretisch-analytische Texte, zum Beispiel Reto Baumanns schräge Auslassungen über den Autorennsport im Film sowie der doch leicht prätentiöse Beitrag Björn Gottsteins über «Sound, Geräusche, Rhythmen» im Sport. Auch Christian Petzold wechselt im Interview schnell von der biografischen zur analytischen Ebene, ohne aber dabei zu langweilen.
Im Gegenteil gehören seine Erinnerungen und Aussagen über Fußball im Film und im Fernsehen zu den Highlights des Buches. Mit dem Satz «Fernsehen kann keine Geschichte machen. Die können nur 'Guido Knopp' machen», erklärt er präzise den erstaunlichen Mangel an Sportgeschichte im Fernsehen, obwohl in den Archiven sicher kein Mangel herrscht.

Streng subjektiv

«Vierter» erzählt Sportgeschichten aus aller Welt und verbindet sie häufig elegant mit zeitgeschichtlichen, kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Was hat das eigene Tennisoutfit mit Neonazis zu tun? Wie kann ein Pferdename die Bereitschaft zum Wetten verstärken? Warum war die DDR so begeistert vom Aerobic?
Diese und ähnliche Fragen werden im Buch gestellt und von den vielen lucky losers beantwortet – ganz nebenbei, streng subjektiv und leidenschaftlich. Schön ist auch: Der Leistungssport wird dabei nicht dämonisiert, er kommt schlicht nicht vor. Aber für diesen Bereich gibt es im Sportjahr 2006 ja genügend andere Bücher.

Maik Söhler


Henning Harnisch / Oliver Kleinschmidt / Valerie Trebeljahr / Julian Weber (Hg.): Vierter. Sportbuch. ID Verlag 2005. 140 S., 19,80 Euro

Beitrag ersterschienen am 10. Januar 2006 in der Netzeitung

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