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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:14

     

    Subcomandante Marcos: Botschaften aus dem lakandonischen Urwald

    19.01.2006

    Die Revolte der Maske

    Faszinierende Polit-Prosa eines Führers, der kein Führer sein will: Die Botschaften des Subcomandante Marcos aus Mexikos Süden
    Hätte, damals, in den Neunzigerjahren, die desillusionierte Linke die Stelle des Hoffnungsträgers ausschreiben müssen – wie hätte das Bewerberprofil ausgesehen? Vielleicht so: radikal, aber zugleich ironisch; pragmatisch, aber zugleich visionär; charismatisch, aber am Kollektiv ausgerichtet; von der Peripherie kommend, aber mit der europäischen Tradition vertraut.

     

    Und dann kam Marcos, Subcomandante Marcos, zog mit einer Guerilla aus Bauern und Landarbeitern in den mexikanischen Urwald und forderte die seit über sieben Jahrzehnten allmächtige Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) heraus. Ein je nach Perspektive optimistisches oder verzweifeltes Unterfangen, forderten die Aufständischen doch nichts weniger als die Einlösung der Revolutionsversprechen von 1917 – „Tierra y Libertad“ (Land und Freiheit). Und größenwahnsinnig forderten sie zugleich Autonomierechte für die seit 500 Jahren gedemütigte indigene Minderheit. Ausgerechnet für die Ärmsten in Mexikos ärmsten, aber ressourcenreichen Bundesstaat Chiapas. Eine Petitesse, rührend, aber vollkommen folgenlos. Aber was geschah? Die Aufständischen zwangen die Regierung an den Verhandlungstisch. Im Jahr 2000 wurde die PRI landesweit abgewählt. Und seit 2003 gibt es autonome Bezirke, wenn auch staatlich nur halbwegs anerkannt. Dass der Aufstand noch existiert, ist bemerkenswert. Dass er fasziniert, liegt an der Figur des Subcomandante Marcos. Der Begriff Figur ist buchstäblich zu nehmen: Wer der Mann mit der Skimütze ist, weiß niemand so genau, vermutlich ein ehemaliger Soziologie-Dozent; was dieser Mann macht, ist kämpfen, vor allem aber Texte zu verfassen, in denen er mal als Sprachrohr, mal als Autor des Aufstands auftritt.

    Der vorliegende Band vereinigt Texte, die Marcos zwischen 1985 und 2004 veröffentlicht hat. Der größte Teil stammt aus den beiden Anfangsjahren des Aufstands, die letzten 70 Seiten bilden eine aktuelle Bestandsaufnahme. Schade, dass keine editorische Notiz die ungleiche Auswahl begründet, schade auch, dass das Glossar zwar hilfreich, aber arg parteiisch ist. Nur wer vermag sich der Melodie dieser Prosa schon zu entziehen? Marcos schreibt unvergleichlich, mal märchenhaft, dann als Prediger, bald aphoristisch. Beiläufig erwähnt er Cortazár, zitiert Shakespeare-Sonette, während er die globale Weltordnung seziert. Seine Texte sind durchsetzt mit Gesprächen zwischen ihm und seinen Alter Egos, dem Käfer Durito etwa. Hier zeigt sich eine Qualität, die man politischen Texten nun wirklich nicht nachsagen kann: Marcos hat Selbstironie.

    Die Maske und der Spiegel sind die zentralen, paradoxen Metaphern dieser Prosa. Paradox mutet es auch an, dass ausgerechnet eine Guerilla eine pazifistische, demokratische »Zivilgesellschaft« fordert. Aber, wie Marcos in einem Brief an Carlos Fuentes schreibt: „Ich weiß, daß es absurd erscheinen mag, aber Sie werden mit mir übereinstimmen, daß, wenn es eines gibt, was dieses Land seine Geschichte und seine Leute unterscheidet, es diese absurde Paradoxon von Gegensätzen ist, die sich begegnen (die zwar zusammenstoßen, aber sich begegnen): Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Moderne, Gewalt und Pazifismus, Militärs und Zivile. Anstatt zu versuchen, diesen Widerspruch zu negieren oder zu rechtfertigen, haben wir ihn einfach aufgenommen und anerkannt und versuchen unseren Gang seinem nicht ganz so willkürlichen Gang unterzuordnen.“

    Kritiker haben Marcos als einen der originellsten Schriftsteller Lateinamerikas gewürdigt. Das geht in Ordnung, sofern darüber der konkrete Stoff seiner Texte nicht übersehen wird: die Toten zuallererst, aber auch Details wie die Finanzsituation der autonomen Gemeinden, die Marcos seitenlang referiert. Erst sein Realitätsgehalt macht diesen Band zu einem Vademecum: zugleich gegen den neoliberalen Diskurs und gegen die verquasten Texte europäischer Linker. Es klingt fast märchenhaft – aber es könnte sein, dass im mexikanischen Süden die ranzige Rede vom globalen Denken und lokalen Handeln doch noch Gestalt angenommen hat.

    Jens Poggenpohl


    Subcomandante Marcos: Botschaften aus dem lakandonischen Urwald. Aus dem Spanischen übersetzt von Horst Rosenberger. Edition Nautilus. Hamburg 2005.
    Non Fiction – Politik und Gesellschaft
    Broschiert, 352 Seiten.
    Preis: 14,90 ¤
    ISBN: 3-89401-471-7


    Subcomandante Insurgente Marcos ist inoffizieller Sprecher des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees und Mitglied der Generalkommandantur der Ejército Zapatista de Liberación Nacional, Chiapas, Mexiko (EZLN). Weitere biographische Angaben sind ungesichert.

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