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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:52

     

    Hugh Miles: Al Dschasira.

    12.01.2006


    Sender ohne Fehl und Tadel

    Al-Dschasira hat die Öffentlichkeit der arabischen Welt revolutioniert. Hugh Miles stimmt nun eine gelungene, mitunter aber etwas unkritische Eloge auf den Sender an.

     

    Die Insel

    Al-Dschasira heißt zu Deutsch die Insel oder die Halbinsel. Der Begriff ist mehrdeutig: Er kann die arabische Halbinsel bezeichnen wie auch das Zipfelchen Wüste im persischen Golf, das den Staat Katar bildet. Der absolut herrschende Emir des Staates hatte eines Tages in den Neunziger Jahren die Idee, seinen Untertanen Pressefreiheit zu spendieren – und einen Fernsehsender, der diese mit großzügiger finanzieller Unterstützung in die Tat umsetzen darf. Seither ist Al-Dschasira auch in einem dritten Sinn eine Insel, nämlich eine der freien Berichterstattung inmitten der rauen Wogen der Zensur in der arabischsprachigen Welt.

    „Meinung und Gegenmeinung“ - das ist das Motto des Senders und Teil des Logos, das auch der westlichen Welt geläufig ist als Attribut der brisantesten Bilder aus den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens.

    Aber mit Gegenmeinungen macht man sich wenig Freunde: In Israel hält man Al-Dschasira für ein Sprachrohr der Palästinenser, unter den Palästinensern hingegen gilt der Sender als Werkzeug des Mossad. Die USA halten Al-Dschasira für Bin Ladens Haussender und suchen nach versteckten Terroranweisungen in den Sendungen, viele Islamisten hingegen denken, der Sender sei CIA-gesteuert und solle Zwietracht unter den Muslimen säen. Während der Irak-Invasion galt Al-Dschasira den USA als Saddams Propagandawaffe, Saddam hingegen hielt die Berichterstatter für Umstürzler.

    Meinung und Gegenmeinung

    Woran liegt es, dass der Sender für so viel Unmut in den politischen Eliten nicht nur der arabischen Welt sorgt? Es ist die Philosophie des Senders, grundsätzlich alle zu Wort kommen zu lassen, sei es Osama Bin Laden, der dem Sender und seinem Reporter Alluni das einzige Exklusiv-Interview nach 9/11 gönnte, seien es die Bekenner- oder Hinrichtungsvideos irakischer Terrorzellen, seien es von der israelischen Armee gedemütigte Palästinenser oder von palästinensischen Selbstmordattentätern getroffene israelische Zivilisten, sei es Saddam Hussein oder Condoleezza Rice.

    Die Sendeformate von Al-Dschasira sind auf Provokation angelegt. Die Reportagesendung „Top Secret“ ist ein Musterbeispiel für investigativen Journalismus, „Die andere Richtung“ ist eine Talkshow, die Vertreter zweier diametral entgegengesetzter Positionen miteinander konfrontiert und diese in einer für die arabische Öffentlichkeit unerhörten Offenheit aufeinanderstoßen läßt. Verschärft wird das Rezept durch live geschaltete Zuschaueranrufe, die sich frei und unzensiert äußern können – und das auch tun.

    Dabei werden häufig Dinge gesagt, die den arabischen Herrschern jeder Provenienz den Atem verschlagen, denn die Sendung wird in London produziert und live über Satellit gesendet, so dass keine Zensurbehörde eingreifen kann. Die ungeheuerliche Wirkung einer solchen Sendung auf einen Kulturraum, dem neben der Sprache vor allem die lebhaften Zensurbemühungen gemeinsam sind, können wir von der Meinungsfreiheit Verwöhnten gar nicht recht nachvollziehen.

    Merkwürdige Frucht

    Dies und vieles mehr berichtet Hugh Miles in seiner kurzweiligen wie materialreichen Monographie über Al-Dschasira. Er ist fundierter Kenner der arabischen Welt und deren Medien. Wie beiläufig gibt er eine gelungene Landeskunde des Emirats von Katar am Anfang des Buchs, um das Pflänzchen zu vorzustellen, das eine so merkwürdige Frucht wie Al-Dschasira trägt.

    In elf Kapiteln schildert Miles die Entwicklung des Senders, die mit den aktuellen Konflikten und Kriegen in der Region des Nahen und Mittleren Ostens die entscheidenden Schritte vorwärts machte. Miles hat für das Buch zahlreiche Gespräche geführt; entsprechend vielseitig sind die Blickwinkel. Im letzten Kapitel, das ein wenig schwächer ausfällt als die vorhergehenden, versucht er, die Bedeutung Al-Dschasiras für die in den USA lebenden Araber zu erschließen.

    Die Ankündigung eines englischsprachigen Programms für das Frühjahr 2006 scheint Miles nicht recht zu überzeugen, weil die Zielgruppe ihm nicht klar genug definiert ist. Das Unternehmen wird mit Spannung zu erwarten sein.

    Ohne Fehl und Tadel?

    Hugh Miles ist begeistert von der Wirkung Al-Dschasiras. Er ist es zu Recht. An einigen Stellen allerdings ist sein Enthusiasmus ein wenig zu unkritisch. Ein heikles Kapitel ist der Fall von Taisir Alluni, des ehemaligen Starreporters von Al-Dschasira. Er wurde im November, also nach Redaktionsschluss des Buchs, im großen spanischen Al-Kaida-Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihm wird die finanzielle Unterstützung von Al-Kaida angelastet.

    Al-Dschasira betrachtet ihn als zu Unrecht inhaftierten Journalisten, dem sein Engagement in Afghanistan und Irak nun vergolten werden soll. Miles bespricht den Vorgang ausführlich und erkennt die Brisanz eines möglichen Schuldspruchs, wie er dann auch eingetreten ist: Sollte ein Zugpferd des Senders sich als „Trojaner“ des Terrors herausstellen, wäre die Glaubwürdigkeit des Senders entscheidend getroffen. Die Haltung Dohas in den nächsten Wochen wird Aufschluss geben.

    Miles übt keinen Zweifel an der vollständig unabhängigen Berichterstattung Al-Dschasiras. Zumindest in einem Punkt scheint man aber in Doha, dem Hauptquartier des Senders, die völlige Freiheit begütigend zähmen zu wollen, indem man eine feine Selbstzensur übt. Wie Bruce Lawrence, Herausgeber von Bin Ladens Reden, kürzlich in einem Interview mit der taz bemerkte, sind die Bänder, die Al-Dschasira von Bin Laden gesendet hat, gelegentlich um besonders heftige Kritik an Katar und auch an den Saudis bereinigt worden.

    Die Gründe dafür leuchten ein: Katar beherbergt eine der größten US-Militärbasen, was Bin Ladens Zorn erregen muss. Der Emir von Katar ist aber auch der Finanzier von Al-Dschasira. Ohne seine großzügigen Zuschüsse wäre der Sender längst kollabiert. Schuld an der finanziellen Unselbständigkeit sind auch die Saudis, die aus Ärger über die freie Berichterstattung ein Werbeembargo gegen Al-Dschasira praktizieren, was die Werbeeinnahmen erheblich belastet. Eine dezente Reduzierung der antisaudischen Polemik Bin Ladens könnte als Zeichen des guten Willens gemeint sein, um eines Tages frei von saudischen Boykotten die Werbeeinnahmen sprudeln zu lassen.

    So ausführlich Miles über die Missetaten der Saudis berichtet, so wenig erwähnt er die feinen Begradigungen in den Bin-Laden-Bändern. Dem liegt sicherlich keine Absicht zugrunde, aber es zeigt, dass auch Al-Dschasira, bei allen Verdiensten, nicht ganz frei von Fehl und Tadel ist – obwohl der Code of Ethics, der auf der exzellenten englischsprachigen Seite nachzulesen ist, höchste Ansprüche stellt.

    Mythos der Objektivität

    Diese kleinen Korrektive zu Miles' Enthusiasmus schmälern aber weder die Verdienste des Autors noch die des Senders in entscheidendem Maße. Was Al-Dschasira in der arabischen Welt bereits bewirkt hat und noch bewirken wird, hat irreversible Folgen. Der Anspruch der Beherrschten auf Bericht und Rechenschaft ist in einem vorher nicht zu erwartenden Maße gestiegen und wird weiter steigen.

    Keine westliche Intervention, sei es eine diplomatische oder militärische, wird je eine so fundamentale freiheitliche Wirkung haben wie Al-Dschasira. Das Buch von Hugh Miles aber hat auf den westlichen Leser noch eine ganz andere Wirkung: Er ist zu erkennen genötigt, dass die westlichen Medien bei weitem nicht so objektiv sind, wie man sich das gern einbildet. Sie berichten von einem (durchaus legitimen) kulturellen Standpunkt her und neigen ebensosehr zu einer gewissen Selektion der Fakten, wie Al-Dschasira das auch tut.

    Während die westlichen Medien betrübt den Kopf über die unbefriedigenden humanen und politischen Zustände im arabischsprachigen Raum schütteln, spricht sich bei Al-Dschasira immer wieder die hilflose Wut über die als offene Wunde empfundene Lage der Palästinenser aus. Miles macht deutlich, dass die okzidentale öffentliche Meinung mitunter nicht weit von einem Gesinnungskolonialismus entfernt ist. Das ist ärgerlich, aber plausibel.

    Bernd Draser


    Hugh Miles: Al Dschasira. Ein arabischer Fernsehsender fordert den Westen heraus.
    Europäische Verlagsanstalt 2005.
    Broschiert, 335 Seiten. 24,80 ¤.
    ISBN 3434505946.

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