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Georg Franck: Mentaler Kapitalismus

27.10.2005


Ich-AGs des Narzissmus

Licht- und Schattenseiten der Aufmerksamkeit: Georg Franck beschreibt den „mentalen Kapitalismus“ als Grundzug der Epoche

 

Vor einigen Wochen listeten die Zeitschriften Prospect und Foreign Policy die „world`s top 100 public intellectuals“ auf. Aus Deutschland schafften es Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk, Hans Küng und Papst Benedikt XVI. auf die Liste. Ein pubertäres Spiel, das in der Welt des Geistes keinen Platz finden dürfte, möchte man denken. Und doch folgen solche Listen und rankings einer Logik. Sie verzeichnen Stars. Sie nehmen Teil an der Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Georg Franck hat dieses Stichwort vor sieben Jahren erfunden, es zählt inzwischen zum medialen Wortschatz. Nun diagnostiziert Franck den „Durchbruch einer immateriellen Ökonomie“, innerhalb derer die Kategorie «Aufmerksamkeit» das Geld als Leitwährung abgelöst hat. Das klingt spröde, und in der Tat braucht Francks Leser nicht nur ökonomische Grundkenntnisse, sondern vor allem Phantasie. Das kapitalistische Konzept «Aufmerksamkeit» hat nämlich weder mit der individuellen Aufmerksamkeit zu tun noch mit der Vorstellung, man schenke etwas oder jemanden Beachtung. Im Gegenteil: In Francks System gibt man Wert, um etwas einzunehmen, man investiert Beachtung, um Gewinne, Renditen und Pensionsansprüche zu erzielen. Dies gelte auch für die Wissens- und Kulturindustrie, jene Märkte also, die „die Bedürfnisse des Bewusstseins bedienen“. Auch hier sei Aufmerksamkeit eine knappe Ressource. Einigermaßen skandalös, erhoffen sich ältere wie neue Idealisten von der (Hoch-)Kultur doch subversive Attacken gegen die Zumutungen der Ökonomie – oder verstehen sie zumindest als geschützten Raum. Aber wofür arbeiten Kulturmenschen zuallererst? Eben.

In seiner schlüssigen Kritik an Pierre Bourdieus Überlegungen zum kulturellen und sozialen Kapital zeigt Franck, dass dessen Konzept über die negative Form der Distinktion die positive des Einkommens vergaß. Entsprechend unzeitgemäß sei Bourdieus Bild des Homo Academicus. Längst sei der Wissenschaftler aus den strikt ständischen, elitären Clubs des französischen Hochschulbetriebs in die globale Forschungswelt ausgezogen. Er agiere nun als „wilder Kapitalist“ (Bruno Latour), als Unternehmer in eigener Sache – brutal, effizient, zynisch. Er wisse dass sein Marktwert sich in einem abstrakten und anonymisierten Zahlungsmittel bemisst: dem Zitat. Wer diese Lektion begriffen habe, könne Positionen besetzen, strategische Allianzen schmieden und impression management betreiben. It`s the economy, professor!

Nur: Erklärt das schon, wie Hochschulkarrieren entstehen? Und wie zeitgemäß ist dieses Bild noch? Franck beschreibt eine autonome Wissensindustrie, als ob es nicht längst eine zwiespältige Debatte über die Ökonomisierung des Bildungssystems gäbe und ob die Wissenschaftler nicht längst einen Markt jenseits der Fachorgane entdeckt hätten. Man denke nur an den berüchtigten TV-Parteienforscher. Dies gilt umso mehr, als Franck das Fernsehen für die eigentliche Prominenzmaschine hält. Der „Aufzucht von Rennpferden“ vergleichbar, hätschelt es seine Lieblinge, promotet die Ich-AGs des Narzissmus – und braucht dann und wann einen Skandal.

Rigide Trennungen zwischen Hoch- und Popkultur stören da nur. Um dies erträglich zu machen, bedurfte es laut Franck einer Theorie, die Relativierungen und Grenzüberschreitungen zu begründen vermochte, ohne im Verdacht des Geschäfts zu stehen: die Theorie der Postmoderne, später dann die der Dekonstruktion. Neu ist die These nicht, aber Franck wendet sie mit Gewinn auf den „Funktionalismus der Auffälligkeit“ an. Kenntnisreich, detailliert und souverän beschreibt er die Erfolgsstory der Stararchitekten Libeskind, Eisenman und Kohlhaas.

Aber nicht deren verrätselte Statusbauten beherrschen laut Franck das Bild der Städte. Vielmehr habe eine „Invasion der Marken und Cameras“ stattgefunden. Die Werbung fabriziert den „auratischen Glanz“, während Türsteher, Videokameras und biometrische Daten das Publikum sortieren. Überwachen und werben. Wirklich elend sind diejenigen, denen niemand mehr Beachtung schenkt. Wer aber zugibt, dass er zugibt nicht beachtet zu werden, verachtet sich selbst – und hat erst recht verloren. Diese neue Verteilungsgrenze zwischen arm und reich reicht nicht aus, um die Kulturkonflikte unserer Tage zu erklären. Und ob Franck das gespreizte Schlusskapitel gebraucht hätte, um zu erkennen, „dass es das Achten anderer Menschen ist, worauf wir am allermeisten achten“, ist zu bezweifeln. Dennoch: ein wirklich interdisziplinärer, höchst anregender Entwurf.                     

Jens Poggenpohl


Georg Franck: Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes. Carl Hanser Verlag. München/Wien 2005.
Essay/Sachbuch – Kategorie: Politik & Gesellschaft
Broschiert, 285 Seiten.
Preis: 23,50 Euro
ISBN: 3-446-20687-6


Kurze Autoren-Biographie:

Georg Franck, geboren 1946, ist seit 1994 Professor für digitale Methoden und Raumplanung an der Technischen Universität Wien. 1998 erschien seine Ökonomie der Aufmerksamkeit, die 2004 in der achten Auflage vorlag.

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