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Schriftstücke, Autographen aus sieben Jahrhunderten

20.10.2005

Sammler mit Herz und Seele
Es gibt nahezu nichts, das es im Schriftverkehr heute nicht gibt, wir wählen Vorlagen, Schriften, Formate, Briefe wechseln als mails in Sekundenschnelle vom Absender zum Adressaten. Und doch: Schriftbilder sind standardisiert, es gibt keine persönliche Handschrift mehr, keine individuelle Gestaltung. Unsere Briefkultur ist ärmer geworden, die Art und Weise, Mitteilungen schriftlich auszutauschen entbehrt jeder persönlichen Note.

 

Kein Wunder also, dass alte Handschriften großes Interesse hervorrufen, bei Sammlern beliebter denn je sind. Einer der ganz großen und leidenschaftlichen Sammler ist Pedro Correa Do Lago, einst Antiquar und Kunsthändler, heute Leiter der brasilianischen Nationalbibliothek. Seine Privat- Sammlung von Manuskripten und Autographen soll zu den schönsten und reichsten der Welt“ gehören. Ein Blick in das faszinierende Buch lässt daran keinen Zweifel aufkommen.

Leidenschaft und Zauber

„Jeder Brief...bleibt eine bewegende Spur dessen, der ihn geschrieben hat.. Ihn in Händen zu halten ist sicher der engste Kontakt, den man zu einem Menschen haben kann, der seit langem tot ist.“ 30 000 Autographen hat Pedro Correa Do Lago in 35 Jahren zusammengetragen, 350 werden in diesem Bildband präsentiert und erläutert und beim Blättern versteht man, dass hinter der Präsentation der Wunsch steckt, „die eigene Sammlung mit anderen Menschen ...zu bewundern“, „Leidenschaft deutlich zu machen“ und den ‚Zauber’ alter Handschriften zu vermitteln. Der 1958 in Rio de Janeiro geborene Do Lago sammelt alles an Briefen, schriftlichen Vermerken, Signaturen, als „disziplinierte Streuung“ bezeichnet er seine Sammlung, „Zeugnisse maßgeblicher Persönlichkeiten aus der Geschichte und Kultur des Westens, beginnend etwa um 1500“

Von Mao bis Mata Hari

Ein paar Noten auf einen Zettel gekritzelt, darunter Serge Prokofieff, ein ‚musikalisches Zitat’, darunter Toscanini, ein länglicher kleiner Zettel mit einer an Kalligraphie erinnernden Signatur, da muss schon Mao Tse-tung daneben stehen.. aber es sind nicht die alleinigen Unterschriften, die Signaturen, die do Lago interessieren und faszinieren. Da ist ein Brief von Elisabeth I aus dem Jahr 1558 schon ein ganz anderes Kaliber: „ Sie ist noch so unerfahren, dass sie vergisst wie ihre Schwester ‚The Queen’ hinter ihren Namen zu setzen.“ Monarchen, Regenten, Wissenschaftler, Künstler, Schauspieler, Dichter , es ist ein aufregendes Stelldichein Prominenter. Napoleon, Goethe, Lord Nelson, Lord Byron, Chopin, Wagner, Victor Hugo, Mahler, Einstein, Lenin, Churchill, Picasso...er hat sie einfach alle, wahre Schätze, wertvolle Briefe, ganz persönliche Notizen, privat- intime Randbemerkungen von Menschen, die Geschichte machten, so auch Briefe von Mata Hari, jener „Tänzerin von zweifelhaftem Ruf“, die der ‚Spionage für das Deutsche Reich’ beschuldigt und erschossen wurde. „In diesem Brief benachrichtigt sie einen Liebhaber...dass sich ihre Abreise verzögere.“

Autographen als Forschungsobjekte

In solchen Dokumenten liegt der wahre Sammlerreiz. In einem privaten Brief spricht ein Mensch „ungekünstelt, unmanieriert, unvoreingenommen’ und „das Herz zeigt sich...nackt und bloß“, so steht es schon in einem Handbuch für Liebhaber von Autographen 1836.
So wird das Blättern durch diesen exklusiven Bildband nicht nur ein Spaziergang durch siebenhundert Jahre Geschichte, gesehen durch einen ganz speziellen Filter, sondern es taucht automatisch auch ein wenig Wehmut auf: die Handschrift als individueller Ausdruck, als ein so persönliches Merkmal wie Sprache und Aussehen, ist weitgehend verloren gegangen. Und es wundert nicht, dass Autographen auch Forschungsobjekte sind, „Gegenstand tiefer gehender akademischer Untersuchungen zur Analyse der ‚Entwicklung des Geschriebenen.’“ Ein Bildband, den man mit Genuss durchstöbert!

Barbara Wegmann


Pedro Correa Do Lago: Schriftstücke
Autographen aus sieben Jahrhunderten
Bildband
Gerstenberg Verlag
ISBN: 3806729395
290 Seiten
Preis: 59 EURO

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