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    TITEL kulturmagazin
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    Jens Bisky: Die deutsche Frage

    13.10.2005


    Das Spaßbad als Stahlbad

    Jens Bisky erklärt, „warum die Einheit unser Land gefährdet“, und macht Vorschläge für einen neuen Versuch.

     

    Es gab Momente der Wahrheit im jüngsten Wahlkampf. Die „Frustrierten“ dürften nicht über die künftige Regierung entscheiden, empörte sich der bayerische Ministerpräsident, ein Innenminister spekulierte nach einem grässlichen Kindsmord über den verwahrlosten Osten und eine Partei forderte für die neuen Länder sogar eine Sonderwirtschaftszone, die auch baulich vom Rest des Landes zu trennen sei.

    Der Sarkasmus des Satireblatts Titanic und die Fassungslosigkeit der Regionalpolitiker treffen sich in einem Punkt: 15 Jahre nach der Einheit ist Deutschland ein geteiltes Land, bilden Ost und West den wichtigsten Gegensatz. „Das Wort Einheit“, schreibt Jens Bisky, „bezeichnet den ersten großen Misserfolg der bundesdeutschen Geschichte.“ Das ist wahr, das ist bekannt. Aber wenn ein kluger Kopf wie Bisky Die deutsche Frage beschreibt, weckt das Hoffnungen über die bloße Beschreibung hinaus. Schließlich hat der Sohn des PDS-Vorsitzenden eine glänzend geschriebene, aufrichtige Autobiographie über ein Leben in der DDR vorgelegt, schließlich kennt Bisky als Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung westdeutsche Befindlichkeiten, schließlich zeugen seine Essays von einer unpeinlichen Sehnsucht nach einer gesamtdeutschen Bürgerlichkeit. Bei Bisky darf der Leser auf ungewöhnliche Details und Distanz zum allgemeinen Gerede hoffen. Genau das verspricht Bisky auch: einen „unbefangenen Blick“ und „Gelassenheit“. Umso verwunderlicher sein durchweg dramatisches Vokabular: Die Einheit erscheint Bisky als „Luftspiegelung über dem Abgrund“, das Land im „Zustand breschnewartiger Lähmung“, die Gesellschaft als neurotisch, irgendwo zwischen „Reformhysterie“ und „Duldungsstarre“. Wenn das so weiter geht, ist Deutschland bald „verarmt, vergreist, verblödet“, erst der Osten, dann der Westen. „Abstiegskampf“ statt Champions League. In seiner Diagnose wirkt Bisky manchmal wie ein Steward, der die Passagiere eines abstürzenden Flugzeugs anbrüllt, ja die Ruhe zu bewahren. Und klingt dann wie der nächste professionelle Ruck-Redner.

    Die Fakten allerdings klingen deprimierend genug: „Der Aufbau Ost hat bisher rund 1250 Milliarden Euro Bruttotransfergelder verschlungen. Dafür haben wir erhalten: herrliche Kulissen, komfortables Elend, dauerhafte Abhängigkeit und Ruhe im Osten.“ Der Westen ergeht sich unverdrossen am Selbstbetrug der Formel „Wachstum für alle“, während – so die OECD – die gesamtdeutsche Wirtschaftsschwäche zu zwei Dritteln auf das Konto des Aufbau Ost gehe. Als dessen Symbole hat Bisky die unwirklichen Kulissen der Spaßbäder inmitten trostloser Landschaften ausgemacht. Der Osten hängt am Tropf, der Westen geht am Stock.

    Ganz ohne Hoffnung will Bisky seine Leser indes nicht entlassen. Deshalb versucht er sich im Schlusskapitel als Ein-Mann-Enquete-Kommission. Seine Vorschläge für eine „neue Einheit“: erstens Ostdeutschlands Universitäten und Schulen mit den Mitteln des Solidarpakts II „schamlos fördern“; zweitens die Zahl der Förderprogramme insgesamt „unverzüglich“ reduzieren und die Sozialsysteme umbauen – ein schlanker Staat mit einer Option für die Armen; drittens sei es an der Zeit, im Osten ein „vernünftiges Schrumpfungsmanagement“ zu erproben, um „in menschenleeren Gegenden eine Struktur des Sozialen zu sichern“. Dass in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ganze Landkreise bald entvölkert sein werden, weiß die politische Elite auch. Längst überlegt sie, wie eine Politik des geordneten Rückzugs zu organisieren wäre. Dass sie sich nicht traut, das laut zu sagen, hat damit zu tun, dass Biskys vierte Forderung – die „Gelassenheit“ einer bürgerlichen Kultur, die Fähigkeit, „sich selbst mit Distanz zu betrachten“–, noch nie zu den Stärken dieses Landes gezählt hat. Weder im Osten noch im Westen.

    Jens Poggenpohl


    Jens Bisky: Die deutsche Frage. Warum die Einheit unser Land gefährdet.
    Rowohlt Berlin Verlag. Berlin 2005.
    Broschiert, 222 Seiten.
    Preis: 12,90 ¤.
    ISBN: 3 87134 526 1


    Autoren-Biographie

    Jens Bisky wurde 1966 in Leipzig geboren. In Berlin studierte er Kulturwissenschaften und Germanistik. Er schrieb für die Berliner Zeitung und ist heute Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung. 2004 erschien Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich.

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