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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:50

     

    Wilfried F. Schoeller (Hrsg.): Diese merkwürdige Zeit

    10.08.2005

    Willkommene Erinnerung an einen journalistischen Glücksfall
    Mit der „Neuen Zeitung“, einer „amerikanischen Zeitung für die deutsche Bevölkerung“, schufen die US-Militärs das Vorbild für einen westdeutschen demokratischen Nachkriegsjournalismus. Ein „Textbuch“ aus den 10 Jahren der „Neuen Zeitung“ (1945/1955) versammelt Zeugnisse für das westdeutsche Leben nach der „Stunde Null“, in der mancherorts aber noch die alte (Nazi)Zeit fortdauerte.

     

    Knapp zehn Jahre nur hat es die „Neue Zeitung“ gegeben, vom Oktober 1945 bis zum Januar 1955. Aber es dürfte wohl kein zweites publizistisches Arsenal der Alltags-Geschichte, keinen vergleichbar konzentrierten Brennspiegel für dieses Jahrzehnt und die geistige, politische und gesellschaftliche Entwicklung im westlichen Nachkriegsdeutschland geben, als eben diese von der US-Besatzungsmacht gegründete und langfristig auch finanzierte „amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“, wenn auch dieser ursprüngliche Untertitel nur die unmittelbar angestrebte Intention war, die der Oberkommandierende General Dwigt D. Eisenhower in seinem Geleitwort am 18.10. 1945 in vier Zielen umriß:
    1.     Die „Neue Zeitung“ soll als einzige überregionale Zeitung, neben den ersten deutschen Lizenzzeitungen, im gesamten Gebiet der US-Zone vertrieben werden und damit alle Landesteile verbinden.
    2.     Sie soll der künftigen demokratischen Presse in (West)Deutschland durch „objektive Berichterstattung, bedingungslose Wahrheitsliebe und hohes journalistisches Niveau als Beispiel dienen“.
    3.     Sie soll „durch die Betonung der Weltereignisse das Blickfeld des deutschen Lesers erweitern“, was nach der zwölfjährigen Abschottung und Verzerrung durch die „gleichgeschaltete“ Nazipresse dringend erforderlich war.
    4.     Sie soll „dem deutschen Volk die Notwendigkeit jener Aufgaben vor Augen führen, die vor ihm liegen“ und die es – betont streng der nachmalige amerikanische Präsident als damaliger Oberkommandierender – selbst anpacken und bewältigen muß: „Ausschaltung von Nationalsozialismus und Militarismus und die aktive Säuberung der Regierung sowie des Geschäftslebens (...) Das deutsche Volk muß erkennen, daß es, um diesen harten Winter zu überstehen, sich losmachen muß von jenem Herdengeist, mit dem es 12 Jahre hindurch behaftet war. (...) Deutschland muß ein Land friedlicher Arbeiter werden, in dem der einzelne fähig ist, seine Initiative zu gebrauchen – oder Deutschland wird keine Zukunft haben“.

    Diesen markigen Worten folgten, wie wir alle wissen, wenn wir es noch wüßten, nicht ebensolche Taten. Schon gar nicht durch „die Deutschen“ oder das „Deutsche Volk“; und auch ohne daß die „aktive Säuberung der Regierung sowie des Geschäftslebens“ von einem Volk betrieben wurde, das schon bald nach seinem „Zusammenbruch“ nur noch „Mitläufer“ kannte und keine Nazis mehr, hatte zumindest der Westteil eine glorreiche, restaurative, prosperierende Zukunft vor sich. Erst im Verlauf der heute schon wieder inkriminierten Achtundsechziger „Reformation“ wurden nachholend an „Haupt und Gliedern“ einige jener „Aufgaben“ erledigt, die Eisenhower 1945 zur „Reeducation“ des aus der Völkergemeinschaft barbarisch ausgescherten deutschen Volks vor Augen gestanden hatten – wenngleich zeitverschoben, in anderen (welt)politischen Umständen und motiviert vom weltweiten Protest gegen den Vietnamkrieg der amerikanischen Weltmacht.

    Die erste überregionale Zeitung der Nachkriegszeit

    Da gab es aber die “Neue Zeitung“ schon dreizehn Jahre nicht mehr, wobei die in München/Frankfurt a.M. zuletzt hergestellte Hauptausgabe schon am 12. 9. 1953 eingestellt worden und nur eine Berliner Ausgabe noch bis Anfang 1955 erschienen war.
    Es war das Jahr, in dem der Kriegszustand zwischen der UdSSR und Deutschland für beendet erklärt, Bundeskanzler Adenauer bei einem Staatsbesuch in Moskau die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen erreichte und die BRD sowohl die volle Souveränität wie auch die Mitgliedschaft in der NATO erreichte. Die europäische Nachkriegsordnung war damit bis 1989 zementiert, nachdem der „Volksaufstand“ in der DDR 1953 von den „Soffjjets“ (Adenauer) niedergeschlagen worden war, wie auch 1956 der ungarische und 1968 der tschechoslowakische „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“.

    1955 hatte die „Neue Zeitung“, die zeitweilig 2,5 Mio (!) Exemplare gedruckt und 10 Mio. (west)deutsche Leser hatte, ihre pädagogische Schuldigkeit getan und ihre ursprünglichen Ziele erreicht: nämlich als Flaggschiff einer demokratischen westdeutschen Presse den überall entstandenen Regionalzeitungen journalistisches Handwerk und demokratisches Ethos zu vermitteln; und als überregionale Tageszeitung (seit 1949) traten Axel Springers damals noch liberale „Die Welt“, die konservative FAZ, die linksliberale FR und die liberale SZ zu ihr in Konkurrenz. Es waren Blätter, die ökonomisch (durch Anzeigen) sich ihre Unabhängigkeit erwirtschafteten – eine Basis, welche die „Neue Zeitung“ nicht hatte. Zuletzt soll sie, nachdem die USA finanziell kürzer traten, durch die Bundesregierung gestützt worden sein.

    Es versteht sich von selbst, daß die „amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“ politisch schon bald in die weltpolitischen Turbulenzen des „Kalten Kriegs“, der „Berliner Blockade“ und der innerdeutschen Verwerfungen durch die beiden Staatsgründungen hineingezogen wurde und Partei ergriff und Partei war. Wie auch anders? Gleichwohl entsprach ihre Funktion und Praxis weder am Anfang noch gegen ihr Ende hin politischer Rigidität, vorallem nicht in ihrem umfangreichen Feuilleton, das ganz am Anfang Erich Kästner geleitet hatte.

    Der Beitrag der deutsch-jüdischen Emigranten

    Es waren weniger die amerikanischen Journalisten, sondern vor allem die deutschjüdischen Emigranten – wie die Chefredakteure Hans Habe und Hans Wallenberg, Verantwortliche Redakteure wie Stefan Heym oder Peter de Mendelssohn – , die das ursprünglich militärisch ausgerichtete „Reeducation“-Programm angesichts einer barbarisierten, ignoranten und verstockten deutschen Nation in einen dauerhaften geistigen und moralischen Brückenschlag zwischen den USA und Deutschland (West) verwandelten und damit maßgeblich zu der demokratischen Erneuerung in der westdeutschen Intelligenz und Publizistik sorgten. Sie zogen eine Vielzahl von jüngeren deutschen Journalisten und Schrifstellern heran, die nationalsozialistisch „unbelastet“ waren – im Gegensatz zu einer journalistischen Kollegenschaft, die nicht nur in Goebbels Nobelzeitung „Das Reich“, sondern auch andernorts im „Dritten Reich“ publiziert hatte und ihre Karrieren samt ihren „Seilschaften“ in vielen deutschen konservativen und liberalen Lizenzzeitungen demokratisch „gewendet“ oder auch bloß nur wendig fortsetzen konnte.

    Der augenblickliche Generalsekretär des deutschen P.E.N.- Zentrums, Wilfried F. Schoeller, hat es jetzt unternommen, aus diesem einzigartigen journalistischen Zeugnis der (west-) deutschen Nachkriegsgeschichte ein „Textbuch“ zusammenzustellen, eine Anthologie von Beiträgen verschiedenster Art, aufgrund deren es dem heutigen Nach-Leser möglich wird, intensivste Einblick in das „Leben nach der Stunde Null“ in Westdeutschland, Berlin und gelegentlich in der SBZ (der „Sowjetisch besetzten Zone“) zu gewinnen. Der Anthologist ist bescheiden genug, seiner Blütenlese aus Tausenden von Beiträgen einen „repräsentativen“ Charakter abzusprechen: „Jede andere Auswahl wäre möglich und wünschenswert – und genauso unvollständig wie die vorliegende“, behauptet Schoeller in seinem Vorwort. Da aber kaum damit zu rechnen ist, daß er Nachfolger (und vor allem publikationswillige Verlage!) finden wird und seine mehr als 700 seitige (!) Auswahl sowohl die erste als auch die letzte solcher selbstvergewissernden Tiefenbohrungen in den journalistischen Materialablagerungen aus der Frühgeschichte Nachkriegsdeutschlands & der Bundesrepublik bleiben dürfte, müssen wir notgedrungen Schoellers Sammlung mit dem Titel „Diese merkwürdige Zeit“ als pars pro toto nehmen.

    Ohnehin hat er als souveräner Kenner der deutschen Literatur, ihrer Exilanten und ihrer geistespolitischen Entwicklung hinlängliches Vertrauen verdient, und erst recht unseren bewundernden Dank für seine Recherchenarbeit und seine Intention, allen Heutigen dieses Füllhorn von journalistischen und literarischen Zeugnissen unserer weithin unbekannten, d.h. noch nicht einmal vergessenen, sondern noch nie wirklich wahrgenommenen Vergangenheit vor Augen gebracht zu haben & last not least der „Edition Büchergilde“, die ihm diesen „Ahnen- & Enkeldienst“ ermöglichte. Höchst zu wünschen wäre, daß viele deutsche Leser von den hier eröffneten Möglichkeiten einer Selbstvergewisserung & -aufklärung Gebrauch machen würden – weil dieses Kaleidoskop den Blick schärft für das, woher wir 1945 kamen, wie wir uns den tiefen Schatten der Vergangenheit entwanden und wohin wir einmal uns entwickeln wollten. Ein aufregendes, nachdenklich machendes Lese-Abenteur.

    Ein Baedecker des westdeutschen Nachkriegsjournalismus

    Die Anthologie verfährt chronologisch. Jeder Jahresauswahl von Artikeln wird eine Chronik der wichtigsten politischen Ereignisse vorangestellt. Ebenso knappe wie hilfreiche Kommentare am Ende des Bandes geben Auskunft über die jeweiligen Autoren. Neben einer Liste der von Schoeller konsultierten, thematisch verwandten Bücher und einem Personenregister ist jedoch besonders hilfreich ein Register der Beiträge nach Themen wie „Abenteuer im Alltag“, „Emigranten“, „Nazijahre“, „Schuld-Diskussion“, „Wiederaufbau“ oder „Wirtschaft“. So kann sich der heutige Nach-Leser, entsprechend seinen detaillierten Interessen, in die vom Herausgeber versammelten Zeugnisse „einklinken“ und nachvollziehen, was Schoeller als „fortlaufendes Gespräch“ bezeichnet, und zwar „über die großen Fragen der Schuld, der verlorenen Werte, der Sprache der Macht, über die Eigenhieten und Sonderwege der deutschen Geschichte, über die zerstörten Städte, über die zunehmend schärfere Teilung des Landes, das geistige Klima und Lebensprovisorien, über Verzweiflungen, Odysseen, Hoffnungen nach dem Krieg bis weit in die fünfziger Jahre hinein“.

    Die Namen der in der „Neuen Zeitung“ vertretenen Zeitzeugen, Journalisten und Schriftsteller – von u.v.a. Martin Niemöller, Theodor Heuß, Walter Jens oder Karl Jaspers bis zu Heinrich Böll, Friedrich Luft, Walter Gropius, Werner Fink, Max Frisch oder Wolfgang Borchert – läse sich, schreibt der Editor, wie „ein Bädeker des deutschen Nachkriegsjournalismus und der Gegenwartsliteratur“, was man für das Literarische etwas einschränken muß, weil viele der signifikanten Autoren, die sich hier zu Wort melden – wie etwa Horst Lange, Carl Zuckmayer, Max Bense, Elisabeth Langgässer, Ernst Kreuder – mittlerweile der Vergangenheit angehören.

    Man kann also viele Erkundungen unternehmen und Entdeckungen machen, wenn man sich in der von Schoeller wieder ins Gedächtnis und in den (Augen-)Zeugenstand gerufenen Autoren und ihre Berichte, Überlegungen und existentiellen Bedrängnisse lesend zuwendet. Den thematischen Bogen hat er zurecht weit gespannt: von Niemöllers berühmter Erlanger Rede, in der er das „Schuldbekenntnis“ der Kirche am Nationalsozialismus gegen lauten studentischen Protest verschärfte, bis zu Gedanken über die „Sommermode 1949“; von Ludwig Erhards Plädoyer für die „Soziale Marktwirtschaft“ und Max Horkheimers skeptischen Überlegungen zur „Bildung“, bis zu Reportagen über „Brathendl und Flohzirkus“, neue deutsche Briefmarken oder Fasching im zerstörten München. Die literarische Ästhetik wird ebenso diskutiert wie der deutsche Nachkriegsfilm und die Frage, ob „Fernsehen eine Kunst werden kann“; eine „Physiognomie der Zwanzigjährigen“ wird ebenso umrissen, wie den „Falschen Fünfzigern“ und dem „Typus des Grandseigneurs“ nachgerufen oder die „drei Tricks in der Diskussion um die heutige Kunst“ benannt. Daneben immer wieder Momentaufnahmen von Reisen oder Stadtporträts.

    Wo immer man hier sich den Stimmen aus der deutschen Vergangenheit in der Nachkriegszeit anvertraut, wird man staunend und innerlich bewegt Zeuge eines Erlebnis- & Erkenntniswillens werden, der uns Nachlebenden das moralisch und politisch, ästhetisch und gesellschaftlich zerklüftete Gelände des nachfaschistischen Deutschlands in unzähligen Details, Beobachtungen, Sprachbildern und Problemkonstellationen farbig und vibrierend vor Augen stellt. Dabei überwiegt der Eindruck eines eher dämmrigen gesellschaftspolitischen Zwischenzustandes, in dessen Zwielicht oft unbewußt die geistigen Verheerungen der zwölfjährigen Naziherrschaft bei Schreibern wie bei Beschriebenem noch nachwirken und der „Zivilisationsbruch“, der durch die „Endlösung der Judenfrage“ markiert ist, noch gar nicht zu Bewußtsein und erst recht noch nicht zur Sprache gekommen ist und wie manches andere bis auf weiteres verdrängt blieb.

    Geschichtsunterricht an zwei Beispielen

    Es gibt zwei Beiträge, die mein besonderes Interesse gefunden haben, weil sie noch mehr als viele der anderen Wirklichkeitsfragmente der damaligen Zeit festhalten, die heute ganz & gar vergessen sind. Ernst Landau berichtet 1949, daß die 90.000 Juden unter den DP (Displaced Persons) sich „auf die Reise begeben werden“ und „der größte Teil von ihnen heim nach Israel“. Obwohl die „Operation Journey´s End“ entgegen Landaus emphatischer Hoffnung wegen der Quotenbeschränkung der britischen Behörden in Palästina doch nicht zustande kam (wie der Kommentar vermerkt), wirft Landaus damaliger Bericht ein Schlaglicht auf das Problem der vornehmlich aus Osteuropa stammenden, aus KZ befreiten oder aus ihrer Heimat vertriebenen oder geflohenen DPs, die mittellos in Lagern lebten, deren letztes in der Nähe von München erst 1957 (!) geschlossen wurde.

    Aus dem Artikel geht hervor, daß vor allem die britische Besatzungsmacht die in Deutschland gestrandeten und überlebt habenden osteuropäischen Juden „auf die Möglichkeit einer raschen Eingliederung in die deutsche Wirtschaft hinwiesen“, wovon nur die wenigsten (verständlicherweise!) Gebrauch machten. Die „meisten der eben Befreiten“ blieben in den DP-Lagern, um „durch ihre bloße Existenz ein Problem darzustellen, dessen Lösung auf das engste mit der Palästinafrage verknüpft bleiben mußte“. Das Erstaunlichste aber an diesem Bericht sind Informationen über eine zeitweilige Parallelgesellschaft. Landau erwähnt, daß es in diesen Lagern jüdische Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Arbeitsplätze und Lehrstellen gegeben habe, „um der physischen und psychischen Demoralisierung der jüdischen Jugend zu begegnen“. So hätten im Laufe der Zeit 37.000 Schüler an den dort eingerichteten Berufsschulen sich „fast alle Arten von Handwerk“ angeeignet. Durch die Selbstverwaltung der DP-Lager erarbeiteten sich die dort Lebenden Verwaltungskenntnisse – und alles geschah im Hinblick auf ihre künftigen Aufgaben als Bürger eines eigenen Staates in Palästina.

    „Der Wartesaal Deutschland leert sich“, hoffte Ernest Landau am Ende seines Berichts – während Egon Jameson im gleichen Jahr forderte: „Setzt endlich die letzten Opfer der Gestapo frei!“
    Was Jameson am Beispiel eines 1942 wegen „Verbrechen gegen die Volksschädlingsverordnung zu acht Jahren Zuchthaus und zu zehn Jahren Ehrverlust mit anschließender Sicherungsverwahrung“ verurteilten Frankfurter Kochs berichtet, läßt einem noch heute die Haare zu Berge stehen und vor Wut auf die infame, dummdreiste und zugleich sadistisch-raffinierte Justizbürokratie die Fäuste ballen.

    Weil er zu Weihnachten 1942 eine Gans, eine Ente, drei Hühner und zehn Pfund gesalzenes Fleisch von einem Gast gekauft hatte, der deswegen hingerichtet worden war, wurde der Koch – gewissermaßen nach der Filbinger-Devise: „Was damals rechtens war, kann heute nicht unrecht sein“ – über das Kriegsende hinaus im Zuchthaus gehalten. Ja, man hatte ihn, drei Tage bevor die Amerikaner ihn befreit hätten, mit anderen Gefangenen aus Kassel auf Gewaltmärschen nach Straubing in Bayern verlagert. Dort versuchten nach Kriegsende, seine Familie und ein Frankfurter Freund mit einem Münchner Rechtsanwalt, ihn frei zu bekommen. Sie erreichten, daß sich der damalige SPD-Ministerpräsident und Justizminister, der Sozialdemokrat Dr.Wilhelm Hoegner, des Falles persönlich annahm.
    Aber bevor er darüber entscheiden konnte, wurde der Verurteilte eines NS-Sondergerichts wieder nach Ziegenhain bei Kassel verlegt – eine erkennbare Obstruktion der ganz offensichtlich weiter im Nazigeist agierenden Justizexekutive. Hoegner informiert seinen hessischen Kollegen, den ebenfalls sozialdemokratischen Justizminister (und späteren langjährigen hessischen Ministerpräsidenten) Dr. Georg August Zinn, der sofort verfügte, dem Inhaftierten die Strafe zu erlassen. Aber auch dieser Minister hatte die Rechnung ohne seine Behörde, sprich: des Verhafteten „Wirte“ gemacht, nämlich die Zuchthaus-Verwaltung. Sie beharrte auf der Fortdauer der 1942 verhängten „Sicherungsverwahrung“. Was damals KZ bedeute, war heute Zuchthaus.

    Fortgesetzter Zuchthausfaschismus auf dem kleinen Dienstweg

    Der zwar Begnadigte, aber weiterhin im Zuchthaus Verwahrte schrieb deshalb an den Justizminister, an Anwälte, Behörden, Ministerien – und alle seine Briefe erreichen die Adressaten nicht, wohl aber „auf dem kleinen Dienstwege“ seine Peiniger im Zuchthaus. Der Frankfurter Freund wendete sich direkt an den Justizminister, aber auch er bekommt keine Antwort. Aus Protest & Verzweiflung verschluckte der 57 jährige Inhaftierte Messer, Gabel und andere Metallgegenstände, was im aber nur zur Strafe Absonderung einbringt; und als er vor Schmerzen nicht mehr liegen kann, einen Gefängniskrankenhausaufenthalt. Der „Volkschädling“ wird weder operiert, noch erlaubt die Anstaltsleitung eine Diät, so daß er 22 Monate leidet, bis die Gegenstände durch seinen Leib gewandert sind und ihn auf „natürlichem Wege“ verlassen haben.

    Nun beantragt der Rekonvaleszente bei einer Berufungskammer seine Entlassung; sie wird abgelehnt, weil der Anstaltsleiter befindet, er sei „nicht arbeitsfähig“ und „überheblich“. Ein Jahr später versucht er es erneut: diesmal erklärt der Anstaltsleiter (der dann später wegen eigener schwerer Vergehen bestraft und entlassen wurde), der Sicherheitsverwahrte habe einen „labilen Charakter“.

    Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall: denn er hat in einer eidesstattlichen Erklärung für einen Prozeß gegen Beamte dieser Anstalt es doch gewagt, als Zeuge ihrer Kriegsverbrechen und ihrer unmenschlichen Behandlung von Gefangenen auszusagen. Das ist wohl der Grund für die Rache seiner Peiniger. Immerhin wird seine Beschwerde über die Verschwörung gegen ihn weiter geleitet: „Die gleichen Richter, die das Opfer hitlerischer Schnellkriegsjustiz trotz ausdrücklichen Gnadenaktes ihres Justizministers nicht freilassen, weil er Gefahr laufen würde, auch weiterhin Schwarzhandel zu betreiben“, schreibt Egon Jameson in seinem Bericht, „unterschreiben in einer Zeit, in der fast die ganze Nation direkt oder indirekt vom Schwarzhandel lebte, die Ablehnung seiner Beschwerde über ihre eigenen Entscheidungen“.
    Zum Erscheinen des Artikels am 14. 7. 1949 war der 1942 Verurteilte Koch noch immer „sicher verwahrt“; dafür sah sich aber einen Monat später der „aufweckende Reporter“ Egon Jameson mit einem Angriff auf seine Glaubwürdigkeit konfrontiert, weil der hessische Justizminister und das hessische Gefängnis Unwahrheiten über den Einsitzenden und seinen journalistischen Berichterstatter verbreiteten.

    Wann das erbarmungswürdige Opfer der Nazijustiz und deren übers Kriegsende hinauswirkende Kontinuität infamer, inhumaner Gewalt endlich in die Freiheit kam, wird uns leider zu diesem abgründigen Dokument wahrhaft deutscher Justizbürokratie aus dieser „merkwürdigen Zeit“ nicht mitgeteilt; auch nicht, ob es sich um einen Einzelfall handelte und gar dessen hessische Peiniger zuletzt bestraft wurden. Wohl kaum, vermute ich – wenn ich die offensichtliche Ohnmacht des Justizministers im Handgemenge mit seiner Bürokratie in Rechnung stelle. Höchst verständlich wird aber aus dem hier von mir in extenso referierten Justizskandal, daß noch der spätere Hessische Generalstaatsanwalt (1956/68) Fritz Bauer den Auschwitzprozeß (1965) deshalb an sich gezogen hat, weil noch er genug Anlaß genug hatte, dem Beamtenapparat seiner Behörde zu mißtrauen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

    Wolfram Schütte


    Wilfried F. Schoeller (Hrsg.): „Diese merkwürdige Zeit“.
    Leben nach der Stunde Null.
    Ein Textbuch aus der „Neuen Zeitung“.
    Edition Büchergilde, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a.M., Wien und Zürich 2005,
    Geb. 704 Seiten, 39.90 ¤

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