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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:38

     

    Hans-Ulrich Gumbrecht: Lob des Sports

    28.07.2005

     
    Lass los!

    Was bleibt eigentlich übrig, wenn man den Sport von allen Funktionen entkleidet? Hans-Ulrich Gumbrecht versucht sich an einer Ästhetik der schönsten Sache der Welt.

     

    Ach, die Intellektuellen und der Sport. Entweder sie betrachten ihn aus der schlechtgelaunten Haltung des Kulturkritikers, der in ihm nichts anderes als ein Disziplinierungsinstrument der Gesellschaft sehen mag. Oder Sie geben vor, sich an ihm zu erfreuen, weil er ihnen die Chance bietet, einmal so richtig, aber ironisch, unter ihr Niveau zu gehen. Oder aber sie überformen sie ihn mit überreizten Theorien, wie seit einiger Zeit in Mode gekommen. Der in Stanford lehrende Romanist Hans Ulrich Gumbrecht will zu keinem dieser Lager gehören. Er will ein Lob des Sports singen. Und das klingt, in vager Anlehnung an Pindar, den Dichter der Olympischen Oden, so:

    Schöne Körper vorführen,/dem Tod ins Auge sehen,/Anmut und Eleganz zeigen,/die Möglichkeiten des Körpers erweitern,/vorgegebene Formen verwirklichen,/Epiphanien der Form produzieren.

    Gumbrecht will mit diesen sechs Typen von Faszination zwar nicht alle Sportarten beschreiben, wohl aber zeigten sich bei vielen Familienähnlichkeiten, die es erlaubten, sie einem Typ zuzuordnen. Gumbrechts Lob kommt also als Schönheitslehre daher, als eine Ästhetik des Sports. Das heißt, Gumbrecht nimmt den Sport leicht, indem er ihn bewusst von allen Funktionen entkleidet. Am ehesten lässt er Kants Definition des Schönen als „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ gelten. Zugleich nimmt er ihn damit ernst, weil er sich auf das konzentriert, was uns und den Sportlern selbst an ihren Darbietungen gefällt, was am Sport fasziniert. Kurz: Gumbrecht schreibt als Fan.

    Das gelingt aus zwei Gründen gut: Erstens versteht Gumbrecht etwas von der Sache. Egal, ob Fußball, American Football oder Sumo Ringen – auch der informierte Leser fühlt sich bei seinen Ausführungen selten gelangweilt, und Neugierige werden selten überfordert. 2. gelingt Gumbrecht zumeist der Balanceakt zwischen wissenschaftlichem Anspruch und zugänglichem Erzählen. Insbesondere dort, wo die Wissenschaftsprosa zur intellektuellen Reportage wird: so wenn Gumbrecht den legendären WM-Boxkampf zwischen Ali und Foreman von 1974 detailreich als eine Form, dem Tod ins Auge zu sehen, beschreibt, oder wenn er die Anmut beschwört, die sich im Laufstil Jesse Owens` zeigte. Bodybuilder dagegen zeigen „nur“ ihre schönen Körper, Eiskunstläufer verwirklichen vorgegebene Formen, und was es heißt, die Möglichkeiten des menschlichen Körpers zu erweitern, zeigt sich etwa daran, dass man sich Dr. Reiner Klimke ohne Ahlerich schon begrifflich nicht vorstellen kann.

    Spielzüge in Mannschaftssportarten schließlich sind Gumbrecht zufolge deshalb schön, weil sie „Epiphanien der Form“ produzieren. Hier kommt eine zeitliche Dimension ins Spiel, weil der Spielzug im Moment seines Entstehens schon wieder verschwindet.“ Überhaupt: Wenn es eine Formel gibt, die Gumbrechts Ästhetik zusammenhält, dann ist es die der Präsenz. Gumbrecht zitiert hierzu den Schwimm-Olympiasieger Pablo Morales, der sein Erleben im Wasser als „Versinken in fokussierter Identität“ beschreibt. Erst dieses konzentrierte Loslassen von der Welt erlaubt Sportlern, etwas zu tun. Aber gilt nicht etwas ganz ähnliches für die Zuschauer? Sicher, sie lassen Dinge nur geschehen. Aber bestenfalls – und hier kommt doch eine Funktion ins Spiel -, lehrt diese Gelassenheit die „Haltung einer größeren Offenheit, die den eigenen Willen und das eigene Tun marginal und beinahe zufällig erscheinen lässt.“ Gut gesungen.

    Jens Poggenpohl


    Hans-Ulrich Gumbrecht: Lob des Sports.
    Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich.
    Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 2005.
    Gebunden, 176 Seiten. 16,90 Euro
    ISBN: 3-518-41689-8

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