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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:14

     

    Konversationslexika

    28.07.2005


    Die Bratwurst, das Detail und die Appetenz

    Kleine Bücher für die, die gescheit daherreden, mit abseitigen Wissen glänzen und bei Stehparties groß rauskommen wollen.

     

    Nach der mit Asfa-Wossen Asserates „Manieren“ literaturpreisgekrönten Benimmfibelwelle, deren kommerzieller Erfolg sich, wie böse Zungen sagen, insbesondere dem Mangel verdankt, dem diese Ratgeber begegnen, scheint sich nun in der aktuellen Konservationslexika-Renaissance, dasselbe Spiel zu wiederholen.
    Wenn man nämlich gelesen hat, wie man Exzellenzen anreden, Brot mit Sauce essen und das Einstecktuch zur Krawatte wählen soll (verschiedene Muster), läßt spätestens die Anwendung der angelesenen Manieren spüren, daß man zuweilen auch was sagen muß. Soll das Geredete nun den Schein jener Bildung aufrechterhalten, von der die Messer-Gabel-Krawatte-Gang Knigges abzustammen vorgaukeln, wird’s zumindest dann schwierig, wenn man weder weitgereist, viel belesen noch recht gescheit ist.

    Auf dieses Problem antworten Konservationslexika schon mindestens eben so lange, wie die Literatur – etwa in Sternes Mrs. Slipslop oder Wezels Gouvernante der kleinen Ulrike – die Tücken deren Anwendung schadenfroh ausmalt. Seitdem es einen populären Büchermarkt gibt, gibt es vorgekautes Wissen für Tisch und Boudoir und spätesten seit dem reformierten Gymnasium auch Seneca für Manager und Nietzsche für Hausfrauen.

    Vorgekautes Wissen für Tisch und Boudoir

    Allen populären Allgemeinbildungsbestrebungen zum Trotz gibt es heute aber mehr zu wissen, als irgendwer behalten kann und vor den „allwissenden, rezitierenden jungen Herren“ hat sich schon Knigge „geekelt“. Wer in Konservationen glänzen will, muß etwas wissen, was überrascht, was amüsiert, das herausfordernde Detail benennen – zum Lachen, zum Anknüpfen, zum Erinnern.

    Aus diesen Details, abseitigen Informationen aber auch Banalitäten mit Unterhaltungswert hat Christian Ankowitsch ein „Palmenhaus“ zusammengestellt, das, scheinbar wahllos verknüpft, die Namen der europäischen Eisenbahngesellschaften neben die der Titanen und „fünf wunderbarer Getränke, die sich leider nur regionaler Beliebtheit erfreuen“, stellt.
    Der in den letzten beiden Adjektiven deutlich hervortretende subjektive Charakter der Auswahl verleiht dem Buch einen besonderen Charme. Insbesondere scheinen die deutsch-österreichischen Beziehungen ein Anliegen des in Wien geborenen und in Berlin lebenden Autors zu sein. Ein Beispiel: Ankowitsch nennt „zwei historische Aufstellungen der deutschen Fußballnationalmannschaft“. Die erste ist natürlich vom Endspiel 1954 in Bern; die zweite vom Vorrundenspiel zur WM 1982 in Gijon gegen Österreich. Im fast doppelt so ausführlichen Kommentar der zweiten Aufstellung tut Ankowitsch ausnahmsweise so, als sei seine Auswahl objektiv begründet: „Dieses Spiel ging in die Geschichte ein, weil die Spieler – kaum war das für beide Seiten zum Weiterkommen nötige Ergebnis erreicht – den Ball nur noch auf dem Spielfeld herumschoben, ohne ernsthafte Spielzüge zu unternehmen.“ Zur weiteren Förderung der Freundschaft finden sich noch Wiener Kaffeehausspezialitäten, die Deutschland und Österreich (und der Schweiz) gemeinsame Bedeutungslosigkeit als Kolonialmacht und ein „Österreichisch-Deutsches Notwörterbuch zum Herausnehmen“.
    Kursorisch blätternd kann man noch mal nachlesen, wie die Frauen von Nick Knatterton hießen und welche er („leider“!) geheiratet hat, was eigentlich die Symbole auf den Waschanleitungen für Textilien bedeuten, wieso die Bratwurst Bratwurst heißt, was man in petto haben sollte, falls man mal fliehen muß und herauslesen, daß in Polen Motorräder innerorts deutlich schneller fahren dürfen, als alle anderen und als überall sonst in Europa – sagenhafte 60 Sachen.

    Das ist alles sehr unterhaltsam, für schöne Gespräche überaus brauchbar, faktisch bedeutungslos und natürlich nur nippend zu konsumieren, weil auch dieses Lexikon nach drei, vier Mal Blättern weggelegt werden will, um dann und wann – in der Bahn oder auf dem Häuserl – wieder zur Hand genommen werden zu können.

    Wer dort, wo es ums Geschäft geht, mal richtig auf dicke Hose machen will, findet im „Konservationslexikon für Change und Management“ von Kogoj und Mitschka kein Vokabelheft; wer aber weiß, worum es geht, findet eine durchaus amüsante, alphabetisch geordnete Reihe mehr oder weniger mit der Unternehmensberatung verbundener Begriffserläuterungen, die die Branche z. T. gekonnt auf die Schippe nehmen, z. T. aber auch öde bis unsinnig sind. Der Eintrag „Appetenz“ etwa geht furios vom Täuberich, der „nach heftigem Sexualentzug statt einer Taube ein graues Tuch beflügelt“ zum Appetenz-Aversions-Konflikt in der Entscheidungsfindung und seinen Unterarten. Daß im Eintrag zu Karl Marx nur „Pfui“ steht, ist lustig. Was den Autoren dagegen zu „Einstein“ einfällt, könnte bestenfalls als Nonsens bezeichnet werden, wenn es lustig wäre.

    Insgesamt überwiegen jedoch Einträge mit solidem Unterhaltungswert – vielleicht um so mehr, desto näher man der Branche ist. Daß man von der nach der Lektüre aber mehr wissen möchte, ist vielleicht ihr überraschendstes Ergebnis.

    Björn Vedder


    Christian Ankowitsch: Dr. Ankowitschs kleines Konservationslexikon
    Eichborn 2004
    Gebunden. 192 S., 12,95 Euro.
    ISBN 3-8218-4895-2

    Traude Kogoj, Konrad Mitschka: Wandelwörter.
    Konservationslexikon für Change und Management
    Linde Verlag 2005
    Gebunden. 159 S., 22 Euro.
    ISBN 3-7093-0072-X


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