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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 04:59

     

    Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa.

    21.07.2005

    Im Feuersturm der Zeit

    Bekanntlich sind viele Deutsche durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs ihrer Heimat beraubt worden. Ein heikles Thema, das fast immer mit der Frage nach der Schuld des unterlegenen Deutschlands in Verbindung gebracht wird. Etliche Lebensberichte von Flüchtlingen sind in Walter Kempowskis „Echolot“-Projekt „Fuga furiosa“ versammelt.

     

    Eine der pädagogischen Maximen von Walter Kempowski, die er speziell in seiner Zeit als Landschullehrer verfolgte, war eine Form des sanften Vermittelns von Wissen. Nicht dozieren wollte er, sondern vielmehr die Schüler ihren eigenen Weg finden lassen, indem er ihnen einen Gegenstand präsentierte, sie langsam herankommen ließ und ihnen unkommentiert die Möglichkeit gab, sich dem Wesen der Sache anzunähern. So ähnlich greift wohl diese behutsame didaktische Technik auch beim „Echolot“, dessen vierbändiger Teil mit dem Titel „Fuga furiosa“ nun als Taschenbuch erhältlich ist, denn Kempowski ist bekanntlich „nur“ als Arrangeur tätig, als versteckter Autor, der im Hintergrund still die Fäden zieht und über Jahre hinweg autobiographisches Material gesammelt hat, das er schließlich über Tausende von Seiten in dem großen „Echolot“-Projekt konzentriert vereinigt und publiziert hat.

    Autobiographische Notate

    Sich dem Wesen der „Fuga furiosa“ anzunähern, bedeutet für den Schüler, dass er mit dem leidvollen Leben der Flüchtlinge aus dem Osten, mit dem unverhüllten, kalten Größenwahnsinn der Nazis, mit dem distanziert-analysierenden Blicken Intellektueller und Künstler konfrontiert wird – allesamt autobiographische Notate, die sich auf die Zeit vom 29. Januar bis zum 12. Februar 1945 beziehen. Auch bietet es sich also an, diese vier broschierten Bände zur Hand zu nehmen, weil „Abgesang ´45“ - Kempowskis chlussakkord in Sachen „Echolot“ - gerade einige Wochen nach der „Fuga“ einsetzt und diese Arbeit auf eine bestimmte Art fortsetzt.

    Was fällt uns beim Titel auf? Der Wink geht mit dem Zaunpfahl auf die Musikalität des Textes. Die Fuge ist natürlich eine musikalische Struktur, bei der ein Thema von verschiedenen Stimmen gebracht wird. Neu ist dieses Kompositionsprinzip in der Literatur natürlich nicht; man denke nur an Celans „Todesfuge“ oder an die „Engführung“, und doch könnte man sich bei Kempowski etwas am Kopf kratzend fragen, was denn nun dieses eine Thema genau sein soll, das in „Fuga furiosa“ konsequent und durchgängig erklingt? – Gesetzt den Fall, wir würden die Bestimmung des Begriffes Fuge ernst nehmen. Hat nicht jede Stimme ihr eigenes Thema? Und doch muss es einen Zusammenhang, einen kleinsten gemeinsamen Nenner geben, der alle Mitglieder dieses Chores der toten Seelen verbindet. Ist es die pure Zeitgenossenschaft?

    Klagelied der Flucht


    „Fuga furiosa“ weist aber noch auf ein anderes Moment hin, denn „fuga“ entstammt der lateinischen Sprache und bedeutet dort soviel wie Flucht, und davon ist in diesem über 3000 Seiten starken Konvolut nun weiß Gott oft genug die Rede. Die Berichte all derer, die ihre Heimat verlassen mussten und mit ansahen wie ihre Dörfer abgebrannt und deren Bewohner getötet wurden, sind ein gewichtiger und erschütternder Teil dieses Klageliedes. Abwechselnd aber auch mit den Berichten russischer Soldaten, die aus ihrer Sicht die Vertreibung schildern, wird hier trotzdem versucht, ein Gleichgewicht herzustellen, indem als demokratisches Prinzip die Redefreiheit gilt: Jeder kann zu Wort kommen.

    Es ist besonders bemerkenswert zu beobachten, mit wie vielen Tempiwechseln die „Fuga furiosa“ gespickt ist. Neben denen die Lage überblickenden Analysen der Nazigrößen Goebbels und Himmler, wo Zeit sich durch ein pseudosicheres Urteilen zu verlangsamen scheint, finden sich im vierten Band die Aussagen derer, die das Feuerinferno von Dresden mitgemacht haben. Natürlich herrscht hier ein Ton der Verstörung, des Schreckens und dem als unvorstellbar peinigend erlebten Gefühl der Ausweglosigkeit vor - durch diese Dramatik wird nun auf einem erzählerisch recht begrenzten Raum enorm viel an Erfahrungssubstanz vermittelt. Obwohl die tatsächlich messbare Zeit der Angriffe ja anscheinend überschaubar war, kamen die Anschläge selbst den Opfern eher wie das eine Ewigkeit dauernde Martyrium vor.

    Nebenbei sei hier erwähnt, dass in „Fuga furiosa“ auch Dokumente von Menschen versammelt sind, die auf dem in der Ostsee versenkten Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ noch versuchten, ihr Heil zu finden. Literarisch kam das Schicksal dieses Schiffes und der Opfer vor allem durch das Buch „Im Krebsgang“ von Günter Grass wieder ins Gespräch, der anscheinend Kempowskis Form der Aufarbeitung gar nicht zur Kenntnis genommen hatte, als er meinte, man dürfe dieses Thema (vermutlich zielte das sogar generell auf den Topos Vertreibung) nicht den Rechten überlassen.

    Thomas Combrink



    Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa.
    Ein kollektives Tagebuch.
    29. Januar - 12. Februar 1945. Vier Bände im Schuber.
    btb-Verlag: München 2004.
    Broschiert, 3456 S., 60 Euro.
    ISBN 3-442-72788.

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