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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:04

     

    Jon Lee Anderson: Die verwundete Stadt

    07.07.2005

    "Er ist Amerikaner"

    Andersons Perspektive ist die eines unparteiischen Journalisten, beliebig aber ist sie deswegen noch lange nicht. Inmitten von Krieg und Terror gilt sein Augenmerk den Möglichkeiten des Einzelnen, sein Leben unbehelligt von der gerade vorherrschenden politischen Macht zu führen.

     

    Mittlerweile vergeht im Irak kaum ein Tag, an dem mal niemand getötet oder schwer verletzt wird. Die unter US-amerikanischer Führung stehende Militärallianz hat zwar ohne nennenswerte Probleme Saddam Husseins Terrorregime beseitigt, von einer die Menschenrechte achtenden Demokratie aber ist das Land im Alltag immer noch weit entfernt.

    Jon Lee Anderson, der seit Jahren für das renommierte Magazin „New Yorker“ aus Bagdad berichtet, fasste die Situation bereits 2004 so zusammen: „Der Irak war inzwischen ein viel gefährlicherer Ort als noch ein Jahr zuvor. Die Iraker waren durch die Operation Iraki Freedom von ihrem Diktator befreit worden, konnten aber ihre neue Freiheit nicht ohne weiteres genießen“. Denn jetzt waren „auch Terroristen und Verbrecher so frei, dass sie gegen jeden vorgingen, der ihnen nicht passte, wann immer und wo immer sie wollten. Freiheit ist nur ein symbolischer Wert, wenn ein Staat nicht in der Lage ist, ihre Vorteile für die Bürger nutzbar zu machen.“

    „Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ heißt Andersons nun auch auf deutsch vorliegendes Buch, in dem zahlreiche seiner Analysen, Berichte und Features aus den letzten Jahren in einer großen Reportage zusammengefasst wurden. Sie beginnt ein halbes Jahr vor dem Start der amerikanisch-britischen Militäroffensive und endet ein Jahr nach dem Fall Bagdads im Frühsommer des Jahres 2004, als die Folter irakischer Gefangener in Abu Ghraib durch Soldaten der US-Armee gerade bekannt wurde.

    Somit deckt Anderson einen Zeitraum ab, der ihn nicht nur das aktuelle Geschehen beobachten lässt, sondern auch Einblicke in die Ursachen und die Folgen erlaubt. Dies gelingt umso besser, als große Teile seiner Reportage aus Gesprächen mit Irakern bestehen. Vom hohen Baath-Funktionär bis zum im Iran lebenden Regimegegner und vom einfachen Kellner bis zum Lieblingskünstler Saddams – Andersons Gesprächspartner stammen aus völlig unterschiedlichen Welten, doch jeder von ihnen hat viel und vor allem Interessantes zu erzählen.

    Schon früh bescheinigt der Autor dem Irak unter Saddam Hussein Ähnlichkeiten mit der Sowjetunion unter Josef Stalin – zumindest was die Struktur des politischen Apparats und den Umgang mit Oppositionellen angeht. Zahlreiche Menschen verschwinden spurlos, es gibt Geheimprozesse, in denen Todesurteile gefällt werden, anderen Hinrichtungen geht gar erst kein Gerichtsurteil voraus, Gefangene werden gefoltert und getötet – all das ist im Irak bekannt und dennoch gibt es kaum Widerstand dagegen. Ala Bashir, einer von Saddams Leibärzten, erklärt Anderson, warum das so ist: „Sie müssen bedenken, dass bei jedem Iraker irgendein Angehöriger aus der Familie im Gefängnis sitzt, entweder hier oder im Iran als Kriegsgefangener.“

    Über die Gefangenen mache sich das Regime die Angehörigen gefügig. Hinzu komme das weit verbreitete Netz von Baath-Partei und Geheimdienst, dem Muchabarat. Umsturzversuche mag ein Angst und Schrecken verbreitendes System verhindern, Loyalität schafft es dennoch nicht. Entsprechend oft äußern die meisten Gesprächspartner Andersons den Wunsch, in einem Irak ohne Saddam zu leben. Doch wer glaubt, dass US-Soldaten deswegen willkommen seien, irrt. Stellvertretend für viele bringt Scheich Korani, ein Stammesführer aus dem Süden des Landes, die Stimmung auf den Punkt: „‚Natürlich wollen wir alle Saddam loswerden’, sagte er leise. ‚Aber ich glaube, die Amerikaner werden im Irak Ärger bekommen. Wenn sie nämlich einen Militärgouverneur im Irak einsetzen, werden die Iraker stets denken: Er ist Amerikaner’.“

    Und genau so kommt es nach dem Sturz Saddams auch bald. Anderson, der im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten Bagdad auch in der Gefechtsphase nicht verließ, präsentiert Beispiel um Beispiel an Ahnungslosigkeit der US-Führung, was den Alltag im Irak angeht. Häufiger als die mächtigen Scheichs wurden Exiliraker in die Planung der irakischen Nachkriegsordnung einbezogen. Wo Krankenhausplünderer ungehindert ihrer Wege ziehen durften, wurden öffentliche Leibesvisitationen bei muslimischen Frauen angeordnet. So schafft man sich Feinde, die keine sein müssten, und steht der Bevölkerung, die man befreien wollte, am Ende „nur mit kugelsicheren Westen, Kevlar-Helmen und Waffen gegenüber“.

    Andersons Perspektive ist die eines unparteiischen Journalisten, beliebig aber ist sie deswegen noch lange nicht. Inmitten von Krieg und Terror gilt sein Augenmerk den Möglichkeiten des Einzelnen, sein Leben unbehelligt von der gerade vorherrschenden politischen Macht zu führen. Sein Fazit des Sturzes Saddams und der Folgen fällt leider düster aus: „Nach monatelanger Suche hatten auch CIA-Experten keine versteckten Massenvernichtungswaffen gefunden, aber das schien jetzt weniger wichtig als die Tatsache, dass Präsident Bush den Irak zur neuen Frontlinie im Krieg gegen den Terror erklärt hatte. Möglicherweise war das eine Prophezeiung gewesen, die sich inzwischen selbst erfüllt hatte.“

    Maik Söhler

    (Beitrag ersterschienen in ai-Magazin)



    Jon Lee Anderson: Die verwundete Stadt.
    Begegnungen in Bagdad.
    Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins. München 2005,
    536 S., 22,90 Euro

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