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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 02:41

     

    Gabriel Garcia Márquez: Cartagena und Baranquilla

    30.06.2005

     
    Nichts geht über Faulkner

    In seinen frühen und frechen journalistischen Arbeiten lässt der Nobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez schon viel von Furor seiner späteren literarischen Werke erahnen.

     

    "Der Journalismus ist meine eigentliche Berufung", hat Gabriel Garcia Márquez in unzähligen Interviews erklärt. In den großen literarischen Werken des Nobelpreisträgers von 1982 spürt man oftmals die Gratwanderung zwischen hart recherchierten Fakten und der leicht exotischen Poesie Lateinamerikas, die im sogenannten "magischen Realismus" mündet. Wie umfangreich das journalistische Oeuvre des heute 78-jährigen Kolumbianers tatsächlich ist, lässt sich nur erahnen, denn der nun erschienene, über 800 Seiten umfassende Band enthält lediglich Arbeiten aus Márquez' journalistischen Lehrjahren von 1948 bis 1952.
    Schon der junge Márquez (wir begegnen ihm hier im Alter zwischen 21 und 25 Jahren) offenbart eine stark polarisierende Ader, eine Affinität zu gewagten Metaphern und eine gehörige Portion Mut zu unpopulären und anfechtbaren Urteilen. Obwohl Márquez heute den Journalismus für ein exzellentes literarisches Schreibtraining hält, erkannte er als junger Mann schon die schnelle Vergänglichkeit des journalistischen Alltagstextes und die darin häufig implizite mangelnde Sorgfalt: "Schuld ist die Unpässlichkeit, der wir am Tag nach dem Vorabend anheim fallen."

    Viele Glossen und Kommentare des Bandes, der mit einem opulenten Personen- und Sachregister ausgestattet ist, beziehen sich auf spezifisch kolumbianische Themen aus dem Dunstkreis der beiden an der Karibikküste gelegenen Städte Cartagena und Barranquilla. Aber immer wieder stößt man auch auf hintersinnige, philosophisch untermauerte Sottisen über zwischenmenschliche Beziehungen. Am interessantesten und streitbarsten (aus heutiger Sicht) lesen sich die Passagen, in denen sich Márquez über die Literatur auslässt. Mehr als 15 Jahre vor seinem Durchbruch als Schriftsteller, der ihm 1967 mit "Hundert Jahre Einsamkeit" gelang, stößt der junge Journalist ungeniert Dichterheroen vom Sockel und lässt erkennen, wer später eines seiner großen Vorbilder sein wird. Im November 1950 schreibt er: "Ausnahmsweise ist der Nobelpreis für Literatur einem Autor mit zahllosen Verdiensten verliehen worden." Gemeint ist der Amerikaner William Faulkner - nach Márquez, "der größte Romanschriftsteller der Gegenwart und einer der interessantesten aller Zeiten."

    Klaviatur der Alltagspolemik

    Daneben duldet er keine anderen "literarischen Götter", im gleichen Artikel werden die früheren Preisträger Pearl Buck, Thomas Mann und Hermann Hesse als "aufgebackene Tafelbrötchen" bezeichnet. Über Thomas Mann schickt er an anderer Stelle noch eine Anekdote über einen belesenen Rechtsanwalt hinterher, der ihm "schwach und zittrig" begegnete und als Begründung anführte: "Ich erhole mich gerade vom Zauberberg."
    Auch Hesse wird noch ein zweites Mal verbal geohrfeigt, und dabei zitiert Márquez seinen Mentor Ramón Vinyes, dem er in seinem ersten Roman ein literarisches Denkmal setzte, als Gewährsmann: "Vinyes schrieb in dieser Zeitung eine Kritik über das Werk jenes Autors, die mir die Aufgabe abnimmt, zu beweisen, warum Hermann Hesse - nach meiner Auffassung - den Nobelpreis für Literatur nicht verdient hat."

    Als 23-jähriger beherrschte Márquez die fragwürdige Klaviatur der Alltagspolemik bereits wie ein Meister. Selbstverständlich würde man am liebsten den jungen, ungestümen Burschen zur Räson rufen, aber selbst diese undifferenzierten, anscheinend aus dem Bauch heraus gefällten Urteile lassen schon den Furor seiner später folgenden literarischen Werke erahnen. Auch die Formulierungsmanie, das Streben nach Originalität hat augenscheinlich frühe Wurzeln, wenn man mit einem sanften Lächeln liest, dass Márquez aus der Ferne Lateinamerikas Jean-Paul Sartre 1952 als "existenzialistischen Pontifex" bezeichnete.
    Einmal bewies der junge Bursche allerdings beinahe prophetische Gaben, als er 1950 über Hemingway (mehr als 10 Jahre vor dessen Suizid) schrieb: "Sein Leben in den letzten Jahren scheint schon ein strategischer Rückzug gewesen zu sein, ein Tod so freiwillig wie Selbstmord."

    Der Vorteil dieses (frechen) Buches ist fraglos, dass man es häppchenweise konsumieren und je nach Gemütslage wieder zur Seite legen kann. Außerdem ist viel Nachsicht geboten - in jenem Sinn, den Goethe in seinen "Maximen und Reflexionen" aussprach: "Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab."

    Peter Mohr


    Gabriel Garcia Márquez: Cartagena und Baranquilla.
    Journalistische Arbeiten 1948 bis 1952, Band 1
    Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2005,
    Herausgegeben von: Jacques Gilard. Übers. von: Svenja Becker, Astrid Böhringer, Christian Hansen, Ulli Langenbrinck, Hildegard Moral, Dagmar Ploetz, Ingeborg Schmutte.
    Gebunden. 880 Seiten. 34,90 Euro
    ISBN: 3-462-03454-5

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