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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:37

     

    C.-G. Frank: Lissabon.

    23.06.2005

    Oh, Lisboa!

    Lissabon ist die westlichste aller europäischen Hauptstädte – und längst nicht mehr eine geheime Liebe touristischer Reisender abseits des Mainstreams. Claus-Günter Frank hat nun über die portugiesische Metropole einen ebenso kundigen wie literarisch höchst animierenden Reiseführer geschrieben.

     

    Als ich Claus-Günter Franks Buch „Lissabon – Entdeckungen in Portugals Metropole“ in die Hand bekam, überkam mich schon nach wenigen Seiten & einem ersten Blättern darin eine große sehnsüchtige Trauer, die ja aber, wie jeder Portugal- oder auch Lissabon-Liebhaber weiß, als „Saudade“ dort ihren angestammten Platz hat. Bei mir hatte sie drei Gründe: nicht sofort wieder in „Lisboa“ zu sein; dort erst vor kurzem leider ohne Franks Buch gewesen zu sein; und daß er uns einen Privatmythos zerstörte, auf den wir jahrelang stolz und zugleich verwundert waren, daß wir nirgendwo in den Reiseführern darüber etwas dazu gefunden hatten.

    Fünf-, sechsmal waren wir in den letzten Jahrzehnten für einige Tage in Lissabon gewesen & einmal machten wir sogar einen längeren Urlaub in Portugal, der uns über Coimbra und Porto bis an seine nördliche Grenze führte. Seit wir aber, eher durch Zufall & oberflächliche touristische Neugierde, in unmittelbarer Nähe des „Rossio“ die große Barockkirche Sao Domingos „entdeckt“ hatten, war sie, mit ihren Bettlerinnen am Eingang, im Zentrum der Baixa immer der erste Ort, den wir bei unseren ausgedehnten Streifzügen nach jeder Rückkehr erneut ansteuerten.

    Denn nie hatten wir etwas Vergleichbares gesehen: ein großes, hohes, hallenförmiges Kirchenschiff, dessen zahlreiche monumentale Säulen & deren Kapitelle rundum an den oft noch geschwärzten Wänden auf die unterschiedlichste Art lädiert und halb zerstört waren. Offenbar hatte das schwere eingestürzte Dach diese wahrhaft Erfurcht einflößenden Verwüstungen hinterlassen. Denn die schmucklose, wie bloß vorläufig eingezogene Holzdecke war erkennbar nicht die ursprüngliche für „eines der prächtigsten Gotteshäuser der Stadt“, wie jetzt Frank schreibt, der sie endlich auch einmal erwähnt.
    Wir hatten ja schon viele zerstörte, aufgelassene, ruinöse Sakralbauten zwischen Schottland und Sizilien gesehen; aber noch keine erkennbare Ruine als geschlossenen Raum, in dem weiterhin Gottesdienste stattfanden. So erklärten wir uns unser kleines Weltwunder von Sao Domingos – gewissermaßen ein historischer Vorgriff auf die Berliner Ruine der Gedächtniskirche am unteren Kurfürstendamm – als bewußt erhaltenes, grandioses Memento des Großen Erdbebens von Lissabon am 1. November 1755, das wie keine zweite Naturkatastrophe nach dem antiken Vesuv-Ausbruch die abendländische (Geistesgeschichte) erschüttert hatte.

    Noch immer denke ich: was für eine sowohl naheliegende als auch sinnfällige symbolische Idee: und wir hatten sie, tief beeindruckt und immer wieder davon angezogen, auf Anhieb begriffen und großartig gefunden! Denn was waren die aller Welt bekannten gotischen Bogenreste der Ruine des Convento do Carmo – dieses „filigrane Mahnmal der Vergänglichkeit“ (wie Frank schön bemerkt) über der Baixa am irrtümlich (wie wiederum Frank berichtet) Eiffel zugeschriebenen Elevador de Santa Justa – gegen diesen ruinösen Monumentalbau!

    Aber Claus-Günter Frank hat unseren schönen Privatmythos ein für allemal zerstört. Denn erst 1959 (!) ist die Igrea de Sao Domingos ausgebrannt „und wurde jahrzehntelang in diesem Zustand benutzt – ein zutiefst deprimierender Anblick. Inzwischen sind wenigstens die Innenwände neu verputzt, die Steinsäulen und -bogen zeigen aber noch die Spuren des Brandes und die Armut der Kirche in diesem katholischen Land“ (Frank).
    Nun, „Armut der katholischen Kirche“ scheint mir immerhin christlicher & gottgefälliger als der „Reichtum von dieser Welt“, und daß der Anblick des Kircheninnenraums „zutiefst deprimierend“ sei, kann ich auch nicht finden, selbst wenn wir seinen Zustand, der nicht schäbig & schmutzig, sondern auf eine einzigartige Weise „antikisch“ schön ist, von nun an nicht mehr mit der symbolischen Aura unserer Imagination umgeben können.

    Aber: was ist dieser Verlust gegen den Gewinn von Franks „Lissabon“? Ich habe schon manchen literarischen Reiseführer gesehen & gelesen – Franks „Rom“, den Vorläufer seines „Lissabons“, kenne ich noch nicht –, aber keinen, bei dem auf ähnliche glückliche Art Dokumente und Anschauung so sinnlich und schlüssig ineinander griffen und alle Klischees wegätzten, dafür aber einem den Ort sowohl detailliert vor Augen stellte, als ihn auch in seiner historischen Tiefe lesbar machte.

    Man kann die Praktikabilität des Buches natürlich am besten beurteilen, wenn man mit ihm am Ort sich bewegt. Denn dafür ist es vorgesehen: an Franks Hand auf sieben Wegen zu Fuß, mit den bekannten Straßenbahnen, mit Bussen, der (neuen) U-Bahn durch das Auf und Ab des vielhügeligen Lissabon zu streifen, samt zwei Abstechern in die Sommerfrische von Sintra und zu den Badeorten Cascais und Estoril an der Tejo-Mündung, sprich dem Atlantik. Eine schmerzliche Korrektur ist dabei anzubringen: vom „neomanuelinischen Estacio do Rossio“, dem ehemaligen Hauptbahnhof der Stadt, verkehren heute nicht einmal mehr, wie Frank schreibt, die Vorortzüge nach Sintra. Die Moderne hat dieses Juwel funktionslos gemacht. Es dämmert in Ödnis, leider, vor sich hin.

    Zwar werden die wenigsten Touristen heute noch mit dem Zug nach Lissabon kommen, aber für Franks Eröffungsvedute der Metropole eignet sich der Bahnhof Barreiro, jenseits des Tejo, hervorragend dazu, sich mit der Fähre dem bedächtig aufsteigenden, vor einem in seiner hügeligen Breite hingelagerten Lissabon zu nähern: ein hinreißend ruhevolles Panorama, das freilich durch eine Reihe von in der Ferne aufragenden Hochhäusern in seiner horizontal aufgeschichteten Größe heute leider unschön durchbrochen wird. Anmutiger ist dagegen das mit grandioser moderner Architektur aufwartende Expo-Gelände, das man, als ganz neuen Akzent samt der fast schon im Dunst verschwimmenden neuen Brücke am oberen Tejo nur von der Fähre aus als jüngste architektonische Akzentuierungen der portugiesischen Hauptstadt wahrnimmt.

    Und dann beginnen Franks „Promenaden“. Ich kenne Teile von ihnen aus eigener Ergehung, und weil wir beim letzten Besuch schon auf der Straße von anderen Touristen für Lissaboner gehalten wurden und sogar leichthin wie diese den orientierungslosen Fremden den Weg weisen konnten, hielten wir uns schon aufgrund unserer ausführlichen Spaziergänge abseits des touristischen Mainstreams fast für kundige Fremdenführer. Nun aber wissen wir erst, was wir für Greenhorns waren, nachdem wir von Claus-Günter Frank auf seine Entdeckungsreisen mitgenommen wurden. Da die uns bekannten Routen so von ihm beschrieben wurden, daß wir sie wieder wie aufgefrischte Bilder vor Augen hatten, werden die überwiegende Vielzahl seiner uns bislang unbekannten Exkursionen von der gleichen Exaktheit der topografischen Orientierung en détail sein.

    Das Großartige an Franks „Entdeckungen in Portugals Metropole“ ist aber das sowohl Systematische wie Abschweifende seiner „Promenaden“. Ob er Lissabons Hügel, seine Alfama, seine Literaten, seine Straßenbahn, sein Pombal, seine Entdecker und seine Azulejos als Leitsterne auswählt: die Leser werden anhand der Orte & Wege nicht nur die Stadt in allen ihren Facetten erleben, sondern ganz nebenbei (oder sollte man sagen: zuinnerst?) ambulatorisch nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Geschichte Portugals und die seiner Hauptstadt sich aneignen.

    Der besondere Reiz aber dieser Ortserkundungen sind die Vielzahl literarischer Zitate – ob Gedichte, dichterische oder journalistische Prosa –, die in den Verlauf der Rundgänge eingelassen sind. Wie Bildstöcke die Pilger auf ihrer Reise begleiten, so erquicken hier die zitierten Gedichte und Prosastücke die Leser, indem sie sie über das unmittelbar Sichtbare in das einst am jeweiligen Ort Gewesene abschweifen und nachdenklich werden lassen. Frank scheint so gut wie fast jede Zeile und jedes Gedicht zu kennen, die sich auf Lissabon, einen Stadtteil, eine Sehenswürdigkeit, ein Ereignis oder einen Blick bezieht – von dem Nationaldichter Camoes über Henry Fielding, der hier begraben ist, über Eca de Queiroz, (natürlich) Pessoa, Lobo Antunes, Manuel Torga oder Saramago bis zu allen anderen ausländischen Portugal-Reisenden wie Byron, Andersen, Saint-Exupéry, Ferlinghetti, Neruda oder Reinhold Schneider.

    Vorallem hat Claus-Günter Frank aber auch nicht vergessen, daß das Land und seine Hauptstadt unter der jahrzehntelangen Diktatur Salazars für eine Vielzahl von deutschen Emigranten der Nazizeit die letzte Zufluchtstätte in Europa war, bevor sie nach den USA entkamen: Remarque, Stefan Zweig, Werfel, Döblin oder Heinrich & Thomas Mann. Ihre beschwörenden und erinnernden Worte werden von Claus-Günter Frank als vielstimmige Begleitmusiken seinem Lissabon-Porträt beigesellt, ebenso aber auch jüngste Erkundungen deutscher oder europäischer Lissabon-Liebhaber wie H. Magnus Enzensberger, Arnold Stadler, Hanns-Josef Ortheil, Bodo Kirchhof, Ludwig Fels oder Cees Nooteboom und Antonio Tabucci., der akademische Lusitanist, der lange Zeit in Lissabon lebte, dort seine Ehefrau fand – und von dem Frank verwunderlicher Weise wohl nur den Kriminalroman „Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro“ kennt (& zitiert), nicht aber den, neben anderen „Lusitania“ in Tabuccis Oeuvre, bedeutenderen Roman „Erklärt Pereira“, der beim Abstecher nach Cascais & Estoril sich als Zitat-Futter geradezu angeboten hätte.
    Dafür hat Frank, beim Rundgang durch das „Museu de Arte Antiga“ Tagebucheintragungen Ernst Jüngers und Julien Greens so brillant ineinander montiert, daß man gewissermaßen als Kiebitz auf den Schultern der beiden Autoren sitzt.

    Kurzum: Claus-Günter Franks „Entdeckungen in Portugals Metropole“ sind gleichermaßen lesenswert wie erlebnisreich. Wenn auch ihre Lektüre die sensuelle Erfahrung der Stadt nicht ersetzt, so lernt man doch die Stadt nicht wirklich kennen, wenn man sie nicht in Franks Begleitung besucht. Denn er hat alle Schlüssel zu ihren Schatzkammern zur Hand. Obrigado!

    Wolfram Schütte


    Claus-Günter Frank: Lissabon. Entdeckungen in Portugals Metropole. Unter Mitwirkung von Brigitte Barcklow.
    Mit zahlr. Abb., Routenplänen, Anmerkungen und Register.
    Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2005,
    285 Seiten, 24 ¤

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