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    TITEL kulturmagazin
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    Anna Politkovskaja: In Putins Russland

    28.04.2005


    Zweierlei Maß

    Anna Politkovskaja erzählt von einzelnen Menschen und deren Schicksalen. Reportage und politische Analyse fallen bei ihr zusammen. Sie schreibt deklariertermaßen als Journalistin, nicht als Politologin. Das fördert die Lesbarkeit ihres Buches.

     

    Dass es dem Westen niemals um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in Russland, ja noch nicht einmal um ökonomischen Wohlstand für die russische Bevölkerung gegangen ist, sondern immer nur um die Durchsetzung der kapitalistischen Marktwirtschaft zum eigenen Nutzen, erkennt man am unterschiedlichen Umgang der westlichen Politiker mit Putin und mit dessen Vorläufern zu Zeiten der Sowjetunion. Putin, der ja aus der Nomenklatura hervorgegangen ist, geriert sich um keine Spur weniger korrupt und menschenverachtend als die sowjetischen Bonzen von einst. Aber er tut es unter dem ideologischen Vorzeichen einer Gesellschaftsordnung, deren Nennung allein für die Kumpanen im Westen als Ausweis aufrechter Gesinnung ausreicht. Gäbe es so etwas wie eine verbindliche politische Moral, die auf Großmächte nicht anders angewandt wird als auf kleine Staaten, müsste Putin international geächtet sein. Da er aber Macht hat, wird er hofiert. Den Preis bezahlt das Volk. Es ist, wie schon zu Zeiten der Zaren, mal wieder das Opfer einer Herrschaft, die mit Freiheit und Demokratie soviel zu tun hat wie Gerhard Schröder mit Sozialismus.

    Anna Politkovskaja ist für ihren Mut mehrfach ausgezeichnet worden. Mit ihrem Buch über Putins Russland, das eben dort bislang nicht erscheinen konnte, gibt sie Einblick in den düsteren Zustand ihrer Heimat. Es fällt schwer, nicht sarkastisch zu werden, wenn man bedenkt, dass deren Diktator zu den begehrtesten Verbündeten der Regierenden in aller Welt gehört. Glaubwürdigkeit jedenfalls kann kein Politiker einfordern, der Putins Russland als demokratischen Partner anpreist.

    Politkovskaja, die sich in einem Vorwort ausdrücklich an Deutschland wendet, argumentiert klar, überzeugend, wütend und witzig zugleich und nicht selten bitter, weil sie den begründeten Verdacht hat, dass sie mit allen ihren Ausführungen nicht erreichen wird, worum es ihr geht: dass sich nicht nur die Menschen im eigenen Land, sondern auch der Westen im allgemeinen und Deutschland im besonderen für die Russen, also gegen Putin entscheiden. Dass sie für Schröder wenig Sympathie empfindet, kann unter dieser Prämisse nicht verwundern. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der sie von einem Bundestagsabgeordneten abgefertigt wurde, ist nicht nur beschämend – sie sollte bei den nächsten Wahlen ins Kalkül gezogen werden. Wer solche Abgeordnete wählt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Komplizenschaft mit Putin zu unterstützen.

    Politkovskaja bleibt konkret. Sie erzählt von einzelnen Menschen und deren Schicksalen. Reportage und politische Analyse fallen bei ihr zusammen. Sie schreibt deklariertermaßen als Journalistin, nicht als Politologin. Das fördert die Lesbarkeit ihres Buches. Es macht sie allerdings auch angreifbar von Seiten derer, die Statistiken mehr vertrauen als Lebenserfahrung. Kaum aber wird ihr jemand ernsthaft vorwerfen können, ihre Beispiele seien tendenziös ausgewählt oder atypisch (der übliche Terminus heutzutage, wenn man etwas abwerten will, heißt: polemisch). Dass sie eine Meinung, dass sie ethische Maßstäbe hat, dass sie Partei ergreift, versucht Politkovskaja an keiner Stelle zu verheimlichen. Und wenn sie gelegentlich dazu neigt, Jelzin und seine Regierungszeit zu idealisieren, dann erklärt sich das aus den dramatischen Verschlechterungen in jeder Hinsicht unter dessen Nachfolger Putin.

    Manche Sätze sind drastisch, aber deshalb noch nicht weniger wahr. Zum Beispiel dieser: „Die Armee Russlands – traditionell eine der tragenden Säulen des Staates – ist immer noch ein typisches Straflager hinter Stacheldraht für die jungen Bürger des Landes, die man ohne Recht auf Gegenwehr dorthin verfrachtet.“ Wird die in dieser Aussage enthaltene Tatsache, wenn man sie nicht widerlegen kann, im Westen ähnliche Empörung auslösen wie einst die Enthüllungen von Solschenizyn – und wenn nicht, was hat das zu bedeuten? Was hat es zu bedeuten, wenn für den Staat, dessen Politik von Gerhard Schröders Freund Putin bestimmt wird, gilt: „Es gibt in Russland nach wie vor keine unabhängige Justiz, das System der Rechtssprechung bedient politische Aufträge.“ Anna Politkovskaja behauptet das nicht bloß so, sie belegt es minutiös. Das ehrenwerte Genre der Gerichtssaalreportage hat in Politkovskaja eine eindrucksvolle Vertreterin gefunden. Und bei all dem gerät der Russin nicht aus dem Auge, was sie am heftigsten zu erregen scheint: das Verbrechen des Tschetschenienkrieges. Dieser wird im Westen auf eine Weise bagatellisiert, die in groteskem Widerspruch steht zu der Entschiedenheit, mit der man die Rollenverteilung von Gut und Böse auf dem Balkan zu erfassen glaubte. Anna Politkovskaja schreibt: „Pogrome und ethnische Säuberungen (gegen Tschetschenen) finden tagtäglich unter der Ägide der Miliz statt.“

    Ihr Putin-Bewunderer: klagt Anna Politkovskaja wegen Verleumdung an. Wenn Ihr sie aber nicht Lügen strafen könnt, dann gesteht ein, dass Ihr euch zu Mitschuldigen an Pogromen und ethnischen Säuberungen habt machen lassen! Ein Taubstellen kann es in Deutschland nach 1945 nicht mehr geben. Und wer das nun ungehörig findet, dem sei mit der Russin Politkovskaja gesagt: „Deutschland ist auf der Seite Putins, nicht auf unserer.“ Gerade die Schuld, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg gegenüber den Russen auf sich geladen hat, verpflichtet dazu, sich auf die Seite der Russen, nicht ihrer Gewaltherrscher zu stellen.

    Thomas Rothschild


    Anna Politkovskaja: In Putins Russland.
    Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Ulrike Zemme.
    Gebunden. 314 S. 19,90 ¤.
    ISBN 3-8321-7919-4.

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