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Oliver Lubrich (Hg): Reisen ins Reich 1933-1945.

10.03.2005

 
Der andere Blick

Von Samuel Beckett bis Jean-Paul Sartre - Ausländische Autoren berichteten aus Nazideutschland:

 

„Die Vorstellung, eine Reise in das Dritte Reich zu unternehmen, mag heute einigermaßen abwegig erscheinen. Und vielleicht wurde aus diesem Grund die Reiseliteratur über Nazideutschland als Thema übersehen.“ So beginnt die Einführung ins Thema, in der der Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich kenntnisreich die diversen Autoren des Buches „Reisen ins Reich 1933 bis 1945“ vorstellt und zeitgeschichtliche Kontexte aufzeigt. Wie gingen ausländische Autoren mit der Zensur um? Wie war ihre Haltung zum NS vor dem Aufenthalt in Deutschland, wie war sie danach?

Einige begriffen schon früh, zu was der NS fähig sein würde. Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf schrieb bereits 1933: „Deutschland hat auf eine beklemmende Weise die Rolle als ‚Europas kranker Mann’ übernommen. Es ist ein verfaultes, absinkendes Bürgertum, das auch vor den gröbsten Infamien nicht zurückschreckt, sobald es den Kampf um die eigenen Hosen betrifft. Stock und Rute werden wieder in ihre Rechte eingesetzt.“

Die US-Amerikanerin Martha Dodd äußerte 1938, die Verfolgung der Juden werde in einer planmäßigen Vernichtung enden. Der US-Radiokorrespondent Harry Flannery erwähnte 1941 beiläufig, dass „Juden in Konzentrationslager deportiert“ werden. Er, der des Deutschen kaum mächtig ist, verbreitet nur das Wissen, das jeder haben konnte. Umso erstaunlicher, dass viele Deutsche nach 1945 von nichts gewusst haben wollen.

Viele Beiträge sind private Erinnerungen oder kulturjournalistische Aufzeichnungen. Hinzu kommen Artikel namhafter Schriftsteller, die mal kürzer (Jean-Paul Sartre), mal länger (Max Frisch), mal affirmativer (Sven Hedin), mal kritischer (Samuel Beckett) ausfallen. Häufig passiert es, dass die anfängliche Sympathie für die Nazis in Hass umschlägt. So wendet sich Jean Genet, der in Frankreichs Knästen mit dem NS kokettierte, nach einem Aufenthalt in Berlin entsetzt von Deutschland ab. Ihm, dem Freund des Diebstahls, ist dieses „Volk von Dieben unheimlich“.

Egal ob die Autoren subjektiv oder analytisch berichten, deutlich wird, wie sehr sich die Deutschen jener Zeit von den Bürgern der Nachbarstaaten unterscheiden: „Man braucht nur nach den Klängen der Musik zu marschieren und ‚Hoch! Hoch! Hoch!’ zu rufen, um den großen Schauder zu empfinden“, schreibt Georges Simenon im Frühjahr 1933. Wo Ansichten von Nazi-Gegnern, noch Unentschiedenen und NS-Sympathisanten aufeinander treffen, bleibt am Ende kaum eine Frage zum NS unbeantwortet. Außer die, warum bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine solche Anthologie zu veröffentlichen.

Maik Söhler
(Beitrag eresterschienen in der Kölner Stadtrevue)


Oliver Lubrich (Hg): Reisen ins Reich 1933-1945.
Ausländische Autoren berichten aus Deutschland.
Eichborn, Frankfurt/M. 2004.
Gebunden. 430 Seiten, 30 Euro.

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