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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:28

     

    Geständnis eines Ungläubigen

    07.03.2005

    Von Wolfram Schütte

     

    Gibt es eigentlich noch jemanden unter uns, der nach den Erfahrungen der letzten Jahre immer noch daran glaubt, daß die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger statt zu steigen, irgendwann & irgendwie fällt? Daß diese oder eine andere Regierung Mittel hätte & Wege fände, die wachsende Zahl der „Freigesetzten“ zu „halbieren“, wie Gerhard Schröder es zu Beginn seiner ersten Amtszeit versprach, statt daß sie am Ende seiner zweiten bald um diese Hälfte zugenommen hat? Daß die gewachsene Zahl der Arbeitslosen, oder auch nur die Mehrheit von ihnen, so in „Lohn & Brot“ gesetzt werden könnte, daß jeder von ihnen allein von seinem Einkommen auch sein Auskommen hätte? Glaubt das noch jemand von den Arbeitslosen, Beschäftigten, Mittelständlern, Managern, Bankern, Politikern, Wirtschafts “wissenschaftlern“ & -journalisten? Wirklich? Alle?
    Ich nicht.

    Da es um Glauben geht und entgegen allem öffentlichen Gerede & Bereden immer doch nur um Glauben, bekenne ich meinen fundamentalen Unglauben an das, was ich für fortgesetzte & mittlerweile vorsätzliche Gesundbeterei halte. Lieber mit Sokrates & Marx radikal zweifeln, als mit Adam Smith, Ackermann, Hundt & Clement weiterhin glauben.

    Das ist, zugegeben, ungefähr so populär, als würde man in Mekka oder Medina öffentlich bekennen, Allah sei nicht so groß wie alle glaubten, sondern es gäbe ihn gar nicht. Gewiss doch: mein hiesiges Bekenntnis, das wirtschaftsutopische Credo und den alleinseligmachenden Glauben an die „Selbstheilungskräfte“ der „Markwirtschaft“ nicht zu teilen, ist weiß Gott nicht lebensgefährlich, wie es mein in Saudi-Arabien geäußerter Atheismus wäre. Mein Unglaube ist hier bei uns nur lachhaft oder lächerlich, weil nicht im geringsten mehrheitsfähig. Ich gelte damit nur als Ignorant, Pessimist oder Ewig-Gestriger, der von allen am herrschenden „Kapitalismus“ wort- & gedankenreich herumdokternden Politikern, Wirtschaftlern, Journalisten und sonstigen Stammtischpolitikern (unter den Arbeitslosen oder bislang noch Angestellten & Arbeitern) belächelt oder ignoriert wird. Denn ich habe nichts an- und aufzubieten gegen ihre gebetsmühlenhaft wiederholten Glaubensbekenntnisse.

    Noch nicht einmal will ich ein hilfreiches Rezept darin sehen, die allseits beklagte mangelhafte „Binnennachfrage“ durch staatsverschuldende Bau-, Bildungs- und sonstige Beschäftigungsprogramme bis zur erwünschten „Konsumfreudigkeit“ zu reizen – was als „Lafontainismus“ regelmäßig das mittlerweile schon fast nachsichtig-gelangweilte Grinsen aller neoliberalen Gurus zur Folge hätte, falls überhaupt noch einer das Mütchen hat, mit solcher Palliativmedizin herumdoktern zu wollen im selbstgefälligen Kreis der mittlerweile totalitär agierenden neoliberalen Chirurgen.

    Nach deren Patentrezepten wurde der ehemalige Sozialkorpus der Bundesrepublik Deutschland zwar schon weitgehend „abgespeckt“, „verschlankt“ und „fit gemacht“ für das freie Schalten & Walten der tonangebenden (multi)- nationalen Wirtschaftsunternehmen – Welthandel, Banken & Versicherungen – ; aber bei jeder neuen Hiobsbotschaft vom „Arbeitsmarkt“ stehen die neoliberalen Wortführer in Parteien und im Journalismus bereit, um immer noch weitergehende „Flexibilisierungen“ des Arbeitsmarktes, Kürzungen von Löhnen & Sozialleistungen und Steuervorteile für Unternehmen und Unternehmer ein- & anzufordern – und das immer noch mit dem kosten- & folgenlosen Versprechen, gerade dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Wer daran immer noch glaubt, sage ich mir, wird so selig wie der Gläubige, der aufs Himmlische Jerusalem nach dem „ird´schen Jammertal“ hofft. Noch nie ist eine Revolution von oben raffinierter als eine endlose „Reform“ nach unten weitergegeben und in Gang gesetzt worden, wie bei uns, seit die „Neue Mitte“ aus willfährigen Sozialdemokraten und grünen Liberalen dem Mittelstand das Wasser abgegraben und die Unterschicht aufs Trockne gesetzt hat. Darum sind sie dem Schweizer Ackermann an der höchsten Spitze der „Deutschen Bank“ so böse: weil er das doch allseits tabuisierte, verdrängte und beschwiegene Betriebsgeheimnis des Großen Kapitalismus – Erhöhnung der Profitrate durch Kostensenkung qua Personalabbau – ganz unverschämt so an die Große Glocke gehängt hat, als hätte ein Gregor Gysi in seinen besten Zeiten aus dem „Kommunstischen Manifest“ vorgelesen, um Ackermann listig beizustehen.

    Dabei gibt’s weder diesen Gysi, noch kennt bei uns – im Gegensatz zu „Wallstreet“ – noch jemand die Schriften von Marx & Engels, wenngleich die Industrie sie globalisierend vom Blatt weg spielt. Aber der selbstbewußte Ackermann, der die landab, landauf predigenden journalistischen Ablaßhändler des Wolfs- oder Neoliberalismus samt ihren schamlosen Vertröstungen düpiert und die Politiker aller Couleurs als liebe Diener denunziert hat, braucht keinen Luther zu fürchten. Denn mittlerweile hat man auch seine fröhliche Offenbarung als Naturgesetz zur Existenzsicherung geschluckt.

    Denn wir alle sind phantasielos, furchtsam und konformistisch genug, um daran nicht zu rütteln: Extra ecclesia nulla salus est – zu bundesdeutsch: Außerhalb unseres Kapitalismus sehen wir kein Heil, denn wir sitzen ja alle im selben Boot – ob Schnäppchenjäger oder vom Markt Geschnappte, zu leicht & unnütz Befundene. Wir sind und bleiben Gläubige, auf Gedeih und Verderb, zum Vorteil unserer Gläubiger, die´s uns schon richten werden. Natürlich haben wir als Demokraten immer noch die Wahl. Wie´s aussieht, allerdings immer öfter nur noch: zwischen Regen und Traufe oder umgekehrt. Wir schauen zu, wie der neoliberale Marsch durch die demokratischen Institutionen diese Zug um Zug zur demokratisch legitimierten Selbstbedienung der „Besserverdienenden“ umbaut: wo Demokratie als gesellschaftlicher Schutz vor der Macht des Reichen einmal war, soll dann nur noch Wirtschaft und ihr Gesetz des Fressens oder Gefressenwerdens sein. Noch sind wir soweit nicht, aber doch auf dem Weg dahin. Weiter so, ohne mich (oder „nur unter Protest“).

    Extra ecclesia nulla salus est? Nein, nur außerhalb von ihr. Nun, ganz so allein fühle ich mich nicht in meinem Unglauben unter den Gläubigen. Ich weiß an meiner Seite einen Jesuitenschüler und ehemaligen CDU-Generalsekretär: „Wir müssen“, sagte eben der fünfunfsiebzigjährige Heiner Geißler anläßlich seines Geburtstags, “eine Konzeption entwickeln, die im Gegensatz zum gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystem steht“. Denn: „Wir müssen uns aus dem Schlepptau des Neoliberalismus befreien, der Interessen des Kapitals über das der Menschen stellt“.
    Sag´ ich doch: müssten! Aber es hört uns ja keiner.

    Wolfram Schütte

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