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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 02:36

     

    Dorothea Wierling (Hrsg.): Heimat finden

    03.02.2005

    Warum gibt es keine Deutschrussen?

    Warum sprechen wir stets nur von Russlanddeutschen? Ein Erzählprojekt der Körber Stiftung gibt tiefe Einblicke in die Geschichte der deutschen Minderheit in Russland und lässt sie berichten, warum sie zu uns gekommen sind und auch, warum manche wieder gehen möchten.

     

    Am Anfang steht eine Landkarte. Sie zeigt das Reich der ehemaligen Sowjetunion mit all seinen Landesteilen, Provinzen und autonomen Gebieten. Zwischen drin finden sich kleine schwarze Flecken, wie Druzuckfehler auf der ansonsten so akkurat mit Strichen, Linien und Buchstaben durchzogenen Karte; so im Gebiet der einstigen Wolgarepublik, oberhalb des Asowschen Meeres nahe der Krim oder südlich vom georgischen Tiflis. „Deutsche Siedlungsgebiete vor 1939 überwiegend erloschen“ sagt die Legende zu diesen Flecken und markiert damit den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der – je nach Blickwinkel – russisch-deutschen oder deutsch-russischen Bevölkerung: der Beginn des Zweiten Weltkrieges und der kommende Überfall auf die Sowjetunion, deren Machthaber im Kreml und vor Ort schon vorher einen großen Teil dieser Bevölkerungsgruppe interniert und umgesiedelt hatten.

    Sechzig Jahre später scheint sich die Geschichte der einst im 18. und 19 Jahrhundert nach Russland gekommenen Deutschen dem Ende zu neigen. 2, 4 Millionen Menschen haben in den letzten Jahren ihre Heimat verlassen und sind zumeist über das Durchgangslager Friedland bei Göttingen in die Bundesrepublik eingewandert. „Meine Geburtsurkunde ist auf Deutsch, in den Schulen wurde auf Deutsch unterrichtet, alles war deutsch“, erzählt Emma Neumann, 1936 in dem Dorf Friedental geboren, am Südrand des Urals. Anfang der Neunziger wandert fast das gesamte Dorf aus. Die meisten der einstigen Friedentaler leben heute in der Nähe von Dortmund. Sie sind nicht freiwillig gegangen; nicht in dem Sinne, dass sie wohlüberlegt und aus gänzlich freien Stück dem einen Land in Ruhe Lebe wohl sagen konnten, um etwas anderes erst zu suchen und dann zu finden. Der Druck der sowjetischen Behörden seit den dreißiger Jahren, die Diskriminierungen in der Nachkriegszeit und nicht zuletzt die kargen Lebensumstände haben sie am Ende zermürbt. Und so sagt Emma Neumann dann auch: „Ich habe nicht eine Heimat, sondern zwei.“ Und: „Wir sind keine Russlanddeutschen, sondern Deutsche aus Russland.“ In Friedental siedeln heute Tschetschenen, deren Heimat seinerseits derzeit eine verlorene ist.

    Angekommen und unerwünscht

    Den Lebensbericht von Emma Neumann, aber auch den von Erich Kludt, dessen Vater – ein evangelischer Pfarrer – 1935 von den Sowjets erschossen wird, verdanken wir dem Erzählcafe der Körber Stiftung in Hamburg-Bergedorf. Diese hat nun nach dem Erzählband „Gekommen und geblieben“ über die so genannte Gastarbeitergeneration aus der Türkei ein weiteres Beispiel dafür vorlegt, wie er erhellend es sein kann, wenn man Menschen nur in Ruhe aus ihrem Leben erzählen lässt. Und sie haben etwas zu erzählen: von einem vergangenen Leben, das nur auf den ersten Blick folkloristisch anmutet; von einem Dasein, dessen sie sich nie ganz sicher sein konnten, So wie eben Erich Kludt, der sich im Spätsommer 1941 gekleidet in seinen besten schwarzen Anzug bei der Armee meldet, um das Land, das er trotz vieler erfahrenen Zurücksetzungen als sein Heimatland empfindet, zu verteidigen. Doch dieses hat anderes mit ihm vor: Die Fahrt geht in die Wälder Sibiriens, wo er wie ein Strafgefangener gehalten wird – als sowjetischer Bürger mit formal allen Bürgerrechten.
    Davon erzählen sie und auch davon, wie schwer es war, hierzulande von neuem anzufangen. Nicht nur, weil das Deutsch, das sie daheim sprachen, ganz anders war, als das hier übliche. Weil ihre Berufsausbildungen nicht immer anerkannt wurden und weil überhaupt das Leben zwischen Flensburg und Regensburg einige Takte schneller geht. Weil man sie nicht mehr unumwunden willkommen heißt, sondern der Begriff des „Russlanddeutschen“ immer mehr zum Synonym für den ungehobelten Menschen mit einer fast natürlichen Anlage zur Kriminalität und zum Wodkatrinken wurde.

    Identität durch Distanzierung

    Und dennoch sind viele froh, dass sie gekommen sind. „In Deutschland mit seinen klaren Regeln fühle ich mich seelisch zu Hause“, sagt der Ingenieur Viktor Petri. „Ich bin glücklich, hier in Frieden leben zu können“, sagt die Deutschlehrerin Sophie Wegner, deren Vater die Lagerhaft mit schweren gesundheitlichen Folgen bezahlt hat. Und sie erzählen voller Optimismus von ihrem neuen Leben unter uns, auch wenn es sich nicht immer hundertprozentig so erfüllt hat, wie sie es sich anfangs vorstellen.
    Ganz anders ist die Stimmung oft bei den Jungen. Bei ihren Erzählungen überwiegt von Anfang an ein distanzierter Ton und das hat seinen guten Grund: Während ihre Eltern teilweise ein Jahrzehnt lang die Entscheidung, gehen oder bleiben hin und herwälzten, wurden sie nicht groß gefragt, als es daran ging die Koffer zu packen. So sitzen sie denn hier ohne den Vorlauf der in der Sowjetunion oder im heutigen Russland geschärften Identität durch Abgrenzung gegen über den Repressionsorganen. Auch nehmen sie es sich mehr zu Herzen, wenn mal wieder der Spruch ertönt, sie seien doch nur hier und könnte die staatlichen Hilfen und Angebote nur deswegen in Anspruch nehmen, weil der Großvater mal einen deutschen Schäferhund gehabt hätte. Und nicht zuletzt ist der Kulturbruch nicht so einfach zu verarbeiten: mag zuweilen so gar nicht zu dem strukturierten und antiliberalen Leben passen, das sie als Kind oder Jugendlicher geprägt hat. Was bleibt, ist nicht selten die Flucht zurück; nicht immer real, die helfen könnte, zwischen nachträglicher Idealisierung und tatsächlichem Leben vor Ort zu unterscheiden. Sondern eben eine phantasierte, wo im Nachhinein alles gut werden muss, da das Gegenwärtige in der Schule wie am Ausbildungsplatz als so schwierig erscheint. Und so sagt der (ehemalige?) Kasache Nikolaj Kuzelev, der als Jugendlicher zu uns kam, folglich: „Für mich ist klar, dass ich immer Russe bleibe.“

    Frank Keil-Behrens


    Dorothea Wierling (Hrsg.): Heimat finden
    Lebenswege von Deutschen, die aus Russland kommen
    Edition Körber Stiftung, Hamburg, 2004
    Taschenbuch. 274 Seiten, 14,- ¤
    ISBN 3-89684-043-6

    TITEL ist umgezogen!

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