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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 14:03

     

    Karen Armstrong: Im Kampf für Gott

    16.12.2004

     
    Keine „Ewiggestrigen“

    Wer hätte das gedacht: Der Fundamentalismus ist durch und durch modern. Karen Armstrong untersucht ihn von den Anfängen bis in die Gegenwart. Man liest Bemerkenswertes!


     

    Ganz modern

    Neben den berüchtigten „Bärendiensten“ und „Pyrrhussiegen“ gehören die „Ewiggestrigen“ zum unverzichtbaren Inventar journalistischer Kommentare, die mangels eigener Einsicht lieber der Wahrheitsfähigkeit des Volksmunds vertrauen. „Ewiggestrig“ ist dann stets das, was nicht auf den ersten Blick als zeitgemäß sich anbiedert, so auch die Fundamentalismen, denen wir derweil allerorts begegnen.

    Wie verdienstvoll ist es da, dass die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong bereits 2000 den endlich auch auf Deutsch erschienenen Versuch unternommen hat, die zahlreichen fundamentalistischen Strömungen in den drei abrahamitischen Religionen zu analysieren und historisch zurückzuverfolgen. Wer meint, die ehemalige Katholikin und Nonne Armstrong habe aus Gründen der Parität oder Fairness sich alle drei, Judentum Christentum und Islam vorgenommen, der täuscht sich; ihr Vorgehen ist in der Sache begründet.

    Armstrong versteht fundamentalistische Strömungen nicht als zufällige Abweichungen von einer gültigen Orthodoxie oder gar als Atavismus in vormoderne Zustände, sondern als eine Reaktion auf die Moderne selbst, und so in der Struktur der Moderne als zu erwartende Variante schon je angelegt. Nicht oft genug kann die Autorin betonen, dass Fundamentalisten durchaus nicht im Gestern leben, sondern ganz und gar modern argumentieren. Konsequenterweise beginnt sie daher ihre Analyse des Fundamentalismus im Achsenjahr 1492, das für alle drei monotheistischen Religionen eine tiefe Zäsur darstellte: Die Reconquista eroberte Spanien für die Christenheit zurück und vertrieb mit den Muslimen in einem Zuge auch die Juden. Mit der Entdeckung der Neuen Welt wechselte ein globales Paradigma, die Moderne nahm ihren Anfang.

    Die Moderne erschütterte die hergebrachten Lebenswelten in allen drei Religionen und provozierte entsprechende Reaktionen, die entweder in einem konsequenten Rückzug bestanden, oder aber im Versuch, die alte Lebenswelt mit neuen, jetzt rationalen Mitteln zu rechtfertigen, was entweder in einer Säkularisierung endete, deren Konsequenzen wir heute als umfassenden Konsens angenommen haben, oder aber in dem Versuch, die tradierten mythischen Welten als solche der Vernunft ausgeben zu wollen, d.h. eigentlich mythische Texte logisch auszulegen, und damit wortwörtlich.

    Mythos und Logos

    Mit der Moderne, so Armstrong, sei das Verhältnis von mythos und logos, die vormodern sich in einem ausgewogenen Verhältnis von Lebenswelt und deren Begründung zueinander verhielten, aus dem Gleichgewicht geraten. Der mythos wurde in manchen Strömungen zum logos umgedeutet, was in seiner Konsequenz eben zum Fundamentalismus gedeiht. Diese schlichte Dualität von logos und mythos, wie Armstrong sie anlegt, ist zu schematisch gedacht und in einiger Hinsicht der Kritik bedürftig, zur Methode erhoben erweist sie sich dennoch als funktional.

    Armstrong untersucht die fundamentalistischen Strömungen von der Reconquista bis etwa 1997 repräsentativ anhand der chassidischen und kabalistischen Sekten des Judentums und später der Ultraorthodoxen in Israel, der evangelikalen Bewegungen in den USA von den Pilgrim Fathers bis hin zu den Fernsehpredigern der Gegenwart, für die islamische Welt anhand der Entwicklungen in Ägypten (für die arabischen Sunniten) und im Iran (für die persischen Schiiten). Die Autorin bewegt ungeheure Mengen an Informationen, was mitunter die Gefahr der Unübersichtlichkeit aufkommen lässt, doch meistens meistert sie die Fülle. Ihre Sachkenntnis ist jedenfalls beeindruckend.

    Wahrnehmungsstörungen

    Das Buch ist ein Augenöffner: Armstrong hat keine Mühe, ihre These zu verifizieren, die strukturale Identität aller fundamentalistischen Bewegungen ist frappierend. Armstrong versteht es mit ihrer emphatischen Hermeneutik, sich gänzlich auf die Denkart der jeweiligen Fundamentalismen einzulassen und sie von innen heraus verstehbar zu machen, ohne dass sie je in den Verdacht geriete, Apologetin zu sein. Es ist zweifelhaft, ob es eine andere sinnvolle Methode geben kann, sich mit dem Phänomen des Fundamentalismus zu befassen.

    Es gelingt Armstrong, säkulare und westliche Fehlwahrnehmungen glaubhaft zu korrigieren, so zum Beispiel unsere Auffassung vom iranischen Khomeini-Regime oder der islamischen Kleidung, insbesondere des Kopftuchs. Die uns abstrus vorkommenden ultraorthodoxen Parteien in Israel, die einerseits den Staat Israel verteufeln, es sich in ihm andererseits aber gut gehen lassen, werden bei Armstrong verstehbar, und die Blüten des amerikanisch-evangelikalen Fundamentalismus, über die wir uns im alten Europa nicht genug amüsieren können, zeigen sich in ihrer ganzen absonderlichen Radikalität. Armstrong macht das undurchsichtige Phänomen des Fundamentalismus transparent.

    Armstrongs Buch ist vor dem Amtsantritt von George W. Bush und auch vor dem 11. September geschrieben und berücksichtigt die Entwicklungen danach nicht mehr. Das gereicht ihm aber eher zum Vorteil und beweist das Gespür Karen Armstrongs für kommende Dinge. Jedenfalls erfährt es dadurch eine Entlastung von dem Verdacht, ein weiteres Produkt der Publikationsbetriebs um 9/11 zu sein. Wer dieses Werk gelesen hat, wird in Zukunft oft genug Gelegenheit haben, sich über oberflächliche und nicht selten dumme Berichterstattung und Kommentare zu ärgern.

    Bernd Draser


    Karen Armstrong: Im Kampf für Gott.
    Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam.
    Aus d. Englischen v.: Barbara Schaden
    Siedler Verlag, München 2004.
    Gebunden. 628 Seiten. 28 Euro.
    ISBN: 3-88680-769-X

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