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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:22

     

    Hans Küng: Der Islam

    02.12.2004

     
    Neues vom Verkünder

    Nach dem Judentum und Christentum hat der vatikanisch kaltgestellte Theologe Hans Küng nun auch den Islam auf 900 Seiten so lange bearbeitet, bis er in den von ihm selbst offenbarten Weltethos passt.


     

    Husch husch, ins Gehege!

    Hans Küng hat seine Trilogie über die abrahamitischen Religionen abgeschlossen, nun liegt auch der Band über den Islam vor. Das Publikationsdatum zur Frankfurter Buchmesse war trefflich gewählt, da die arabische Welt im Mittelpunkt stand. Wer nun erwartet, sie stünde auch in Küngs Islambuch im Mittelpunkt, der wird enttäuscht. Denn der Mittelpunkt von Küngs Werken ist Küng vorbehalten. Der Islam bleibt Schreibanlass für die ungesättigte Verkündigungslust des Verkünders Küng.

    Ihm geht es um nichts Geringeres ans den so genannten Weltethos. Eine allumfassende Auslegung der Welt, Handlungsanweisung inklusive, dem Judentum, Christentum und Islam, und morgen alle Weltreligionen, sich kraft der Vernunft (Küngs Vernunft) unterwerfen sollen. Lustig genug: Islām bedeutet Unterwerfung, freilich nicht unter Küng.

    Ein Welt-Ethos, ein allumfassendes Ethos – was ist das? Das Weltumfassende heißt auf Griechisch katholos. Nachdem die römische Kirche gleichen Namens instinktsicher sich eines Besseren besann und ihren Priester und Professor Küng nicht mehr in ihrem Namen reden ließ, geht Küng, noch voll des Rufes, den nächsten logischen Schritt und spricht noch allumfassender, nicht nur catholicus, sondern jetzt erst recht katholos, gleich für die ganze Welt.

    Auch das Wörtchen Ethos hat seine Geschichte. Zuerst begegnet es uns im 14. Gesang der Odyssee und bezeichnet das Gehege, in dem der Hirt Eumaios die Schweine seines Herrn Odysseus eingepfercht hat. Seiner Berufung zum Hirtenamt treu bleibend, geriert sich nun Küng als eine Art Eumaios der Abrahamiten, der die Schäfchen respektive Schweinchen des Herrn ins Trockene zu bringen hat. Judentum, Christentum und Islam sind in das Gehege zu pferchen, das Küng aufstellt.

    Siegel der Propheten

    Wie geht er vor? Ganz ohne sich über seine Intention, den Islam küngkonform zu verbessern, auch nur im Geringsten zu genieren. In seiner Einleitung legt er dar, dass es sein Ziel sei, die Geschichte des Islam so lange umzugraben, bis er das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen sortiert hat. Zur Methode erhebt er die für ein gymnasiales Tafelbild gar nicht so schlecht geeignete Paradigmenanalyse, die von T. S. Kuhn zunächst für andere Zwecke entwickelt wurde.

    Das funktioniert gut und anschaulich, hat aber, wie auch der Fettdruck der Schlüsselworte und die Schaukästen mit den redundanten Zusammenfassungen, etwas sehr Oberlehrerhaftes. Freilich ist bei genauerem Hinsehen Küngs Paradigmenanalyse nur ein fesch klingender Name für das, was man in der Geschichtsschreibung schon immer gemacht hat: die Epocheneinteilung nach Dynastien, verbunden mit der Anmerkung, der Dynastienwechsel brächte auch jeweils eine Veränderung im Selbstverständnis des Islam mit sich.

    Hätte Küng auf einige Dinge verzichtet (Selektion von Gefälligem und Missfälligem im Islam, Verbesserungsversuche desselben, der ewige Weltethos), wäre ihm eine Art großväterlich erzählte summa islamica geglückt, die eine schöne Übersicht über Ursprung und Entwicklung des Islam gegeben hätte. Die böte dann zwar nichts Neues, wäre aber eine griffige und sehr viel kürzere Leseausgabe ohne großen akademisch Anspruch. Aber Küng beansprucht für sich wörtlich, „Grundlagenforschung“ betrieben zu haben. Das stimmt insofern, als er die Grundlagenwerke gelesen hat, aber grundlegende oder gar neue Forschungsergebnisse bietet er nicht.

    Sein weltethischer Dogmatismus verleitet Küng, sobald er den sicheren Boden der referierten Fachliteratur verlässt, zu eklatanten Fehleinschätzungen des Islam. Ein Beispiel: Die komplette Hadith-Tradition hält er für eine frei erfundene Verfälschung des „wahren“ Islam durch Machtpolitiker, die ihre illegitimen Ansprüche und Taten in falscher Berufung auf den Propheten zu rechtfertigen suchen. Apodiktisch setzt er: Islamisch ist nur, was im Koran steht, folglich ist alles, was nicht im Koran steht, auch nicht islamisch.

    Wie kommt es zu dieser Anmaßung? Wir hören die Nachtigall trapsen: Küng gilt die Tradition deshalb nichts, weil sich das Papsttum der katholischen Kirche auf sie beruft. Da Küng das Papsttum nicht mag, folgt daraus, dass Tradition lügt. Da der Hadith eben die tradierten Berichte von den Worten und Taten des Propheten sind, müssen sie folgerichtig auch gelogen sein und sind demnach zu verwerfen. Küng scheint der Gedanke gar nicht zu kommen, dass der Islam mehr sein könnte als eben das, was er an ihm mag. Vom anderen Ende her gedacht: Wahr an den Religionen ist nur das, was sich mit dem Küngschen Weltethos vereinbaren lässt.

    Im islamischen Verständnis offenbart der Koran den Gläubigen durch den Propheten Muhammad die endgültige und vollständige Offenbarung, die im Juden- und Christentum bereits vorläufig gegeben war. Daher ist Muhammad der letzte Prophet, der die Offenbarung besiegelt. Nur Küng setzt noch einen drauf: Die endgültige Offenbarung ist der Weltethos, verkündet durch den Verkünder Küng. Erst die Vollendung des Weltethos besiegelt den ewigen Weltfrieden, in dem die Religionen alles Falsche abstreifen und nur das Gültige bewahren. Und dieses nun wirklich endgültige Siegel aller Propheten, wie könnte es anders sein, heißt Küng.

    Erlösung vom Erlöser

    So wird denn munter weiter erlöst und verkündet werden, solange sich genug elder und eldelry statesmen finden, die um Küngs Weltethosprojekt tänzeln wie jene frühen Abrahamiten um ein gewisses Kalb. Küng zitiert sie fast so gern, wie er sich selbst zitiert: Am Ende des Buchs sind mehrere feuchtwarme Seiten einer Weltethosrede von Kofi Anan gewidmet, ohne dass auch nur ein entferntester Zusammenhang mit dem Thema Islam bestünde. Das Literaturverzeichnis umfasst neben Lexika nur Küngs Werke; hingegen sind sämtliche wissenschaftlichen Arbeiten in den umfangreichen Anmerkungsapparat verbannt.

    Nach all dem weltethischen Brimborium und einem (von Küng formulierten) Gebet oder Credo des Weltethos stellt der staunende Leser sich die Frage: Warum eigentlich sollte ein Weltethos ausgerechnet monotheistisch sein? Wäre es, als zweitbester Weg, nicht viel realistischer (und gerechter!), für eine Welt voller inkommensurabler Erzählungen ein polytheistisches Paradigma ins Auge zu fassen? Der allerbeste weil einzig offene Weg bleibt aber die Aporie. Keine, aber auch gar keine Religion bedarf eines salbadernden Synkretismus á la Küng.

    Wenn nicht vorauszusehen wäre, dass dieses Buch ohnehin wirkungslos verhallen wird, müsste man vor dem falschen Propheten Küng warnen. Doch so darf man sich mit der aristophanischen Tugend begnügen, gerechten Spott über ihn zu gießen.

    Bernd Draser

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    Hans Küng: Der Islam.
    Piper Verlag München/Zürich 2004.
    Gebunden. 891 Seiten, ¤ 29,90.
    ISBN: 3-492-04647-9

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