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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 05:07

     

    Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge

    25.11.2004

     
    Genealogie Nahost

    Was man schon immer über den Nahen Osten und den Islamismus wissen wollte, kann man jetzt im zuverlässigen und brillant geschriebenen Buch von Gilles Kepel nachlesen.


     

    Kein neuer Nahost-Reißer

    Noch ein Band für die Bücherwand? Die Kakophonie der Kausalitätskonstruktionen zu Nahost, 9/11 und Islamismus machen es schwer, die Relevanz von Behauptungen überhaupt noch beurteilen zu können. Der Boden ist bereitet für sich so nennende Experten vom Schlage Konzelmann oder auch präjudizierende Gewährsleuten wie Scholl-Latour.

    Der etwas reißerische deutsche Titel von Gilles Kepels Buch täuscht. Auf Französisch heißt es Fitna: Krieg im Herzen des Islam und benennt viel genauer, worum es dem Lehrstuhlinhaber für Nahost- und Mittelmeerstudien geht, um den Aufruhr nicht nur im Herzen des dar-al-Islam, des islamischen „Hauses“, sondern auch die Kämpfe der islamischen und islamistischen Richtungen, die auf die seit je intensive, jetzt aber ungeheuer sich verstärkende Verflechtung mit den westlichen Welten (denn auch „der Okzident“ ist kein Block) mit zentrifugalen Kräften reagieren.

    Gilles Kepel hat etwas, das vielen Mitrednern abgeht: den Überblick. Man ahnt zwar allgemein, dass es Zusammenhänge zwischen dem Israel-Palästina-Konflikt und dem Dschihad-Terrorismus, der Lage in Saudi-Arabien und im Irak, den Washingtoner Neo-Konservativen und den Verwerfungen in den europäischen Vorortghettos gibt. Kepel aber, denkbar weit entfernt von Spekulationen, legt eine präzise, gedanklich evidente und sprachlich klare Analyse der Zusammenhänge vor.

    Zunächst beleuchtet er die Umstände, denen der Oslo-Prozess erlag: Einerseits den beiden greisen Erzfeinden Arafat und Sharon, die sich aus machtpolitischen Erwägungen gegenseitig zu immer heftigeren Provokationen reizten (der eine die Hammas und den Dschihad Islamiya im Nacken, der andere die Wahlen vor Augen). Andererseits dem nachlassenden Druck aus Washington, in Folge des Amtswechsels von Bill Clinton zu George W. Bush.

    Kepel liefert eine erhellende Analyse der neokonservativen Weltsicht, die ihren Einfluss im Weißen Haus erst nach dem 11. September 2001 voll entfalten konnte, als die Administration vor Entsetzen paralysiert war. Die Vordenker der Neocons waren in ihren jungen Jahren nicht selten Linkshegelianer, Marxisten, Trotzkisten, und bewahrten aus dieser Zeit eine manichäisch eingedampfte Dialektik, die ungefähr so geht:

    Die Welt muss nach Ende des US-Sowjet-Antagonismus amerikanisch befriedet werden. In Anwendung auf den Nahen Osten heißt das: Israel schützen, Ölfluss sichern. In einer gewollt machiavellischen Exekution: Saddam stürzen, Irak demokratisieren, ganz Arabien damit begeistern; nach einigen Jahren fruchtet die Saat, der Orient (auch Saudi-Arabien) wird demokratisch, und frei sprudelt das Öl. Die Gelegenheit zur Realisierung dieser hehren Pläne ergab sich aber erst mit der Katastrophe des 11. September.

    Kepel durchleuchtet die Vorgeschichte zu diesem Datum anhand der Karriere des Chefideologen an Bin Ladens Seite, al-Zawahiri, und geht so bis zu den Ursprüngen des Islamismus im Ägypten Nassers und Sadats zurück, um zu zeigen, wie al-Qaida darauf kam, den Dschihad von den „nahen Feinden“ Israel und den korrupten arabischen Regimen auf den „fernen Feind“ Amerika umzulenken, der als Urquell allen Übels ausgemacht wurde. Weiter wird das Franchising-Prinzip al-Qaidas nach 9/11 analysiert, was eine “Amateurisierung” der Anschläge zur Folge hat, die erst in den heurigen Madrider Anschlägen wieder professioneller angelegt waren.

    Das Staunen darüber, dass fast alle Attentäter vom 11. September Saudis waren, ist erheblich. Kepel legt seine Analyse dieses Umstands groß an und beginnt bei dem Pakt, den US-Präsident Roosevelt mit König Ibn-Saud 1945 abschloss, der für die amerikanisch-saudischen Beziehungen bis September 2001 formgebend war. Die besonders strikte wahabitische Ausprägung des Islam, die aufs Engste mit dem Hause Saud verwoben ist, wird bis zu ihren Anfängen im 18. Jahrhundert zurückverfolgt. Mit viel Sensibilität analysiert Kepel die vielfältigen religiösen Strömungen und Gegenströmungen, die in Arabien zuletzt zentrifugal wirken und Phänomene vom Schlage Bin Ladens auswerfen.

    Mit dem Angriff auf den Irak haben, so Kepel, die USA die Büchse der Pandora geöffnet, der nun all die Übel entspringen, deren Ausmerzung Ziel des Kriegs war. Kepel entwirft ein anschauliches Bild der diffizilen irakischen Gemengelage und staunt nicht schlecht über die atemberaubende Einfalt der amerikanischen Strategen nicht nur neokonservativer Prägung.

    Eigentlich Europa

    Worum es Gilles Kepel aber eigentlich geht, das ist Europa und die Entwicklungen, die der Islam hier nimmt. Er ist intimer Kenner der verschiedensten islamistischen Strömungen und kennt sich in den suburbanen Milieus ebenso gut aus wie in deren Internetforen und Chatrooms. Mag man sich zunächst auch über die vielfältigen Radikalismen und die Ratlosigkeit der Regierungen im Umgang mit ihnen beunruhigen, so hat Kepel zuletzt doch eine optimistische Perspektive. Er erkennt die Aporie der Lage und setzt auf die Generation junger und aufstrebender Muslime in Europa, die langfristig ihre eigenen islamischen Paradigma etablieren werden.

    Kepels Untersuchung ist ein analytisches wie erzählerisches Meisterwerk. Seine überwältigende Sachkenntnis verliert sich niemals im Kleinklein, seine virtuos schlüssige Argumentations- und Erzählweise bleibt stets stringent. Nicht genug loben kann man Kepels erzählerisches und stilistisches Talent. Ein spannendes und anspruchsvolles Buch, einwandfrei übersetzt von Bertold Galli, Enrico Heinemann und Ursel Schäfer. Wer wirklich wissen will, worum es geht, kann auf dieses Buch nicht verzichten!

    Bernd Draser


    Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge. Die arabische Welt und die Zukunft des Westens.
    Aus d. Französischen von Büro Mihr
    Piper: München, Zürich 2004.
    Gebunden. 398 Seiten, ¤ 22,90.

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