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Hans Christoph Buch

22.11.2004


Beiträge zur Chaosforschung

Hans Christoph Buch, Deutschlands Krisenjournalist par excellence, setzt sich einmal mehr literarisch mit der blutigen Realität der Tropeninseln Haiti sowie weiterer Krisen- und Kriegsregionen auseinander.

 

"You see something's happening but you don't know what it is", gab Bob Dylan schon vor beinah vierzig Jahren zum Besten – eine Aussage, die mittlerweile der hellsichtigste Diplomat sich nicht scheute zu unterschreiben, um unsere gegenwärtige Weltlage auf den Punkt zu bringen. Eindringlich hat Hans Christoph Buch dies bereits in seinem Reportagen- und Essayband "Blut im Schuh: Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkrieges" (2001) geschildert, und er wird nicht müde, die Kristallisationsorte eines sich ankündigenden, womöglich dauerhaften Lebensgefühls des 21. Jahrhunderts aufzusuchen.

Einem geographischen Festpunkt hielt er in den Jahren seiner Recherchen, die ihn zum Globetrotter und Deutschlands Krisenjournalisten par excellence machten, die Treue: Haiti. Nicht nur private Verwurzelungen – die Abenteuerlust seines Großvaters hatte diesen unter Kaiser Wilhelm nach Port-au-Prince verschlagen – mochten Buch dazu veranlasst haben, sich immer wieder schreibend dem Ostteil jener Insel Santo Domingo zuzuwenden, wo Christopher Kolumbus 1492 vor Anker gegangen war: Vor allem das nie ruhende gesellschaftlich-politische Chaos des Karibikstaats dürfte ihn jedes Mal von neuem in seinen Bann gezogen haben, wie er in einer fiktionalisierten Selbstzuschreibung gesteht:

"Es war sein einundvierzigster oder zweiundvierzigster Besuch in Quisqueya. Irgendwann hatte B. aufgehört, seine Reisen zu zählen, denn er wußte zuviel über dieses Land. Zu jedem Namen, jedem Datum und jedem Ort hatte er eine Geschichte parat, und irgendwann hatte er es aufgegeben, das Rätsel der quisqueyanischen Identität zu lösen, die aus lauter Absurditäten und Abstrusitäten bestand, aus unbewiesenen Behauptungen, schreienden Übertreibungen und haarsträubenden faits divers, ein exotischer Kolportageroman, der sich selbst fortschrieb und wie eine Spirale um seine eigene Achse drehte – Endlosschleife war das richtige Wort dafür. Die zwanghafte Beschäftigung mit Quisqueya hatte alle seine Energien aufgezehrt und eine Leere in seinem Leben hinterlassen, die durch nichts auszufüllen war: Vielleicht war dies der Grund, warum B. nicht loskam von dem obskuren Objekt seiner Begierde, das den Schweiß der Edlen nicht wert war, die Leben und Gesundheit riskierten beim Versuch, dieses von Gott und seinen Bewohnern verfluchte Land zu ergründen. B. haßte Quisqueya, und doch kehrte er, wie ein Täter an den Tatort, immer wieder dorthin zurück."

Wie ein Täter an den Tatort zurückkehrt

"Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich" ist (wie "Blut im Schuh" in Enzensbergers "Anderen Bibliothek" bei Eichborn erschienen), nach den Romanen "Die Hochzeit von Port-au-Prince" (1984) und "Haiti Chérie" (1990), Buchs nunmehr dritte große literarische Auseinandersetzung mit der blutigen Realität der Tropeninsel. Um sie erzählerisch zu bewältigen, schlägt er kein lineares Handlungsmuster ein, sondern begibt sich auf drei verschiedene Ebenen des Diskurses: Der in der Gegenwart angesiedelten, zwischen Fakt und Fiktion, Realität und traumartiger Phantastik pendelnden Chronik des Journalisten B. (einem in die dritte Person transferiertem alter ego des Autors); dem fiktiven, grotesk überzeichneten Selberlebensbericht eines während der Französischen Revolution und der Napoleonischen Ära in die Geschicke Haitis verwickelten deutschen Sklavenhändlers; schließlich dem als reflexiver Rahmen fungierenden vierteiligen Essay "Haiti erzählen", einer Analyse des Unvermögens, sich neutral gegenüber den erlebten Vorgängen verhalten zu können.

Haiti als Resonanzboden zukünftiger Desaster?

Untermauert durch den dreifachen Perspektiv- und Zeitenwechsel, gelingt es Buch, den Rückstoßeffekt des Beobachteten auf den Beobachter zu veranschaulichen – nämlich zu zeigen, dass das, was sich in Haiti ereignet, nicht losgelöst vom Weltgeschehen ereignet, sondern im Wechselspiel mit globalen Prozessen, die die Stabilität der westlichen Demokratien zu unterminieren drohen: Haiti als Resonanzboden künftiger Desaster auch unserer Breiten? – Endet Buchs kalkulierte Tatsachenfiktion zwar mit dem tatsächlichen Scherbenhaufen eines demokratischen Experiments, auf den mehr denn je Heines Dichterwort "und es herrscht die alte Nacht" zu passen scheint, so ist sein Erzählversuch alles andere denn fatalistisches Untergangsszenario: Buch schreibt in der Absicht, den Blick auf eine sich verändernde Wirklichkeit einzuüben, vor welcher die Augen zu verschließen der fatalste Fehler wäre.
Insofern sind seine Reportagen Beiträge zu einer Literatur unter dem Signum der Globalisierung – dies unterstreicht sein zeitgleich bei zu Klampen erschienenes Brevier "Standort Bananenrepublik: Streifzüge durch die postkoloniale Welt". Die darin gesammelten Reportagen verdanken sich teilweise tagesaktuellen Konflikten der letzten zehn Jahre – von (wiederum) Haiti bis Liberia, von Pakistan bis zum Sudan – , führen jedoch mit den ihnen an die Seite gestellten Reflexionen weit über die jeweilige Tagesaktualität hinaus: Es ist kein Zufall, dass eine Betrachtung zu Joseph Conrads "Herz der Finsternis" zwischen Berichte aus Darfur und Monrovia eingeschoben ist; und die Ansichten zu Borges und Neruda sind mehr als bloß private Polemiken oder Abhandlungen des Literaturwissenschaftlers Buch – originelle Kommentare zur "phantastischen" Realität Südamerikas.

Buch vertritt nie den todernsten Anspruch des hartgesottenen Katastrophenkenners – vielmehr überrascht sein Humor, wenngleich dieser den Umständen entsprechend gallige, groteske, bitterböse Züge annimmt. Die Neugier, mit der er sich den Dingen und Menschen nähert, lädt schließlich dazu ein, den Reiseschriftsteller Buch zu entdecken, dessen Beiträge über Chatwins Feuerland, Humboldts Amerika, Hermann Hesses asiatisches Comeback oder eine Antarktisexpedition, die wie bei Arthur Gordon Pym den Pol verfehlt, zum Besten gehören, was in der kleinen Form des literarischen Reiseberichts derzeit auf Deutsch zu lesen ist.

Jan Röhnert


Hans Christoph Buch: Tanzende Schatten oder Der Zombie bin ich. Romanessay.
Eichborn: Die Andere Bibliothek, hrsg.v. Hans Magnus Enzensberger, 2004.
Gebunden. 27,50 ¤.
ISBN 3-8218-4544-9

Hans Christoph Buch: Standort Bananenrepublik. Streifzüge durch die postkoloniale Welt. Springe: zu Klampen Verlag, 2004.
16,00 e.
ISBN 3-934920-42-X

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