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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:14

     

    Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt

    17.09.2004

     
    Die Gewalt, der Schmerz und die Körper

    In Wolfgang Sofskys „Traktat über die Gewalt“, das 1996 zum ersten Mal erschienen ist und nun bereits in der dritten Auflage vorliegt, untersucht der Autor Formen und Wirkungszusammenhänge von Gewalt.

     

    Wolfgang Sofsky ist ein vielbeachteter Experte in der anthropologischen Gewaltforschung. Mehrere seiner Bücher und Aufsätze wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und fanden international weite Beachtung. 1993 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis für "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager". Wolfgang Sofsky ist freier Autor und lehrte als Professor Soziologie in Erfurt und Göttingen.

    Wolfgang Sofskys Beschreibungen und Analysen sind jedoch keine distanzierten oder abgehobenen wissenschaftlichen Kommentare. Gewalt wird von ihm als ein erfahrbares Phänomen betrachtet und behandelt. Deshalb nähert sich Wolfgang Sofsky unterschiedlichen Gewaltformen in sogenannten dichten Beschreibungen an. Unterstützend zieht er hierbei historische, philosophische oder literarische Quellen ein, was zwar eine strikte Zuordnung in akademische Disziplinen verhindert, der Leseerfahrung und seiner Argumentationslinie aber keinen Abbruch tut. Hierbei interessiert sich Wolfgang Sofsky nicht für strukturelle oder andere abstraktere Formen von Gewalt oder Unterdrückung. Im Zentrum seiner Analysen stehen konkrete und direkte Formen von Gewalt, die auf die Menschen und ihre Leiber abzielen.

    Für Sofsky ist die Möglichkeit der Gewalt immer gegeben. Gewalt ist nichts, was dem Menschen fern steht, im Gegenteil: Sie war immer da und wird es vermutlich immer sein. Das Tier, oft als Bestie beschrieben, tötet zwar, foltert aber nicht und verübt auch keine Massaker. Der Mensch hingegen schon.
    In seiner Analyse lehnt Sofsky den Begriff instrumenteller Gewalt ab. Gewalt genügt sich selbst und wird zum Selbstläufer. Einmal losgelassen breitet sie sich aus und ist kaum mehr zu kontrollieren oder aufzuhalten. Gewalt kann nun zur Grausamkeit werden. Externe Gründe spielen hierbei keine Rolle mehr. Der Begriff instrumenteller Gewalt verfehlt für Sofsky diesen Schwellenpunkt zwischen Grausamkeit und Gewalt von vorneweg.

    Sofsky nimmt sich in seinen Aufsätzen und Analysen ein Dutzend Aspekte von Gewalt vor. So widmet er sich zuerst den Zusammenhängen von Ordnung und Gewalt. Ordnung beruht in vielen Fällen auf einer Monopolisierung von Gewalt. Doch gleichgültig welche Ordnungsform gerade die vorherrschende ist, die Möglichkeit von Gewaltausbrüchen und der Barbarei ist für Sofsky stets gegeben. Weiter wird der Blick auf einen Gegenstand der Gewalt gerichtet: die Waffe. Die erste Waffe des Menschen ist er selbst, Zähne und Fäuste, überhaupt der gesamte Körper lässt sich auf mannigfache Weise zum Angriff verwenden. Gleichzeitig ist die leibliche Verwundbarkeit des Menschen zumeist das Ziel von Gewalt. Aus diesem Grund entwickelten die Menschen Abwehrwaffen, um diese den Tat- und Angriffswaffen entgegenzusetzen. Waffen dienten deshalb zur Selbsterweiterung und etwas später der Raumüberwindung. Schließlich spielte Plötzlichkeit und Beschleunigung bei Kriegen und Angriffen eine zentrale Rolle. Die Entwicklung von Artefakten, die zu Kampfhandlungen dienen, spiegeln dieses Wechselspiel zwischen Angriff und Schutz und Verteidigung wieder. Inzwischen jedoch vereinigen multifunktionale Waffensysteme Selbstverteidigung mit hoher Angriffsfähigkeit und Geschwindigkeit. Diese Waffenkonstruktion, so Sofsky, folgt universalen Schemata, die letzten Endes in der Verletzungsmächtigkeit und Verletzungsoffenheit des menschlichen Körpers begründet liegen.

    In weiteren Aufsätzen beleuchtet der Autor den Zusammenhang zwischen Gewalt und Leidenschaft. Hier wird deutlich, dass die Gewalt nicht ohne weiteres durch Regeln oder Verbote einzuschränken oder in den Griff zu bekommen ist. Ist sie einmal ausgebrochen, wird sie sich weiter ausbreiten, ist flüchtig und lässt sich nicht einfach beenden. Sie löst Reaktionen aus, die den Getroffenen von innen überwältigen: Angst und Schmerz, Verzweiflung und Verlassenheit. Schmerz ist für Sofsky eine zentrale Kategorie – Kategorie im Verständnis von Gewalt. Er bedeutet nichts als er selbst, hat keine Intentionalität. Er ist reine Empfindung und kann von Kultur nicht überlagert werden, ebensowenig wie Kultur die Empfindung von Schmerzen prägen kann.

    In detaillierten Erkundungen nimmt sich Wolfgang Sofsky Gewaltformen wie Folter, Hinrichtung, Kampf und Krieg, Menschenjagd und Massaker an. Diese untersucht und beschreibt er aus unterschiedlichen Perspektiven; der Sicht des Henkers, der Meute, der Zuschauer sowie der Opfer. Diese Schilderungen sind Rekonstruktion und Interpretation zugleich. In der Regel werden die unterschiedlichen Gewaltformen als soziale Prozesse beschrieben. Oft sind diese Prozesse reziprok, so wie sich etwa Jagd und Flucht gegenseitig beschleunigen. Hierbei mag sich der interessierte Leser manchmal fragen, ob der Autor das Recht und die Kenntnis hat, sich in die unterschiedlichen Perspektiven und Rollen zu begeben, ob man sich im Text nun an der Stelle einer analytischen Beschreibung universaler Charakteristika der jeweiligen Gewaltform befindet, ob es sich um emphatische Spekulationen oder imaginierte Fiktionen handelt. Der Lesbarkeit dieser Schilderungen tut dies jedoch keinen Abbruch. Sofsky versteht sein Handwerk als Schriftsteller ausgezeichnet. Da es sich bei der Thematik jedoch um Gewaltformen und ihre Konsequenzen handelt, könnte genau diese schriftstellerische Qualität für empfindliche Leser zum Problem werden. Wolfgang Sofskys dichte Beschreibungen von Massakern, Folterungen und Hinrichtungen sind dermaßen plastisch, greifbar und anschaulich, dass man entsetzliche Grausamkeitsszenarien bis in kleinste Detail vor Augen geführt bekommt und man die Knochen splittern hört. Dies unterstreicht jedoch einen zentralen Punkt in der Analyse Sofskys, nämlich dass Gewalt den Leib besetzt und zwar den Opfers, wie den des Täters, dass der Tod der Tod des menschlichen Körpers ist und dass sie Schmerzen direkt, real und erfahrbar und ohne tiefere Bedeutung sind. Der Schmerz sollte in der Analyse von Gewalt und Gewalthandlungen nicht vergessen werden, den oft ist er es, der die Opfer nicht vergessen lässt und den Keim zu neuer Gewalt beinhaltet.

    Wolfgang Sofsky geht davon aus, dass sich Universalien von Gewaltformen identifizieren lassen. Er richtet sein Augenmerk jedoch nicht nur auf die oft vergessenen leiblichen Aspekte von Gewalt. Darüber hinaus widmet er dem Thema der Zerstörung von Dingen und materieller Kultur ein eigenes Kapitel. Hier geht es vor allem darum, dass durch die Vernichtung materieller Artefakte Vergangenheit gelöscht wird und die Objekte nun kein Zeugnis mehr von ihr ablegen können. Dies geschieht unter anderem durch die Verbrennung von Büchern und anderen wichtigen Schriftstücken oder der Demontage öffentlicher Kunstwerke und Mahnmale, wie unlängst im Irak geschehen.

    Das Traktat über die Gewalt mündet in der These, dass die gemeinsame Erfahrung des Tötens und der Gewalt Verbote, Moral und Kultur hervorbringt. Die Kultur kann die Gewalt jedoch nicht neutralisieren. Im Gegenteil. Die Gewalt ist immer da. Sie gehört zum Wesen des Menschen. Und im Untergrund wirken ihre Begierden fort. Deshalb verlagern Moral und Kultur die Quelle des Leidens lediglich ins Innere und zum Selbstzwang der Menschen. Für Sofsky ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die Menschen nach Gelegenheiten suchen, um das Tabu abzuwerfen und diesen verborgenen Begierden freien Lauf zu lassen. Denn je rigoroser das Verbot der Kultur, desto heftiger begehrt das Leben auf, je strenger der Selbstzwang, desto mächtiger drängt es zur erneuten Revolte, zu neuer Gewalt gegen das Verbot, gegen die Kultur.

    Wolfgang Sofskys Buch nimmt dem Leser die Hoffnung, dass sich Gewalt je beseitigen oder aufheben lasse. Gewalt und Kultur, so die These, sind auf vielfältige Weise ineinander verflochten. Letzten Endes stehen für Wolfgang Sofsky der Versöhnlichkeit mit der Kultur zwei Illusionen im Wege. Zum einen die Illusion, dass Kultur all die Leiden und Sinnlosigkeit, die Menschen in ihrem Leben erfahren müssen, ausgleichen und ihnen einen Sinn geben könne, und zweitens die Illusion des Größenwahns des Überlebens, dass es gelingen möge, durch Kultur den Tod zu überdauern. Dieser Wahn, so Sofsky, treibt die Menschen zu einerseits grandiosen Taten und Idealen, die auf der anderen Seite gleichzeitig wiederum zu einer Geringschätzung des Leben führen können. Gewalt ist der Kultur inhärent. Durch und durch ist sie, und somit der Mensch, von Tod und Gewalt geprägt. Die Gewalt ist mit uns und bleibt. Dazu leistet auch die Kultur ihren Beitrag.

    Wolfgang Sofskys Traktat über Gewalt verdeutlicht eine Wechselwirkung von Kultur und Gewalt. Es ist ein Buch, das nicht immer leicht und erfreulich zu lesen ist. Und dennoch ist es ein sehr wichtiges, lesens- und bemerkenswertes Werk, das aktueller kaum sein könnte. Es hilft beispielsweise die Rhetorik in aktuellen Auseinandersetzungen und Kampfhandlungen zu verstehen und zu deuten, etwa wenn man von Kreuzzügen gegen das Böse, die Unzivilisierten oder „die Anderen“ spricht. Ein Buch, das man jedem Reporter oder Journalistin, der oder die über derartige Geschehnisse berichtet, unter das Kopfkissen legen sollte. Doch auch über diese hinaus ist zu wünschen, daß Wolfgangs Sofskys Bestandsaufnahme über Gewalt und Kultur viele interessierte Leser aus allen Schichten und Bereichen findet. Nach der Lektüre dieses Werks wird sich wahrscheinlich manch einer davor hüten, in der Öffentlichkeit laut darüber nachzudenken, ob man Folter in „speziellen Fällen“ doch wieder aufnehmen sollte.

    Joachim Allgaier


    Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt
    3. Auflage, Dezember 2003
    S. Fischer Verlag
    240 Seiten, Leinen
    ISBN 3 – 10 – 072705 – 3

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