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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 05:33

     

    Michael Richter: gekommen und geblieben

    02.09.2004

     

    TürkischDeutsch


    In „gekommen und geblieben“ beschreibt Michael Richter elf Lebensgeschichten, die das Thema der Immigration, der Ein- und Zuwanderung, der Integration und der Assimilation aufgreifen.

     

    Bedriye Furtina ist schon etwas länger in Deutschland, als ihr Mann, Oli Asman, der Selige, ihr vorschlägt, doch mal den nächst gelegenen Wochenmarkt zu besuchen. Mit einer Bekannten, einer Griechin, macht sie sich auf den Weg. Sie wollen Eier einkaufen. Sie laufen den ganzen Wochenmarkt ab, aber nirgendwo sind Eier zu finden. Das kann doch nicht sein, dass die Deutschen keine Eier essen. Und da sie bestimmt Eier essen, wird man sie doch hier finden, wo es Kartoffeln und Bohnen und Wurst und Fleisch gibt, wenn auch keine Zucchini, Auberginen oder Knoblauchzöpfe ausliegen. Sie wollen schon aufgeben, da sehen sie an einem Stand, wie eine Frau vorsichtig Eier in einen langen, flachen Karton packt. Die Eier sind also in Kartons! Das haben sie nicht gewusst.
    Sie hat überhaupt so gut wie nichts über dieses Land namens Deutschland gewusst, als sie in den Zug steigt und ihrem Mann eben dort hin folgt, damals im Jahre 1959. Es wird so sein, wie die Türkei – so stellt sie sich das Land vor, in das sie kommt, in dem sie bleibt und in dem sie heute ihren so genannten Lebensabend verbringt. Eine Woche dauert diese Reise damals und diese wird ihr Leben in zwei Hälften teilen.

    Die Geschichte von Bedriye Furtina, die bei einem Tchibo-Shop jahrelang die benutzten Kaffeetassen abwaschen wird, ist eine von elf Geschichten, die in dem Buch „gekommen und geblieben“ versammelt sind, das in Folge eines Begegnungsprojektes der Hamburger Körber Stiftung entstand. Im Hamburger Stadtteil Bergedorf gründete sich Mitte der Neunziger eine Deutsch-Türkische Teestunde. Man sitzt zusammen, trinkt Tee oder Kaffee und kommt eben ins Erzählen. Michael Ritter hat unter Mithilfe von Cengiz Yagli die Geschichten aufgegriffen, hat sich erzählen lassen, was man nicht immer gleich in den Vordergrund stellt und daraus ein Buch geschmiedet, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: Es erzählt in einer verblüffend schlichten wie eindrücklichen Weise vom Leben der ersten Generation der türkischen Einwanderer. Es berichtet damit zugleich über die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik durch die Augen und Ohren derer, die man einst zur Unterstützung heran holte und denen man doch zugleich oft fremd bis feindlich gegenüber stand und steht. Und es dokumentiert nicht zuletzt die große Kraft, die im Erzählen von Lebensgeschichten per se liegt – auch wenn vieles einem beim Lesen bedrücken und auch erschüttern wird.

    Es sind Lebensgeschichten, die das Thema der Immigration, der Ein- und Zuwanderung, der Integration und der Assimilation aufgreifen – und wie man es sonst noch nennt, um begrifflich zu fassen, was in einer simplen Tatsache beruht: Menschen machen sich auf, um in einem ganz anderen Teil dieser Welt anzukommen, um dort zu bleiben, was sie oft anfangs weder ahnen noch gar wissen. Dies ist denn auch eines der Grundthemen, dass alle der in diesem Buch versammelten Lebensgeschichten durchzieht: Wir haben nicht gewusst, das wir nicht zurück gehen werden. Vielleicht mal für einen Urlaub, später für eine Beerdigung; denn hier wie dort wird man alt und älter und eines Tages ist es Zeit, wo ganz anders hin zu gehen.
    Entsprechend ihrer Erzähler und Erzählerinnen sind es sehr unterschiedliche Geschichten: Da ist der junge Erdem Dilsen, der beschließt Kaufmann zu werden, obwohl er gar nicht weiß, wie das geht. Doch es geht, er wurschtelt sich durch, geht zwei mal pleite und ist ein heute ein deutsch-türkischer Vorzeigekaufmann, der seinen Lebensabend genießt und in einem der besseren Viertel wohnt. Da ist der Bauarbeiter Kazim Arslan, der es nicht schaffen wird, einen seiner Söhne vom Abrutschen in die Kriminalität zu bewahren – bis die Polizei diesen abschiebt und der heute darüber grübelt, wo er beerdigt werden will. Und da ist die Verkäuferin Nermin Özdil, die will, dass die Familie in Deutschland bleibt, damit die Kinder hier zur Schule gehen können und die doch zuweilen fürchtet, das ihr die Kinder eines Tages vorwerfen könnten, ihr eine türkische Heimat vorenthalten zu haben.

    Entsprechend variieren die Ergebnisse, die die zum Erzählen Animierten am Ende summieren. Ein Fehler, ein Unglück gar, sei es gewesen, zu kommen. Ach nein, man fühle sich wohl und möchte die einem fremd bleibende Heimat nicht missen. Wie sei es doch bedrückend, nein aufregend gewesen, damals, als es weder türkische Ärzte, Rechtsanwälte noch Gemüsegeschäfte gab. Toll sei das gewesen – die Leute hätten sich noch für einen interessiert und es wäre noch vieles möglich gewesen. Schlimm sei es gewesen – alle hätten einen angestarrt und gefragt, wann man wieder gehe.

    Deutlich wird auch, wie wichtig die familiäre Vorgeschichte für das Bewältigen von Fremdheit und Neuorientierung ist. Dass wichtig wird, was man an finanziellem, sozialen und kulturellem Kapital mit sich führte; aus welcher Schicht man stammt, ob Frau oder Mann oder ob man – und das ist auffällig oft der Fall – bereits vorher zu einer so genannten ethnischen Minderheit gehörte: als Türke in Albanien, Griechenland, Armenien. Auffällig auch: Kaum eine der Ehen – sei es, dass die Ehefrau nach kam oder man sich hier in Deutschland fand – haben den Belastungen standgehalten. Auch die familiären Bindungen zu Brüdern, Schwestern, Eltern wie den eigenen Kindern haben nicht selten gelitten. So entfaltet sich Lebensgeschichte für Lebensgeschichte ein vieldeutiges Panorama und der Blick wird weiter, statt dass er sich auf ein gewünschtes Ergebnis fokussiert. Die Heimat zu wechseln, ist eines der schwersten Akte, die ein Mensch zu bewältigen hat.

    Bedriye Furtina lebt heute in einem Altenheim. Plötzlich kamen Leute vom Amt und sagten ihr, sie könne nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben. Widerstand war zwecklos und nicht mal ihre Katze konnte sie mitnehmen. Geblieben ist ihr der Fernseher. Wenn sie manchmal Bilder von Istanbul sieht und die Kamera durch die Straßen streift, findet sie die Gegend, in der sie einst gelebt hat, nicht wieder.

    Frank Keil


    Michael Richter: gekommen und geblieben
    Edition Körber Stiftung, Hamburg, 2004
    276 Seiten, 14,- ¤
    ISBN 3-89684-048-7

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