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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:36

     

    Michael Moore, Kathleen Glynn: Hurra Amerika!

    25.08.2004

     
    Dick und doof

    ...so müsste man nicht nur Michael Moore, sondern auch dieses neue Produkt aus seiner moralinen Wertschöpfungskette nennen, wenn man sich seines Stils bedienen wollte.

     

    Getrostes Flennen

    Das will man aber gar nicht, auch wenn das gewollt provokante Foto des gedunsenen Widerlings auf dem Cover dazu verführt: die Fernsehkamera als seine spezifische Moralkeule lässig geschultert als Gegenbild der Irak-Invasoren und der heimischen Waffenrechtler; das Habmichlieb-Grinsen auf dem unrasierten Gesicht breitgezogen von Weinerlichkeit und Häme; er legt es darauf an, geschmäht zu werden, damit er mit getrostem Flennen klagen kann, dass jeder, der nicht mit ihm sei, nur gegen ihn sein könne und sich eben dadurch mit erhabener Schlichtheit auf einer von Moore höchstselbst definierten Achse des Bösen verorten lässt.

    Auch will der Rezensent nicht im Chor derer mitblöken, die auf Seiten wie www.moorewatch.com den Großmoralisten der Heuchelei, Lüge und Doppelmoral überführen wollen, denn solche Inkonsistenz wäre nicht viel mehr als eine menschelnde Tünche („auch ich bin nicht frei von Sünde“) auf der unmenschlichen Maschinerie seiner Exekutivmoralität.

    Superhuhn und Tiefkühlpizza

    Worum geht es in „Hurra Amerika“? Um eine Nacherzählung der Entstehungsumstände einer Fernsehserie namens „TV Nation“, die vor nicht weniger als zehn Jahren auf Fox, NBC und BBC ausgestrahlt wurde. Vom Entstehen des Konzepts bis zu den Nachwirkungen erfährt der Leser viel zu viel über eine Sendung, in der das amerikanische mit dem kubanischen Gesundheitssystem verglichen (und für schlechter befunden) wird, in der ein Superhuhn gegen Wirtschaftskriminalität kämpft, in der Meinungsumfragen über die Qualität von Tiefkühlpizza und die Intelligenz von Delphinen präsentiert werden, und vieles mehr in bekannter Moore-Manier.

    Die besteht im Wesentlichen aus der mittlerweile hinlänglich bekannten Methode, einen amerikanischen Missstand mit polemischer Überspitzung in Szene zu setzen, in der die jeweilige Zielperson (sei es ein Konzernchef, ein Abtreibungsgegner oder ein republikanischer Abgeordneter) in eine so absurde Situation gebracht wird, dass sie nur mit Aggression oder Flucht reagieren kann; die Inszenierung sorgt dafür, dass es andere Auswege nicht gibt. Die Eskalation wird dann genüsslich abgefilmt und als Beweis dafür angeführt, dass die Zielperson tatsächlich so übel ist, wie man es zuvor schon unterstellt hat.

    Moralische Käsesahne

    Als das amerikanische Originalbuch 1998 auf den Markt kam, lag die Ausstrahlung der Serie bereits vier Jahre zurück. Weitere sechs Jahre gingen ins Land, bis der Piper Verlag rechtzeitig zum Kinostart von Moores Kinodokumentation Fahrenheit 9/11 das Buch gewissermaßen als Merchandising-Artikel auf den deutschen Moore-Markt warf (schon auf der Startseite des Piper-Internetportals wird einem moorisch entgegengegrinst).

    Hurra Amerika ist damit das vorerst letzte Produkt im Wertschöpfungszyklus des Moralgroßindustriellen Michael Moore. Es ist in Sachen Brisanz und Tagesaktualität so entbehrlich wie das Käsesahnedessert bei McDonalds im Zuge von Bullys (T)raumschiffvermarktung. Vermutlich ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis es Moores „Shame o­n you, Mr. Bush“ als Handyklingelton zum Herunterladen gibt.

    Was das Recycling von Vorgestrigem so ärgerlich macht, ist das, was Michael Moore als Phänomen insgesamt so ärgerlich macht: Er hat einerseits dieses genialische Gespür für alles, was an Amerika falsch ist: die marode Infrastruktur, das Sozialsystem auf Dritte-Welt-Niveau, die Bildung in vergleichbarem Zustand, die hellenistisch-alexandrische Imperialpolitik, der religiöse Fundamentalismus, die politischen Anachronismen, die Heuchelei und Doppelmoral, die totale Durchsetzung der Tauschwertmetaphysik, der sich ins Obszöne überschlagende Pragmatismus, und nicht zuletzt der Vulgärpatriotismus und der anmaßende Stil des amtierenden Präsidenten.

    Für alles das hat Moore einen scharfen Blick und einen sicheren Instinkt entwickelt, wie er in den USA auch unter Intellektuellen nicht häufig ist. Und von dieser Schärfe des Blicks rührt – zu Recht – die ungeheure Wirkung seines Oeuvre außerhalb Amerikas. So weit, so gut. Doch dann geht es mit Michael Moore durch.

    Michaels Mooralität

    Mit einer Einfalt wie sonst nur bei Leuten vom Typus Bush und Cheney sind für Moore Gut und Böse fein säuberlich voneinander geschieden. Ganz klar: Die Schurken sitzen in den Konzernen, im Kongress und den Eliten und führen nichts als Übles im Schilde. Die good guys aber sind übergewichtig und unterbezahlt; die Unterhaltungsindustrie (zu der sich Moore freilich nicht rechnen will) hält diese Unterprivilegierten in einem matrixartigen Hirnkoma, bis Michael, ganz in Erzengelmanier, als Hohepriester der Subversion die Matrix mit seinen bekannten provokanten Stilmitteln ausknipst und die Massen erweckt.

    Mit seinem ewigen impertinenten „wir!“ proklamiert er, dass gut ist, wer wie er ist. Oder anders: Wo er ist, ist gut. Moore erhebt alles, was er ist (oder zu sein vorgibt), zu einem Wert an sich. Damit macht er sich zum Inbild der Moral, damit ist er obenauf. Dieser unbedingte Wille zur moralischen Lufthoheit macht Moore so unappetitlich.

    Die Pointe zuerst!

    Noch unappetitlicher ist aber die Argumentationsstrategie Moores, die sich in den einzelnen Beiträgen zu TV Nation in solcher Reinheit zeigt wie in Bowling for Colombine und allem Anderen, was Moore auf den Markt wirft. Es ist das Primat der Pointe. Sie kommt zuerst, koste es, was es wolle, auch die Glaubwürdigkeit. Zuletzt ist Moore eben ein Großunternehmer in Sachen Moral, und die verkauft sich nur, wenn sie unterhält.

    Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Probleme, die in TV Nation und in Hurra Amerika aufgegriffen werden. Das sind nicht selten Probleme mit Hörnern, die es wert wären, mit Anstand und Ernsthaftigkeit behandelt zu werden, und nicht mit Effekthascherei und Geltungssucht. Mit seinen abgeschmackten Polemiken setzt Moore all jene ins Unrecht, denen es ernst ist. Und das ist fatal.

    Bernd Draser


    Michael Moore, Kathleen Glynn: Hurra Amerika!
    Piper Verlag München
    Gebunden. 320 Seiten. ¤ 17,90.
    ISBN: 3-492-04627-4

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