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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. Juli 2017 | 00:33

     

    Bob Woodward: Der Angriff. Plan of Attack

    19.08.2004


    Laienkrieger

    Delikateste Einblicke: Bob Woodward schildert in seiner unerhört gut informierten und verdammt spannenden Reportage das lange Vorspiel zu George W. Bushs Präventiv-Feldzug gegen den Irak.

     

    Hofvoyeur

    Bob Woodward ist eine moralische Instanz. Einer der Gründe dafür liegt dreißig Jahre zurück, er heißt Watergate. Woodward war, zusammen mit seinem Kollegen Carl Bernstein, der Journalist, der die Verbindungen von Präsident Nixon zu einer Reihe krimineller Aktivitäten aufdeckte und ihn zum Amtsverzicht drängte.

    Ein anderer Grund ist sein granitharter Berufsethos, der gebietet, vor Allem Fakten, und zwar solide Fakten zu präsentieren, so dass die Auslegung weitestgehend dem Leser überlassen werden kann. Tendenzielles gilt ihm als unredlich, seine Fairness ist kompromisslos.

    Aus diesen und anderen Gründen kann niemand mit lauteren Motiven Bob Woodward die Antwort verweigern, schon gar nicht ein republikanischer Präsident, nicht einmal der schnoddrige George W. Bush. Woodward ist der legitime Hofvoyeur im Weißen Haus, weil jeder sich verdächtig macht, der sich ihm verhüllen wollte.

    So kommt es zu diesem Buch voll dermaßen delikater und atmosphärisch authentischer Szenen aus der Mannschaft um den Präsidenten, dass man das Meiste für erfunden halten möchte, was es freilich nicht ist. Woodward hat mehrere Interviews mit dem Präsidenten geführt, dieser hat seine Mitarbeiter aufgefordert, Woodwards Arbeit zu unterstützen und seine Fragen zu beantworten; das haben die Meisten beileibe getan.

    Einer, der auszog, das Fürchten zu lehren

    Woodward beginnt seine Geschichte des Irakkriegs beim frühestmöglichen Zeitpunkt der sendungsbewussten Präsidentschaft von George W. Bush, nämlich bei der Amtsübergabe. Der designierte Vizepräsident Cheney bestand im Vorfeld des Briefings über die aktuellen Anliegen amerikanischer Politik darauf, dass man sich mit dem Irak besonders intensiv beschäftigte.

    Schon wenige Tage nach der Amtsübernahme gab es die ersten Sitzungen zum Thema Irak, ohne allerdings einen Krieg zu diesem Zeitpunkt bereits zu erwägen. Das war erst im November 2001 der Fall, als Bush seinen Verteidigungsminister Rumsfeld in einem Vieraugengespräch damit beauftragte, die vorliegenden Kriegspläne für den Irak zu überprüfen.

    Hier wurde ein Automatismus ausgelöst, der zum Krieg führte. Erstaunlich ist dabei, dass lange Zeit als einziges Kriterium die militärische Machbarkeit eine Rolle spielte. Keine diplomatischen, keine völkerrechtlichen, keine politischen, vor Allem aber keine zivilen und nachkriegszeitlichen Szenarien kamen den Akteuren überhaupt in den Sinn, bis es um nichts Anderes mehr ging, als der Öffentlichkeit den Krieg zu verkaufen.

    Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass die beiden einzigen Personen im Nationalen Sicherheitsrat, die je in einem Krieg gewesen waren, auch die beiden Realisten waren, die immer wieder auf die Notwendigkeit diplomatischer und nachkriegspolitischer Bemühungen hinwiesen; das sind Außenminister Colin Powell, der Feldherr des ersten, und Tommy Franks, der Feldherr des jüngsten Irak-Kriegs.

    Der Angriff war von vornherein als ein unilateraler Präventionsschlag gedacht, das heißt: als Angriffskrieg im Alleingang mit der einzigen Begründung, amerikanische Interessen zu verteidigen. Die diplomatischen Bemühungen, auf denen Powell beharrte, waren lieblos und nichts als Marketingstrategie; an Verbündete wandte man sich, weil eine Invasion logistisch ohne sie nicht möglich gewesen wäre. Die UNO war, vor Allem für Cheney, nichts als ein Stolperstein auf dem Weg zum Krieg.

    Der 45-Minuten-Blödsinn

    Die drei offiziellen Begründungen für den Krieg tauchten erst spät auf. Das war erstens die von Cheney fiebrig herbei geredete Verbindung von Saddam und Osama, für die es keinerlei Anhaltspunkte gibt, wie nicht nur Brent Scowcroft, der engste Vertraute von Bush senior glaubte: „Scowcroft war besorgt, weil die eigentliche Gefahr für die Vereinigten Staaten seiner Ansicht nach nicht von Saddam, sondern von al-Qaida ausging. Es war ihm ein Rätsel, warum Cheney und Rumsfeld sich so ausschließlich auf Saddam konzentrierten“.

    Das war zweitens der diktatorische Charakter von Saddams Regime, den anzuzweifeln kein Anlass besteht. Ebenso zweifelsfrei ist der aber kein hinreichender Kriegsgrund, denn wäre er das, dann hätten die USA viel damit zu tun, undemokratische Regime zu stürzen, nicht zuletzt eine Reihe ihrer Verbündeten.

    Das war drittens und wichtigstens die Bedrohung durch Saddams Massenvernichtungswaffen. Dass diese bis heute nicht gefunden wurden, ist wohl kein Zufall. Auch die vor Kriegsbeginn vorliegenden Geheimdienstinformationen, so Woodward, waren dürftig. General Franks dazu: „Mr. President, wir suchen seit zehn Jahren nach Scud-Raketen und anderen Massenvernichtungswaffen, haben bislang aber noch nichts gefunden. Ich kann Ihnen also nicht sagen, dass ich von irgendwelchen konkreten Waffen irgendwo im Irak weiß. Ich habe nicht eine Scud gesehen.“

    Der kürzlich zurückgetretene CIA-Chef George Tenet nannte die mittlerweile berüchtigte britische Geheimdienstbehauptung den „‚Sie könnten binnen 45 Minuten angreifen’-Blödsinn“. Als er dem Nationalen Sicherheitsrat die geheimdienstlichen Erkenntnisse zum Thema Massenvernichtungswaffen vorstellte, reagierte Bush ernüchtert: „Ständig ist mir von den famosen Geheimdienstinformationen über Massenvernichtungswaffen erzählt worden. Und das ist alles, was ihr habt?“

    Mehr hatten sie tatsächlich nicht. Und da man von keinen solchen Waffen wusste, zog man in einem streng geheimen CIA-Bericht den überraschenden Schluss: „Wir vermuten, dass wir nur einen Teil der irakischen Bemühungen um Massenvernichtungswaffen erfassen.“ Was soviel heißt wie: „Es gibt sie, weil es sie geben muss!“ Man war vorauseilend gehorsam, weil die CIA sich von Rumsfeld und auch Rice Vorwürfe hatte gefallen lassen müssen, sie nehme Bedrohungen nicht ernst genug und verweigere sich einer klaren und eindeutigen Aussage.

    Hier stellte sich der für ein demokratisches Land seltene Fall ein, dass als Ergebnis der Nachforschungen das herauskam, was von den Oberen (und das war in diesem Fall zuvorderst Cheney und sein Sprachrohr Rumsfeld) schon intuitiv gewusst, gefühlt wurde. Woodwards erstes Hauptanliegen ist es, genau diese Umstände aufzudecken.

    Kabale und Hiebe

    Sein zweites Hauptanliegen ist es, die Rolle des Präsidenten im Kriegspräludium zu analysieren. Woodward zeigt uns einen eher zögerlichen als kriegstreiberischen Präsidenten, dem es offenbar an Urteilsvermögen mangelt, mit dem die Bellizisten Cheney (der Fanatiker), Rumsfeld (der Logistiker) und Rice (die Zwangsdiplomatin) daher leichtes Spiel haben.

    Die Antigone des Nationalen Sicherheitsrats ist Colin Powell, der die meiste Zeit isoliert blieb, „im Kühlschrank“, wie er es selbst formulierte. Er musste lange darauf bestehen, überhaupt einen direkten Zugang zum Präsidenten zu erhalten. Er warnte eindringlich vor militärischen Husarenstücken, wie sie Rumsfeld gelegentlich vorschwebten; er beharrte auf der Einschaltung der UNO, was Cheney, seit jeher Powells Erzfeind, zur Weißglut brachte.

    Powells oberstes Anliegen war es, dem Präsidenten klarzumachen, was die Eroberung des Irak bedeuten würde. Im einzigen Vieraugengespräch mit Bush sagte er: „Sie werden der stolze Herrscher über 25 Millionen Menschen werden. All ihre Hoffnungen, Wünsche und ihre Probleme werden Ihnen gehören. Alles wird Ihnen gehören“. Und weiter: „Es reicht nicht, nur die militärischen Zeitabläufe zu verstehen, Sie müssen auch die anderen Dinge verstehen, die auf Sie zukommen werden.“ Woodward fragte Bush später, was sein Eindruck von dem Gespräch mit Powell gewesen sei. Bush redete über viel. Woodward blieb die äußerst vorsichtig formulierte „Ungewissheit, ob der Präsident die möglichen Konsequenzen voll erfasste.“

    Powells geradezu klassische Tragik war es, zwischen zwei gegenläufigen Gesetzen sich entscheiden zu müssen: dem soldatischen Ehrenkodex und der Loyalität zu seinem Präsidenten einerseits, der Einsicht in die unzureichende Begründung für den Krieg andererseits. Sein Ausweg war es, beim Schlimmen mitzumachen, um Schlimmeres verhindern zu können.

    Achse der Güte

    Das Gegenstück zur famosen „Achse des Bösen“, die Bushs Redenschreiber erfand, ist eine Art Achse der Güte, deren Mitte George W. Bush bildet. Den Verlauf der Achse bestimmte eine für uns alte Europäer außerordentlich befremdliche Geisteshaltung, der die apriorische Güte Amerikas das Heiligste ist. Das sagt Woodward freilich nicht, das kann er auch nicht. Sein Ziel ist eine akribische Dokumentation der Fakten, eine minutiöse Rekonstruktion der Prozesse und Entscheidungen, die schließlich zum Krieg führten.

    Woodward übt keine direkte Kritik, was angesichts des überwältigenden und selbsterklärenden Materials auch gar nicht nötig ist. Es gelingt ihm, seine Position allein durch die Art seiner Fragen und das Prüfen der Antworten an den Fakten klar erkennen zu lassen. Das ist vor Allem die Frage nach der Stichhaltigkeit der kriegsbegründenden Argumente. Er kommentiert mit keinem Wort das verächtliche Spiel der gesamten Administration mit der UNO, aber auch das ist nicht nötig.

    Heilige Allianz

    Indem sich Woodward einer endgültigen Interpretation der Fakten enthält, ermöglicht er deren Auslegung dem Leser. Wenn der nun, wie der Rezensent, ein hartnäckiger Alteuropäer nach Rumsfeldischer Diktion ist, dann fällt unter vielen anderen Merkwürdigkeiten eine ganz besonders auf: Die hieratische Überhöhung des Präsidentenamtes, so als wäre das nicht einem (zugegebenermaßen veralteten) demokratischen Wahlsystem entsprungen, sondern einem vom heiligen Geist beseelten Konklave.

    Außenminister, Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber interpretieren die Körpersprache des Präsidenten und leiten daraus Anweisungen und Befehle ab, als gäbe die Pythia selbst sich Ihnen zu sehen. Die Exegese der Präsidentengebärde ist Gesetz, sein Wille ein Numinosum, dem auch Powell in Demut sich fügt.

    Diese Ideologie vom Verklärten Präsidenten ist aber, um alle Bush-Basher zu enttäuschen, nicht dessen Verdienst, sondern wurzelt in einem politischen System, das seinen Anfang im fanatischen Erleuchtungs-Pietismus des 18. Jahrhunderts nahm und sich in 228 Jahren und 43 Präsidentschaften mehr zu einer Glaubensgewissheit als zu einer Verfassungstradition verfestigte.

    So ist es nur konsequent, wenn der Präsident, von Woodward gefragt, ob sein Vater, der Expräsident, ihm mit Ratschlägen beistünde, darauf erwidert, nicht seinen leiblichen, sondern einen höheren Vater bitte er um Erleuchtung. Den deutschen Übersetzern des Buchs gelingt es im Übrigen vortrefflich, den spezifisch unbeholfenen und gleichzeitig großmäuligen Tonfall Bushs im Deutschen zu bewahren, wie ihnen überhaupt eine durchaus griffige und geradlinige Übersetzung geglückt ist.

    Und Woodward ist ein wirklich aufklärerisches Buch im allerbesten Sinne gelungen, ohne Michael-Mooresche Blindwut. Leider gelingt es ihm nicht, die Angst vor religiösen Fundamentalisten zu zerstreuen, die die ganze zivilisierte Welt mit „Shock and Awe“ (so der Pentagon-Jargon) überziehen wollen; eine solche Gruppierung stellt sich im November der Wiederwahl ins Weiße Haus.

    Bernd Draser


    Bob Woodward: Der Angriff.
    (Plan of Attack)
    DVA München 2004.
    Gebunden. 512 Seiten, ¤ 24,90.

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