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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:31

     

    Michael Rutschky: Wie wir Amerikaner wurden

    26.07.2004

    ich selbst gefällig

    Zu selbstgefällig und auf seine eigene literarische und kinematographische Sozialisation durch eine Auswahl US-amerikanischer Zeugnisse vermindert, kann das Kapitel der (west)deutschen Symphatie- und Antipathie-Geschichte nicht gelingen. Die empirische Basis ist zu schmal, was durch psychosoziale Spekulationen, in denen sich Rutschky gefällt, auch nicht erweitert werden kann.

     


    Titel und Untertitel von Michael Rutschkys jüngstem Buch versprechen mehr, als der Autor zu halten gewillt ist. „Eine deutsche Entwicklungsgeschichte“ könnte ja noch in seiner Zweideutigkeit hingehen (nämlich eine unter anderen), wenn es nicht doch primär seine ist, mit der uns der 1943 geborene Autor bekannt macht. Aber „Wie wir Amerikaner wurden“ trifft weder auf das „Wir“ zu, noch aufs „Amerikaner-Sein“; triftiger wäre zu fragen, wie die BRD „amerikanisiert“ wurde oder aktiver: wie sie sich „amerikanisiert“ hat – was immer auch darunter zu verstehen wäre. Zumindest ökonomisch und sozialstaatlich sind wir erst jetzt dabei, „amerikanische Verhältnisse“ herzustellen; kulturell (vor allem in den populären Künsten) sind wir da schon weiter, speziell durch den Schub einer jüngeren Generation von sogenannten Nach-Achtundsechzigern, wenn sie auch schon wieder zu den Älteren gehört (und auch dieser Jugendfetischismus ist womöglich „amerikanisch“), deren lebenswirkliche, stilbildenden Pattern durch die allseitige Präsenz der Unterhaltungsindustrie der USA in Film, TV und Musik sie als Konsumbürger einer reichen europäischen Überflussgesellschaft geprägt hat – ohne jenen historischen Überhang an „Deutschem“, den noch die Kriegsgeneration mit sich schleppte, zu der ein Michael Rutschky ebenso gehört, wie ein vier Jahre Älterer, der bei ihm nachliest, was er mit ihm teilt.

    Marionettenspiel mit Meinungsträgern

    Jedoch müsste man dabei von eben jenem absehen, in dem der Autor seine individuelle schriftstellerische Leistung sieht. Er hat sich nämlich im Laufe seiner literarischen Entwicklung ein Darstellungs-Muster erschrieben, das erst sein „Markenzeichen“ wurde, jedoch leider längst zur Routine, wo nicht gar zu seiner „Masche“ geworden ist. Statt wie im klassischen Essay diskursiv und assoziativ seine Gedanken und Reflexionen zu entfalten, delegiert er die dialektische Bewegung an einzelne Personen, soziale und kulturelle Identitäten, die er – sich selbst eingeschlossen – in Gesprächs- und Erfahrungsituationen versetzt. Daraus kann und soll sich so etwas wie eine erzählerische Alltagssoziologie diskursiver Gesprächssituationen im linksliberalen Milieu ergeben, deren fingierter Kundschafter und Berichterstatter der Essayist als Erzähler zu sein vorgibt.

    Manchmal in der Vergangenheit sind ihm da gewissermaßen mit seinen A. B. & Cs. „Zauberberg“-Miniaturen am Küchentisch von Westberliner WGs gelungen. Aber immer öfter, wie nun auch hier, regrediert diese Methode auf ein allegorisches Marionettenspiel von idealtypischen Meinungsträgern. Um dessen kahle Offensichtlichkeit zu bemänteln, stehen dem Autor aber nur höchst bescheidene epische, erzählerische Mittel zur Verfügung, die übers Klischee nicht hinausgehen.

    Schlechter erzählerischer Dilettantismus, sprachliche Betulich- und Umständlichkeit und ein leidenschaftsloser Humor, der seine Tiefstpunkte in einer Folge von fotografischen Autoporträts samt Legenden erreicht, verstoßen eine essayistische Reflexion, die unverkennbar provoziert wurde von einer Reihe Leitartikeln, Leserbriefen und Kommentaren, welche der erste und erst recht der zweite Irakkrieg und das weltpolitische Auftrumpfen des amerikanischen „Imperiums“ im wieder vereinigten linken deutschen intellektuellen und moralistischen Milieu zutage förderte.

    Der schwarze GI mit Chewing-gum

    Der im Hessischen geborene und aufgewachsene – also in der amerikanischen Zone (!) – und heute schon lange in Berlin lebende Rutschky will solchen „antiamerikanischen“ Selbstversicherungen und -gewissheiten entgegenwirken, und zwar eher ironisch als polemisch, indem er zusammenträgt und -rafft, was ihm selbst biografisch als „junger Mensch“ und als mehrfacher transatlantisch Reisender im akademischen Milieu erinnerlich ist: an Leseerfahrungen (von Whitman über Faulkner, Updike, Capote, Goyen, Anderson, Wolfe und Peter Handke) und an Reiseerlebnissen in Chicago, Faulkners Südstaaten, San Francisco und dem Gran Canyon. Daraus entwickelt er eine sehr subjektive Mentalitätsgeschichte, die sich von einer allgemeineren, generationsübergreifenden abhebt.

    Natürlich gehören zu deren Grundbestand die habituelle Lässigkeit der Besatzer, ihr verschwenderischer materieller Reichtum und die Ikone des schwarzen GIs, der vor allem an die Kinder seine Schokolade, Drops und Chewing-gums verteilt. Diese früheste Phase einer direkten Kollektiverfahrung mit den Sendboten der USA und wofür sie als angstfreie und lebensfreudige Imago standen, hatte zweifellos die intensivste und nachhaltigste Wirkung auf die autoritäre, militaristische, voll durchdisziplinierte Mentalität der noch lange stark nazistisch imprägnierten Deutschen. Da ist zu unserem großen Glück die intendierte „Umerziehung“ der West(!)deutschen „unumkehrbar“ (Gorbatschow) gelingen.

    Je jünger man am Ende des 2. Weltkriegs war, desto weniger wollte man weiterhin „deutsch“ sein, wie es mit abnehmender Überzeugungskraft und Macht die Alten oder die Älteren – die auf der ganzen Linie materiell und ideell, politisch und kulturell Verlierer im welthistorischen Maßstab waren – von einem wünschten: glücklicherweise zunehmend erfolglos. Zwar lief man noch in Lederhose und mit Blondzopf oder -zöpfen herum, aber die Jeans und die Pettycoats & Lollysocks waren auch schon da; und im Ohr hatte mehr und mehr die Dominanz gewonnen, was erst der Jazz und dann der AFN an amerikanischen Schlagerhits präsentierte.

    Hollywood als Prägestock

    Mögen die Älteren sich noch die Vierziger und Fünfziger Jahre am Heimat-, Problem- und deutschen Musicalfilm samt dem bekannten UFA-Personal delektiert haben, gleichzeitig öffnete sich daneben und dagegen der Breite Fächer und die höchst farbige Palette des Hollywood-Kinos mit seinen Stars, Stories und Lebensgeschichten, die einen – natürlich immer nur die West(!)Deutschen – in die amerikanische Welt der Gegenwart und Vergangenheit heimisch werden ließ. Ikonografisch und sozialpsychologisch war man durch die Präsenz des amerikanischen Films einerseits und durch die populäre Musik von Country, Blues, Jazz bis zu den Entwicklungen der Vor-Rock ´n Roll Schlager (und viel weniger durch die von Rutschky erwähnten literarischen Importe) mehr in den USA zu Hause, als in der „Bundesrepublik Deutschland“, die ja ihre volle staatliche Souveränität erst 1989 erhielt – ein Faktum, das niemanden interessierte – noch nicht einmal das Häuflein der rigidesten Nationalisten am äußerten politischen rechten Rand der Gesellschaft.

    Wenn man so will, war Westdeutschland insgeheim, unausgesprochen und gewissermaßen selbstverständlicher nie dem Status eines US-amerikanischen Bundesstaates näher als bis zu Mitte der Sechziger Jahre, d.h. bis zum Kennedy-Mord und vor allem dem Vietnam-Krieg. Der charismatische junge Präsident war (als fiktionale Imago) jedoch der uns allen unbewusster Vorläufer eines Idealismus, der noch einmal ein humanitär offenes „Amerika“ symbolisierte, dem auf eine (man muss schon sagen: mythologisch erfahrene Weise) ein zeitsynchroner welthistorischer Aufbruch auch im real existierenden Sozialismus entsprach, der zumindest in der CSSR „ein menschliches Gesicht“ zu gewinnen versprach.

    Das waren alles hochherzige Illusionen. Die weltweite „Neue Linke“, die damals vom initiatorischen kalifornischen Berkeley (Herbert Marcuses) bis zu den europäischen Metropolen reichte, und sich als neue Internationale einer Jugendrevolte gegen die versteinerten Verhältnisse mit Sex, Drugs & Rock `n Roll formierte, produzierte unter der Hand eine mentalitätspolitische „Globalisierung“, lange vor der erst nach dem Zerfall der bipolaren Weltordnung (1990) Karriere machenden ökonomischen.

    Langsame Verdunkelung der USA

    Von und in den USA kam die entscheidenste Kritik an dem, was der weiß Gott politisch „unverdächtige“ Militär und Präsident Eisenhower als den „militärisch-industriellen Komplex“ bezeichnet hatte. Auch die karnevalistische Praxis der Go- & Sit-ins, überhaupt das gesamte Repertoire der von den Rockfestivals übernommenen Massendemonstrationen war ein US-Export, der freilich dann in Europa mit seinen virulenten geschichtlichen Verwerfungen von Faschismus und Kommunismus eigene militante Formen annahm und mit den Black Panthers und südamerikanischen Tupamaros, mit den nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika und Asien sympathisierte und dabei, wo immer man bis zu den europäischen Diktaturen Portugals, Spaniens und Griechenlands hinblickte, auf die mehr oder weniger erkennbare Verwicklung der USA in die Repressionsregime stieß, wobei Vietnam als äußerstes Symbol amerikanischer Kriegsmacht (und deren Niederlage) zu jener Distanz beitrug, welche das ursprünglich naive und hochherzige Bild von den USA kontinuierlich verdunkelte.

    Die nichtkommunistische westeuropäische Linke – gewiss höchst buntscheckig durch unterschiedliche historische Fakten – hatte ohnehin ein paar ideologische Probleme mit den USA als dem fortgeschrittensten kapitalistischen Staat mit den unzweifelhaft größten bürgerlichen Freiheiten, jedoch bei extremen sozialen und rassischen Differenzen. Gleichwohl kamen von dort mächtige kulturelle Impulse der Kritik und des begeisternden Selbstbewusstseins qua Film, Popmusik und Poesie (Ginsberg) – ganz anders als aus dem noch weniger sympathischen Gegenpol des bipolaren Weltgefüges und seinem langsam erkennbaren Archipel Gulag.
    Mit dem implosionsartigen Ende des sowjetischen Imperiums, das sowohl Reagans riskante Hochrüstungspolitik als auch die neuen Technologien der Nachrichten- und Propagandastreuung herbeigeführt hatten, stiegen die USA, bislang von der UdSSR und ihren weltpolitischen Schützlingen in Schach gehalten, zu einzigen Supermacht auf – einem weltumspannenden Imperium globaler militärischer wie vor allem wirtschaftlicher Macht, und immer häufiger wurde des Misstrauen weltweit in der Erkenntnis bestärkt, dass ihre Außenpolitik trotz gegenteiliger offizieller Behauptungen nicht nur einzig eigene, sondern schlimmer noch einzig kurzfristig profitabler großwirtschaftlicher Interessen verfolgte und nach dem 11.9. 2001 die Welt in jene, die „für uns sind“ und alle anderen, die „gegen uns sind“, aufteilte.

    Fragmentarische Bildungsreise

    Rutschkys Entwicklungsgeschichte hält sich von solchen politischen Real- und Mentalitätsveränderungen im deutschen und europäischen Kontext fern. Lieber räsoniert er wenig nachvollziehbar über eine deutsche Identifikation mit dem im amerikanischen Bürgerkrieg geschlagenen Südstaaten (via Faulkner, Capote und Goyen), blendet aber völlig die gleichzeitige Rolle Hemingways, Sartres und Camus´ – also das Identifikationsangebot des humanistischen Existentialismus – für die westdeutsche intellektuelle. Mentalitätsgeschichte aus. Ebenso wenig bezieht er die konstitutive Bedeutung des Western für die Reaktivierung individueller moralischer Reflexionen nach der Depravierung alles „Heroischen“ durch die NS-Zeit in seine Überlegung ein. Ganz zu schweigen von Bedeutung, welche für seine Generation nicht allein nur das Hollywood-Kino hatte, sondern in gleichem Maße das europäische und außereuropäische von Antonioni bis Truffaut und Tarkowski, von Bergmann bis Fellini und Kurosawa, von Godard bis Solanas besaß.
    Kurz: Zu selbstgefällig und auf seine eigene literarische und kinematographische Sozialisation durch eine Auswahl US-amerikanischer Zeugnisse vermindert, kann das Kapitel der (west)deutschen Symphatie- und Antiphatie-Geschichte nicht gelingen. Die empirische Basis ist zu schmal, was durch psychosoziale Spekulationen, in denen sich Rutschky gefällt, auch nicht erweitert werden kann.

    Das Thema, seine Geschichte, seine wandelnden Motivlagen und seine Gegenwart ist viel weiter ins Auge zu fassen, ist widersprüchlicher und komplexer bis zum heutigen Augenblick – als dieses kleinformatige Marionettenspiel aus dem Hause Michael Rutschky auch nur ahnen lässt. Ob der derzeit pejorativ „Amerikafreundschaft“ einfordernde Vorwurf des „Antiamerikanismus“ dafür der richtige oder nicht vielmehr nur ein „rechter“ Ratgeber ist, lasse ich einmal dahingestellt. Möglicherweise ist „Amerika“ (womit ja nur die USA gemeint sind) nur die synthetische Projektionsfläche derer, die sich selbstpositionieren zu müssen meinen. Nicht zuletzt gehört es zu dem Wort-Topos, dass sich immer jemand findet, der mit Recht sagen kann: aber es ist ja ganz anders.

    Wolfram Schütte


    Michael Rutschky: Wie wir Amerikaner wurden. Eine deutsche Entwicklungsgeschichte. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 206 Seiten, zahlr. Abb. 20 ¤

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