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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 04:58

     

    Hensel / Kraushaar: Zonenkinder

    12.07.2004

    Ostzonenerinnerungs-
    brockentunmanchmalweh

    Jana Hensel hat den Versuch gewagt, ihre Ost-West-Sozialisation in verständliche Worte zu fassen. Dies hat eine kontroverse Diskussion ausgelöst, deren wesentliche Stimmen von Tom Kraushaar in einem Begleitbuch herausgegeben wurden. Beide Bücher erhellen sich gegenseitig.

     

    Jana Hensel war 26 Jahre alt, als sie ihr Buch geschrieben hat, das 2002 erstmals veröffentlicht wurde. Sie konnte auf 13 Jahre Ost-Jugend und 13 Jahre Erwachsenwerden im wiedervereinigten Ost-Westdeutschland zurückgreifen. Sie und viele um die Mitte der 70er Jahre in der ehemaligen DDR Geborene haben mit ihrem zweigeteilten Aufwachsen eine Erfahrung gemacht, die es vergleichbar nur nach dem Mauerbau in Deutschland schon einmal gab und von der man sich wünscht, dass sie von nachfolgenden Generationen nicht mehr erlebt werden muss. Umso wichtiger ist es daher, Erfahrungsberichte, gerne auch gut lesbare, zu behalten. Jana Hensels Buch ist durchaus gut lesbar. Es enthält eine Mischung aus einfacher Darstellung und literarischer Ambition, Ironie und Melancholie, Erstaunen und nüchterner Bilanz, aus Offenheit und Zurückhaltung, das es – kalkuliert oder gekonnt – abwechslungsreich und zeitgemäß erscheinen lässt.

    Schwierige Gratwanderung

    Die inhaltliche Gestaltung ist gleichwohl eine wesentlich problematischere als die sprachlich-stilistische, wie der Begleitband von Tom Kraushaar belegt. Es führt kein Weg daran vorbei, dass Hensels Buch umso unterschiedlicher wahrgenommen wird, 1. je intensiver und kritischer die eigenen Erfahrungen mit der DDR waren und 2. je höher die einfordernden Hoffnungen auf und die Erwartungen an das Erscheinen eines endlich alles erklärenden und alle Fragen vom schnöden-öden DDR-Alltag bis hin zur gesellschaftlich-soziologisch-politischen Analyse erklärenden Buches sind.

    Hensel kann das nicht leisten und wollte es auch gar nicht. Trotzdem wird sie an hohen Ansprüchen gemessen; vermessen? Es ist immer problematisch, wenn sich Rezipienten, zumal professionelle, nicht für die Intention des Verfassers bzw. der Verfasserin eines Buches interessieren und nur mit dem Diktat der eigenen Erwartung auf ein Buch losgehen. Natürlich kann man das machen, nur sollte man dann auch als Kritiker das eigene Vorgehen offen legen und nicht nur das der Autorin.

    Was wollte Jana Hensel? Sicherlich bekannt werden – das hat sie geschafft. Geld verdienen – hoffentlich auch. Eine Diskussion auslösen – das hat mit Bravour funktioniert: welches Buch erhält heutzutage schon seine Rezeptionsgeschichte an die Seite gestellt?

    Diese zeigt grob zusammengefasst: besonders wer aus dem Westen kommt, ist zunächst einmal offen für die Schilderungen einer Frau, die ihre Probleme beim Aufeinanderprallen von ostdeutscher Kindheit und deren ebenso fremd- wie selbst gesteuerten Entwertung in der zunehmend verwestlichten ostdeutschen Teilgesellschaft hat (z. B. Reinhard Mohr; Der Spiegel). Wer aus dem Osten kommt und ungefähr in Hensels Alter ist, teilt viele der Erfahrungen und ist dankbar, diese ausgesprochen zu finden (u. a. einige Leserbriefe). Wer deutlichere Worte über die ehemalige DDR erwartet und dem Buch mit einem eher politischen Bewusstsein gegenübertritt, vermisst Differenzierungen, egal ob aus dem Osten (Jens Bisky; SZ) oder Westen (Ingo Arend; Freitag).

    Falsches Wir-Gefühl

    Dabei hat Jana Hensel – sicherlich im Verbund mit dem Lektorat – hauptsächlich einen Fehler gemacht, den man aber aus ihrer Sicht als taktisch gerechtfertigt werten kann und der auch nicht, wie von ihr und anderen Teilnehmer/inne/n der Diskussion übertrieben wird, das ganze Buch gleichermaßen betrifft, sondern insbesondere immer wieder die Auseinandersetzung mit den Eltern: hier schreibt sie, wohl auch aus Selbstschutz, zu viel von einer Generation, von „Wir“ anstatt von sich, von „Ich“ (vgl. dazu den Aufsatz von Moritz Baßler). Diesen „Fehler“, zu viel falsches „Wir“-Gefühl vermitteln zu wollen, hat schon Florian Illies gemacht, und beiden Autoren hat gerade diese kalkulierte Naivität oder auch Unverfrorenheit zu der Aufmerksamkeit verholfen, die sie (bzw. ihr Produkt) brauchen.

    Doch für Hensel hat dieses Vorgehen zur Folge, dass ehemals oder immer noch engagierte Ostdeutsche sich von ihrer nahezu entpolitisierten, von Ursachen losgelösten Sicht auf die DDR unzulässig in einer anpassungssüchtigen Generation vereinnahmt sehen, was diese Menschen offenbar massiver stört, als dies im Westen bezüglich Illies „Generation Golf I bis wahrscheinlich X“ der Fall ist und war. Denn schon weil Illies vor lauter Selbstgefälligkeit und Ironie auf fast jeder Seite mehrfach zu platzen droht und eben wegen der Titel seiner Bücher, werden diese nicht wirklich für voll genommen: jaja, die Golffahrer, zu feige für einen gebrauchten Manta und zu arm für ein echtes Auto.

    Hensel aber wollte kein Spaßbuch schreiben, wollte angenommen werden, aber insbesondere das „Wir“, das sich in den Köpfen der Rezipienten über die Maßen festsetzt, macht ihr, wie viele Beiträge in Kraushaars Band belegen, einen Strich durch die Rechnung. Hinzu kommt der mit der Erwartungshaltung vieler Leser kontrastierende Mangel an tiefgründig-profunden Sichtweisen. Wer einen differenzierteren Überblick oder verschiedene Meinungen sucht, muss dies Hensel jedoch nicht immer wieder vorwerfen, sondern kann getrost auf andere Bücher zurückgreifen
    (siehe etwa Barbara Felsmann: Beim Kleinen Trompeter habe ich immer geweint.)
    Es ist eben letztendlich Jana Hensels Stimme, die aus Zonenkinder spricht; sie verfolgt(e) eine bestimmte Absicht und legt dies in einem Interview mit Tom Kraushaar auch offen:
    „Vor allem über den Titel habe ich lange nachgedacht. Es heißt natürlich ganz bewusst „Zonenkinder“ und nicht „Wendekinder“ oder „Revolutionskinder“ oder irgendwas politisch Korrekteres. Es ging mir darum, Erinnerung ideologisch zu entschlacken. Ich wollte von der DDR nicht wie von einem politischen System erzählen. Ich wollte einen Herkunftsraum beschreiben.“ [...]

    Besonders bei den Lesungen ist mir aufgefallen, dass die Diskussion über die Form des Textes die über den Inhalt beherrscht und dominiert hat. Im Zentrum stand die Frage nach dem „Wir“. Natürlich wollte ich mit dem Text ein Identifikationsangebot machen. Ich wollte, dass jeder, der das Buch liest, mit seiner persönlichen Geschichte darauf antwortet, weil ich wollte, dass die Leute sich erinnern und sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Für eine wirklich konstruktive Diskussion über die Thesen des Buches ist es aber hinderlich, wenn jeder mit seiner eigenen, individuellen Geschichte kommt.

    Olaf Selg



    Jana Hensel: Zonenkinder. Erzählerisches Sachbuch.
    Rowohlt 2002/2004.
    Taschenbuch. 175 Seiten. 6,90 Euro.
    ISBN 3-499-23532-3






    Tom Kraushaar (Hg.): Die Zonenkinder und wir. Die Geschichte eines Phänomens. Aufsätze.
    Rowohlt 2004.
    Taschenbuch. 128 Seiten. 6,90 Euro.
    ISBN 3-499-23672-9



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