Neu im Kino: Marina Abramovic - The Artist is present Julia Holter: Ekstasis Interview Spielplatz Magazin Die Popkolumne aus London Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit Tristram Hunt: Friedrich Engels
Samstag, 25. Mai 2013 | 17:00

 

U.Keller/I.Rakusa (Hg.): Europa schreibt

08.06.2004

 


Unterminieren oder plaudern?

Dreiunddreißig Individuen suchen das Gemeinsame und finden stets nur sich.


 

Der Untertitel variiert eine Frage, die uns vertraut vorkommt und ein wenig langweilt: „Was ist das Europäische an den Literaturen Europas?“ Schon die Frage nach dem Deutschen in der deutschen Literatur oder gar dem Ostdeutschen in der Literatur der DDR führte zu wenig brauchbaren Antworten. Was aber, bitteschön, soll „das Europäische“ sein? Was verbände England – zumal in seiner Literatur – stärker mit der Ukraine als mit den USA, was hätte Frankreich mit Island gemeinsam, das es von Algerien unterschiede?

Bestimmend sind die Sichtweisen

Ursula Keller und Ilma Rakusa haben Autorinnen und Autoren aus 33 Ländern aufgefordert, sich über das Europäische, was es auch sein mag, in den europäischen Literaturen (und nicht etwa in einer europäischen Literatur!) Gedanken zu machen. Schon hier stockt der Leser: Wenn es ein Europäisches gibt – warum sollte es nicht eine europäische Literatur geben? Schließlich spricht man auch von einer deutschen Literatur, wo man zwischen bayrischer, hessischer und rheinländischer Literatur unterscheiden könnte. Man merkt: es geht nicht um o­ntologische Fragen. Bestimmend sind die Sichtweisen. Und die sind willkürlich, abhängig von (politischen) Entscheidungen, die sich nicht aus dem Gegenstand selbst begründen lassen.

Der vorliegende Band geht zurück auf ein Symposium des Hamburger Literaturhauses, zu dem dessen Leiterin, zugleich Koherausgeberin Ursula Keller eingeladen hatte. Die Notwendigkeit einer Beschäftigung von Schriftstellern mit dem Thema Europa sieht sie darin, dass Europa mehr sein müsse „als ein wirtschaftlich expandierender Interessenverband mit beschränkter politischer Haftung“. Da kann man nur hoffen, dass Brüssel auf das Hamburger Literaturhaus hört. Wer die Macht- und Interessenverhältnisse ignoriert, läuft Gefahr, den Don Quijote zu verkörpern, von Andrej Bitow zu Recht als einer der literarischen Helden genannt, die am Aufbau der europäischen Zivilisation mitgewirkt haben. Aber reden und schreiben macht ja auch Spaß, und wer verbrächte nicht gern eine Woche im Hamburger Literaturhaus. Nutzt’s nix, so schad’t’s nix.

Ilma Rakusa bemerkt in Bezug auf „die Osteuropäer“: „Die Komplexe, die Ängste, die Ressentiments sitzen tief.“ Haben die Komplexe, die Ängste, die Ressentiments den gleichen Status, die gleiche Berechtigung? Liefern die Erfahrungen der Ostdeutschen mit den Westdeutschen, die jene nur als Belastung, keineswegs als „Schwestern und Brüder“ empfinden, nicht Grund für Ängste? Wäre die Befürchtung der Osteuropäer, in Europa als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden, wirklich nur ein Ressentiment? Wie viele Deutsche, Engländer oder Schweden putzen in kroatischen oder türkischen Haushalten, bedienen in russischen oder polnischen Gasthäusern? Fällt denn nicht auf, wie von links bis rechts die Frage der Ostererweiterung der EU ausschließlich unter dem Gesichtspunkt diskutiert wird, ob sie uns schadet, was sie uns an Vorteilen einbringt. Die viel beschworenen humanistischen Gesichtspunkte sind da schnell vergessen. Es gibt gute Argumente für Skepsis gegenüber dem Europa der EU, die jenseits chauvinistischer Vorurteile wie auch der Euphorie der multinationalen Konzerne und Globalisierungsgewinner liegen.

Statistische Essenz

Fast alle Autoren des Bandes schwindeln sich an der im Untertitel gestellten Frage vorbei. Das ist verständlich. Eine Woche im Literaturhaus, so schön sie sein mag, ist ein zu niedriger Preis für ein gedrucktes Statement, mit dem man sich lebenslang blamieren kann. Und so plaudern sie, mal politischer, mal poetischer, mal grundsätzlicher, mal narzisstischer über sich und die Welt und manchmal sogar über Literatur und Sprache und über deren Geschichte. Wenn etwas auffällt, so das Dementi des Haupttitels: Nicht Europa schreibt, da schreiben 33 – mit den Herausgeberinnen: 35 – Individuen, die sich mehr oder weniger mit einer Nation – genauer: mit einer Nationalkultur – und meist noch weniger mit Europa identifizieren.

Das Alphabet hat Colm Toíbín fast an das Ende der Anthologie verbannt. Der Ire macht einen subversiven Vorschlag, der, befolgte man ihn, das ganze Unternehmen ad absurdum führte. Europa, sagt er, „ist ein Wort, an dessen Unterminierung wir in Zukunft verstärkt weiterarbeiten sollten“.

Der Band enthält ein Stichwortregister, das es erlaubt, sich auf einem Umweg dem Europäischen unserer Autoren zu nähern. Darin kommt „Vernunft“ acht Mal vor, „Aufklärung“ zehn Mal, „Gott“ aber zweiundzwanzig Mal. Für „Erinnerung“ sind achtundzwanzig, darunter zwei mehrseitige Stellen verzeichnet, für „Vision“ gerade neun. Man findet das Stichwort „Tod“, nicht aber „Leben“, und der „Zweifel“ wird zwar durch das Verb „zweifeln“ ergänzt, nicht aber durch „Skepsis“ und „Glaube“. Am häufigsten kommen „Zeit“, „Sprache“ und „Identität“ vor. Sollte das die Essenz sein? Was wäre daran europäisch?

Thomas Rothschild


Ursula Keller/Ilma Rakusa (Hrsg.): Europa schreibt. Was ist das Europäische an den Literaturen Europas? Essays aus 33 europäischen Ländern. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2003, 397 Seiten. 18 Euro.

TITELBLOG.de

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

so wie die Zugvögel von Zeit zu Zeit ihre angestammten Quartiere verlassen, um auf neuen Gründen zu nisten, versammeln sich ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...