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Miriam Gebhardt: Alice im Niemandsland

30.11.2012

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. Bewegungsunfähig sehen sie mit starrem Blick dem Untergang ins Auge, wie das Kaninchen der Schlange. Wie konnte das geschehen? In ihrem Buch Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor zeigt Miriam Gebhardt auf die Schuldige mit den hypnotischen Kräften: Alice Schwarzer. Von MAGALI HEISSLER

 

Gebhardt, habilitierte Historikerin und gelernte Journalistin, nimmt sich in fünf Kapiteln samt Salatgarnitur aus Vorwort, Registerchen, Literatursammelsurium und einer Handvoll bunter Anmerkungen einer auffälligen Fehlstelle in der bundesdeutschen politischen Diskussion an, dem zeitgenössischen Feminismus. Zu untersuchen, wo die Frauenbewegung hierzulande steht, ist ganz sicher nicht nur ein wichtiges, sondern ein notwendiges Unterfangen. Dieses Buch ist, um es gleich zu sagen, kein nützlicher Beitrag dazu.

 

Gebhardt beginnt mit einem historischen Rückblick auf die Frauenbewegung. Schon im Vorwort wird klar, dass es der Autorin nicht um eine Einordnung in einen geschichtlichen Kontext geht. Im Gegenteil benutzt sie die Vergangenheit, um durch das Heraufbeschwören einstiger Größe die Gegenwart umso kläglicher erscheinen zu lassen. Zudem wird die Vergangenheit nicht komplex, sondern eingeschränkt gesehen. Eine Verortung von Begriffen und Denkrichtungen im jeweiligen Entstehungszusammenhang sucht man vergeblich, es geht allein darum, einige wenige, von der Autorin als charakteristisch für die Denkweise einer einzigen Person behaupteten Ansichten hervorzuheben. Die Darstellung ist immer wieder widersprüchlich, Ausflüge in die Konjekturalhistorie mit Formeln wie ›Was wäre geschehen, wenn …‹ oder ›Das hätte auch …‹ machen das Bild nicht besser. Ebenso wenig Sachfehler und die ungeschickten Verkürzungen größerer Zusammenhänge. Einschätzungen beginnen nicht selten mit der Formel ›Ich glaube …‹, was der Leserin von vorneherein klar macht, dass es sich hier um Äußerungen persönlicher Befindlichkeiten handelt. Alice Schwarzer selbst wird früh eingeführt, vornehmlich im vagen Bereich spekulativen Denkens, und zwar meist negativer Konnotation.

 

Anleitung zur Konstruktion einer Bösewichtin

Mit dem Sprung in die Zeit der 68er Bewegung ist die Autorin bei ihrem Kernthema angelangt, der Konstruktion der Bösewichtin. Die Vorwürfe, die mit dem Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung bereits angerissen wurden, werden nun an Worten und Taten Schwarzers präzisiert. Sie hat der Frauenbewegung das philosophische Konzept Simone de Beauvoirs übergestülpt, noch dazu aufgrund einer Fehlübersetzung eines entscheidenden Satzes, und aus Frauen Opfer gemacht, dazu lustfeindlich, männerfeindlich, kinderfeindlich. Sie hat die Frauenbewegung monopolisiert, die Deutungshoheit über alles Feministische an sich gerissen. Die Geschichte seit 1968 umgelogen in ihrem Sinn und ihre eigene Biographie gleich dazu.

 

Nun macht es Schwarzer ihren Gegnerinnen nicht schwer. Ihre journalistischen wie politischen Fehler seit inzwischen über zwei Jahrzehnten sind offensichtlich. Vorwürfe etwa der Islamophobie oder der eklatanten Rechteverletzung wie beim ungenehmigten Abdruck der Fotos von Helmut Newton 1994 sind nicht von der Hand zu weisen. Die anfänglich bahnbrechende PorNO-Kampagne der 1980er Jahre verhärtete sich bald derart, dass sie unflexibel und schlussendlich nicht mehr reaktionsfähig war. Schwarzers Auftritte in den Medien sind ebenso wenig geeignet, ihr mehr Sympathie zuwachsen zu lassen, die Wendung zur BILD-Zeitung ist indiskutabel. Die vorliegende Zusammenschau allerdings ist derart von persönlicher Abneigung geprägt, dass selbst entschiedene Kritikerinnen Schwarzers sie hin und wieder verteidigen müssen; etwa, wenn Gebhardt – noch dazu ohne Beleg – schreibt, dass Schwarzer sich in ihren Urteilen zum Einfluss von Pornographie vor zwanzig Jahren auf Untersuchungen eines Psychologischen Instituts bezogen habe, dessen Leiter heute unter Betrugsverdacht stehe. Kristallkugelschauen ist auch einer Alice Schwarzer nicht gegeben.

 

Miriam Gebhardt
Foto: Quirin Leppert Miriam Gebhardt
Foto: Quirin Leppert

Blinde Flecken

Einige Entwicklungen der Frauenbewegung werden jedoch nicht genannt. Dazu gehört etwa der Versuch in den frühen 1980er Jahren, Vertreterinnen von Gewerkschaften in die Redaktion der Zeitschrift Emma aufzunehmen, der innerhalb weniger Tage scheiterte, und vor allem die Niederlage der zweiten großen Kampagne gegen den §218 1992 vor dem Verfassungsgericht, die Schwarzer zu einem Sieg für die Frauenbewegung umdeutete. Das sind wichtige Fehlentscheidungen, will man den Niedergang des politischen Feminismus hierzulande begreifen. Dass Gebhardt sie ignoriert, ist ein weiterer Hinweis dafür, dass ihr Ziel nicht ist, zu klären, was der Untertitel ihres Buchs behauptet, nämlich wo die Frauen geblieben sind, die doch die Frauenbewegung ausmachen. Informationen über deren Verbleib fehlen bzw. werden in seltenen Fällen mit singulären Aussagen belegt, die beliebig ausgewählt sind. Sätze aus der Seminararbeit einer einzigen Studentin etwa werden als charakteristisch für die Meinung jüngerer Frauen zitiert.

 

Für Gebhardt ist das Verschwinden der Frauen insgesamt durch Schwarzers Medienpräsenz rundum erklärlich. Die Frage, wie diese zustande kam, stellt sie nicht. Tatsächlich wäre eine genaue Analyse der Rolle der Medien nötig. Medienkritik sogar, aber das sind weitere blinde Flecken in der vorliegenden Darstellung, wie auch die Frage, woher es kommt, dass, wie im Buch behauptet, zahlreiche Frauen hierzulande stracks und ausschließlich den Namen ›Alice Schwarzer‹ als Begründung anführen, um einer Beschäftigung mit dem Thema Feminismus auszuweichen.

 

Zarte Gemüter

Mit Verblüffung muss man feststellen, dass das Sample für die konstatierte Ablehnung Schwarzers durch die Frauen die (zufällig zusammengekommenen) Teilnehmerinnen einer Seminarveranstaltung der Autorin zum Feminismus war. Dass ausgerechnet Studentinnen in einem hoch technisierten Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht fähig sein sollen, komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen anders als durch schreckhafte Reduktion der Probleme mittels Rückzugs ins vermeintlich sichere Privatleben zu begegnen, birgt einen Schrecken, der alles, was Schwarzer je getan hat, überragt. Unsere Zukunft liegt in den Händen zarter Gemüter! Zu ihnen scheint auch die Autorin zu gehören, die es verwerflich findet, Frauen hinaus in die unsichere Arbeitswelt zu jagen, wenn doch der heimische Herd grundsätzlich krisensicher ist (S. 276).

 

Dass von solchen denkerischen Tiefebenen aus schließlich eine neue Theorie zur Wiederbelebung des Feminismus gefordert wird, schenkt dem Buch im letzten Teil einen gewissen heiteren Aspekt. Nach einer leider rein beschreibenden Wiedergabe einiger neuerer Theorien US-amerikanischer Feministinnen, über deren mögliche Bedeutung für die Frauenbewegung in den USA geschwiegen wird, folgen einige Forderungen Gebhardts für einen zeitgemäßen Feminismus hierzulande. Sie gipfeln nach der banalen Erkenntnis, dass wir lernen müssen, mit Differenzen zu leben, in der absurden Überlegung, dass eine feministische Bewegung diejenigen aufnehmen müsse, die sich nicht emanzipieren wollen. Müssen wir von nun an mit Frauen rechnen, die offiziell auf ihre Bürgerinnenrechte verzichten?

 

Der Schluss zeigt überdeutlich, woran es hier grundlegend fehlt, nämlich an dem Wissen, dass Feminismus eine politische Bewegung ist, die selbstständiges Denken und Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge in ganz anderen Kategorien braucht, als eine oberflächliche und sichtlich recht schnell zusammengeschriebene Abrechnung mit einer ungeliebten Einzelperson.

 

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