TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 22:42

Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den Besetzten Gebieten

23.11.2012

Tagebuch der alltäglichen Grausamkeiten

Der israelische Regierungschef Netanjahu hat Ende September vor der UN-Vollversammlung die Auseinandersetzung seines Landes mit dem Iran zu einem grundsätzlichen Konflikt zwischen »Mittelalter« und Moderne stilisiert. Was die israelischen Soldaten in Breaking the Silence zu berichten haben, lässt einen am Wert der hier gemeinten Moderne zweifeln. Von PETER BLASTENBREI

 

2004 wurde in Jerusalem eine Ausstellung eröffnet, in der Soldaten der israelischen Armee Fotografien und verbale Zeugnisse ihres Militärdienstes im besetzten Hebron zeigten. Daraus entwickelte sich eine Initiativgruppe von Soldaten und Offizieren, die sich »Das Schweigen brechen« (hebräisch Schovrim Schtika) nennt, weil sie systematisch gegen das Stillschweigen kämpft, das den Besatzungsdienst auf der Westbank umgibt. Bis 2010 hatte die Gruppe über 800 Aussagen von Armeeangehörigen gesammelt, von denen sie 146 zur Veröffentlichung bestimmte.

 

Einladung zum Horrortrip

Das Buch, das dabei herausgekommen ist, schenkt Lesern und Leserinnen nichts, es ist die Einladung zu einem Horrortrip. Gewohnten Sichtweisen auf Konflikte verweigert es sich systematisch. Hier werden keine Schlachten gewonnen und keine große Politik gemacht, aber auch die Position an der Seite der Opfer ist nur eine entfernte irreale Möglichkeit. Wir müssen die Zuschauerrolle der Berichtenden teilen, die oft genug Zuschauer mit brennend schlechtem Gewissen waren, oft genug aber auch Mittäter, die erst langsam, lange danach begriffen haben, was sie da anrichteten (»Ich weiß nur, dass wir sie gehasst haben.«, S.66; »Die Maßstäbe für Gut und Böse werden allmählich immer undeutlicher«, S.85).

 

Das Buch gliedert sich in die vier Abschnitte, nach den vier politischen Schlagworten, mit denen der offizielle Diskurs die israelische Besatzungspolitik charakterisiert. Den ganzen Zynismus solcher Sprachregelungen enthüllt der Vergleich mit der Praxis. Unter »palästinensische Lebensstruktur bewahren«, einem dieser Schlagwörter, verbirgt sich zum Beispiel die tägliche Veränderung des Status quo zuungunsten seiner angestammten Bewohner, institutionalisierter Landraub und engste Kooperation des Militärs mit den Siedlern (die Sicherheitsbeauftragten der Siedlungen sind den Soldaten gegenüber weisungsberechtigt!).

 

»Sie merken lassen, wer die Kontrolle hat.«

Das meiste, was die Soldaten beschreiben, führt in die Niederungen individuellen Fehlverhaltens, das die offizielle antipalästinensische Politik fatal ergänzt. Gefangene werden misshandelt, selbst Kinder, gesuchte Palästinenser werden erschossen, statt sie festzunehmen, Palästinenser werden als menschliche Schutzschilde benutzt, so beim Bergen möglicher Sprengkörper, palästinensische Privathäuser werden blitzartig besetzt und für Tage als Stützpunkt benutzt, manchmal ausgeraubt und die Einrichtung sinnlos zerstört – das ist nur eine Auswahl aus der Palette der alltäglichen Übergriffe.

 

Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Fast möchte man sagen, Menschen wie du und ich. Soldaten sind frustriert vom Reservedienst, ihnen ist zu heiß, zu kalt, sie haben reale Angst vor palästinensischen Angriffen, sie sind verärgert, wenn Kameraden zu Schaden kamen, oder einfach überfordert – an abgelegenen Kontrollpunkten ist der Kommandeur manchmal ein einfacher Gefreiter. Mehrfach werden besonders gewaltbereite Soldatengruppen genannt (Russen, orientalische Juden, Jeschiva-Studenten). Korpsgeist und ausgeprägter Machismus kommen hinzu, das Gefühl, ein Mann zu sein, wenn man auf Menschen schießt.

 

»Man heftet die Beschwerden ab und macht weiter.«

Und die Vorgesetzten? Viele sind einfach bequem und wollen nicht anecken, wissen, dass Beschwerden meist folgenlos bleiben, wissen zugleich, was man »oben« von ihnen erwartet. Nur wenige schreiten ein, aber etliche sind selbst hasserfüllte rassistische Scharfmacher. Bis hin zu dem Divisionsgeneral (!), der den Soldaten erklärte, dass Einheiten nicht nach der Zahl ihrer Festnahmen bewertet werden, sondern nach den erzielten Todesopfern …

 

Neu und überraschend sind solche Aussagen freilich nicht. Wer die längst verbotene Jerusalemer Tageszeitung el-Fadschr oder den von dem 2001 verstorbenen israelischen Menschenrechtsaktivisten Israel Shahak organisierten Übersetzungsdienst aus der hebräischen Tagespresse kannte, konnte schon vor 30, 40 Jahren von den unhaltbaren Zuständen im besetzten Palästina wissen. Eines der erschreckendsten Erkenntnisse nach der Lektüre dieses Buches ist, dass sich seitdem nichts geändert hat – oder höchstens zum Schlimmeren.

 

Mutiges Buch

Das wirft die unangenehmste Frage auf: wie steht die jüdische Öffentlichkeit Israels zu dieser Praxis alltäglicher brutaler Menschenrechtsverletzungen, die in ihrem Namen geschieht und von der sie – ohne Pressezensur – täglich erfahren kann? »Niemand weiß davon, und niemand will es wissen«, sagt halb resigniert einer der befragten Soldaten, nachdem er erfolglos versucht hatte, den israelischen Rundfunk für einen besonders scheußlichen Übergriff zu interessieren (S.337). Das ist der wahre Wert der hier vorgestellten Aussagen, die Vermittlung solcher Fakten ins Ausland, zu den Verbündeten und Freunden Israels, die sie kennen müssen.

 

Breaking the Silence ist ein mutiges Buch, gemacht von Männern und Frauen, für die Gerechtigkeit nichts ist, das man Politikern, Journalisten und Heerführern überlassen kann. Es ist zugleich ein ansprechendes und sehr informatives Buch mit zahlreichen Fotografien, einem umfassenden Glossar und hervorragenden Karten. Ein besonderes Lob verdient die deutschen Ausspracheregeln angepasste Schreibung hebräischer und arabischer Ausdrücke.

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter