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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:27

    Heathcote Williams: Der Herr der Drohnen

    16.11.2012

    Wovon de Maizière wirklich spricht

    In deutschen Medien erfahren wir selten etwas über die Kriegführung mit Drohnen. Dabei gibt es seit 2009 ein International Committee for Robot Arms Control. Gelegentlich drängt sich das Gefühl auf, wir leben hinter dem Mond in diesem Land, und Gänsehaut läuft über unseren Rücken. In Lettre International 98 setzt sich der britische Autor und Schauspieler Heathcote Williams mit dem Thema auseinander. Von WOLF SENFF 

     

    Das allerdings weniger in der kühlen, abgewogenen Diktion distanzierter Sachlichkeit, die wir an unseren Nachrichten so schätzen und von denen wir uns mit den Neuigkeiten des Tages versorgen lassen, bevor wir uns dem Spielfilm zuwenden, womöglich gar dem stets so fröhlichen, übermütigen Tatort aus Münster. Auf diese Weise, müssen wir uns eingestehen, haben wir gelernt (hat TV uns beigebracht), die Dinge an uns abgleiten zu lassen.

     

    Heathcote Williams schreibt ein Gedicht. Über Drohnen? Nein, kein Gedicht. Es sieht nur so aus. Wir können, war wohl nix, die Zeitschrift Lettre jetzt verärgert wieder zuklappen und beiseite legen. Oder wir fragen uns: Was soll das?, und wenden uns doch dem Gedicht zu. Wir bleiben irritiert, vielleicht neugierig. Oh, oh, Mr Williams, gute Arbeit, Sie haben uns aus unserem Alltagstrott gezerrt.

     

    Angereichertes Uran

    In seinem Text, der kein Gedicht ist und wieder doch ein Gedicht, konfrontiert er zwei Kulturen miteinander. Deshalb ist wichtig, dass wir nicht verschnarcht im Sessel sitzen, bis über beide Ohren in unserer Alltagskultur, sondern dass er uns davon leicht abgehoben hat, damit wir gewissermaßen als neutraler Leser beide Kulturen ins Blickfeld bekommen. Eine davon ist unsere, und Heathcote Williams verordnet uns Distanz.

     

    Unser Verteidigungsminister de Maizière hat sich bekanntlich vor Kurzem erneut dafür ausgesprochen, die Aufrüstung der Bundeswehr mit Drohnen zu forcieren. Weiß Herr de Maizière, wovon er redet? Was richten wir an am Hindukusch? Wer wird das auslöffeln, was wir uns dort eingebrockt haben? Gut, gut, lesen wir erst einmal bei Heather Williams.

     

    »Obwohl Paschtunen bei Hochzeiten traditionell Salven aus alten Gewehren abfeuern,/

    werden solche Bekundungen von digitalen Schnüfflern in Nevada als Bedrohung eingestuft./

    Zwei Drohnenlenker nicken sich zu, schießen einen Feuerball ab, um die Hochzeitsgesellschaft zu versenken,/

    und die Lieblingswaffe des Präsidenten brät Paschtunenfleisch in höllisch heißen Flammen./ […]

    Nach ihrer Schicht entspannen die Drohnenlenker auf ihrer Heimfahrt nach Las Vegas.«  

     

    So geht’s. Das ist der Segen des Internets. Das ist zeitgemäße Kriegführung mit erlesenen Spitzenprodukten unserer im Dax notierten Rüstungskonzerne. Das ist der Fortschritt. Stehen wir auf der richtigen Seite? Wir lernen, dass »die Spitzen der Drohnenraketen abgereichertes Uran enthalten«. Der Überlebende eines Drohnenangriffs: »Die Bombe hat die Leute krank gemacht. Ihre Münder bluten, wenn sie essen.«

     

    Wo sind unsere Zeitungen?

    Die Jugendlichen sind beschäftigt.

    »Ein Neunzehnjähriger, Habibur Rehman, bekommt 122 Dollar, um RFIDs [Radio-Frequency-IDs oder 'Todes-Chips', W.S.] auszulegen,/

    Er schleudert sie in Häuser. ›Für den Erfolgsfall wurden mir Tausende von Dollars versprochen;/

    also verstreute ich die Chips überall. Ich wusste, dass deshalb Leute sterben würden. Es war ein leichter Job. Ich brauchte das Geld.‹/

    Die Dorfmitbewohner spürten ihn auf, stellten ihn vor Gericht und erschossen Habibur.«

     

    Auch die Kinder bekommen ihr Fett weg.

    »Mohammed Yaqoob, ein Lehrer aus Miranshah, sagt: Die Kinder haben solche Angst vor Drohnen,/

    sie können sich nicht auf ihren Unterricht konzentrieren. Sie sitzen einfach im Klassenzimmer,/

    schauen zu den Drohnen hoch, die dauernd am Himmel über dem Ort kreisen./

    Nachts schlafen sie nicht. Sie fürchten, in ihren Betten bombardiert zu werden.«

     

    Weshalb erfahren wir das aus einem Gedicht? Ja, aus einem Gedicht! Wo sind unsere Zeitungen? Hinter dieser Zeitung steckt immer ein kluger Kopf. Ach ja? Eine andere bekannte Zeitung »bildet« uns. Geht's noch? 

     

    Aberwitzige Killer

    Dieses Gedicht beschreibt Wirklichkeit auf Augenhöhe mit Menschen. Möchten unsere feinen Pinkelinnen und Pinkel in den Nachrichtenagenturen über diese Tatsachen lieber nicht berichten? Wer hindert sie?

    »Bei einer anderen Hochzeit, diesmal in Fatah, wird es ein Todestanz sein, von Killern auf Drehstühlen erledigt,/

    die Brause saufen und Hamburger mampfen, während sie ihre Raketen reinplatzen lassen«.

    Der zeitgenössische Krieg hat sich »in ein elektronisches Turnier« verwandelt, und »Blutvergießen ist dank des Play-Station-Kriegs nur ein Problem des Feindes«.

     

    Die aberwitzigen Killer und »Sesselfurzer, die Afghanen per Joystick ausradieren können« – das sind unsere Kinder, sie sind unsere Brüder und Schwestern. Diese Traumjobs, Herr de Maizière, werden Sie ja bereits und demnächst verstärkt in Deutschland anbieten. Die Nation der Dichter und Denker at its best. Eine christlich fromme Regierungspartei. Allerorten ist von Demut die Rede. Feines Benehmen ist unerlässlich. Damen von Welt mit cognacfarbenen Stimmen lesen im Deutschlandfunk Nachrichten vor. Wir gehen höflich miteinander um.

     

    Kaltblütig und skrupellos

    Hören wir noch einmal ins Gedicht, Herr de Maizière, damit wir wissen, was über den so strahlend lachenden  Präsidenten der USA auf uns zukommen wird. Diese Gedichteschreiber haben es in sich, nicht wahr? Wir erinnern uns an die »letzte Tinte« von Günter Grass, der ist auch so ein Schelm. Also:

    »Colonel Chris Chambliss vom 432. Luftexpeditionsgeschwader der Creech Air Base spielt digitale Aufzeichnungen seiner Predator-Drohnen ab, um das Können seiner Abteilung vorzuführen:/

    Vor Journalisten prahlt er: es gebe unersättlichen Hunger nach Fähigkeiten des Systems/ […]

    Er lächelt voll Genugtuung. ›Dies ist wirklich eine Waffe erster Wahl./

    Unsere ›Sensormänner‹ setzen Laserinstrumente ein, wenn Piloten eine Rakete abgefeuert haben;/

    Achtzehnjährige‹, führt er aus, ›lenken sie ins Ziel.‹«

     

    God's own country at its best, und sie nennen es – das ist political-correct-Sprech – einen hohen Standard der Waffentechnologie. Welch kaltblütige und skrupellose Haltung sich dahinter verbirgt, erfahren Sie in diesem Gedicht, das ja eigentlich so gar kein Gedicht ist. Gänsehaut, ich erwähnte es.

     

    Die Zeitschrift Lettre International? Falls Sie sie nicht bereits kennen – schnuppern Sie einmal hinein. Es gibt sie für mehrere europäische Länder, die deutsche Ausgabe erscheint viermal jährlich, mit vielfältigen Themen zwischen Kultur und Politik, diesmal zum Beispiel über die Zerstörung alter Kulturen durch rasenden Fortschritt (»Umbrüche in China«), über Rechtfertigungsmuster großer Vermögen (»Wozu reich sein?«) und über »Mächte der Musik«.

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