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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:41

    Roesler: Geschichte der DDR / Fülberth: Geschichte der BRD

    09.11.2012

    Deutsche Nachbarn -
    mit und ohne Systemvergleich

    Vor 23 Jahren fiel die Mauer, knapp 11 Monate später ging der zweite deutsche Staat im vergrößerten Deutschland auf. Zeit also für eine nüchterne historische Rückschau ohne die üblichen Gruseleffekte. Jörg Roesler hat mit seiner hier vorliegenden Geschichte der DDR ein solches Buch geschrieben. Ein besonderer Glücksfall ist es, dass zugleich in der gleichen Reihe und Aufmachung eine Geschichte der BRD von Georg Fülberth erschienen ist. Von PETER BLASTENBREI

     

    Roesler, bis 1991 Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR, wählt einen bisher eher ungewöhnlichen Zugang zur Geschichte des anderen deutschen Staates, dessen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, und beleuchtet von diesem Blickwinkel aus Politik und Kultur. Seine Sichtweise vermittelt erstaunliche Durchblicke und Einsichten. So hatte das berüchtigte 11. ZK-Plenum der SED vom Dezember 1965, das »Kahlschlagplenum«, zwar verheerende kulturpolitische Folgen – Werner Bräunigs Roman Rummelplatz und Kurt Mätzigs Film Das Kaninchen bin ich fielen ihm u.a. zum Opfer – tatsächlich aber wirtschaftspolitische Auslöser.

     

    Verstehen statt dämonisieren

    Zum ersten Mal zeichnete sich hier außerdem eine Konstellation mit Honecker im Zentrum ab, die sechs Jahre später Ulbricht stürzen sollte. Überhaupt die beiden SED-Chefs im Vergleich. Einmal mehr erweist sich der damals viel geschmähte Walter Ulbricht als der beiweitem flexiblere Politiker (z.B. Planreformen, Anfänge der Mikroelektronik). Honecker dagegen, der jüngere, verfolgte sein einmal formuliertes Credo von der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik trotz frühzeitiger Warnungen bis 1989, beratungsresistent bis zum bitteren Ende. Angesichts der Zustände in den 80er Jahren – Westverschuldung, Investitionsstopp, verrottende Innenstädte und eine immer ratlosere Führung – war das hybride Wuchern des Staatssicherheitsapparats nur noch eine logische Konsequenz.

     

    Auch mit anderen Missverständnissen räumt Roesler auf. So war die DDR keineswegs Moskaus willigster Satellit im Ostblock, obwohl sie durch ihre exponierte Lage mehr als andere auf die sowjetische politische und militärische Unterstützung angewiesen war. Im Gegenteil hatten sowohl Ulbricht als auch Honecker zeitweilig erhebliche Differenzen mit den jeweiligen Generalsekretären der KPdSU, besonders auf ökonomischem Gebiet.

     

    Der Autor hat eine verlässliche, spannende und kompetente Darstellung der 40 Jahre DDR-Geschichte geschrieben. Wie sich deren positive und negative Seiten gegeneinander abwägen lassen, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen, nach eigenen Präferenzen und Erfahrungen. Roesler nennt auf der Habenseite soziale Bürgerrechte und Solidarität mit der Dritten Welt – hinzufügen ließen sich die erste flächendeckende Industrialisierung östlich der Elbe und der »exportfähige« polytechnische Unterricht – unter den Negativa das eklatante Demokratiedefizit und die politische Justiz. Er hat aber sicher recht, wenn er betont, dass die DDR weit mehr war als Stasi und Mauer, auf die sie heute viele reduzieren wollen. 

     

    Wirtschaftshistorische Sichten

    Die DDR stand ohne ihr Zutun im direkten Wettbewerb mit einer der stärksten Volkswirtschaften der Welt, einem Wettbewerb, den sie verlieren musste, auch wenn dort nicht die selbe Sprache gesprochen worden wäre. Georg Fülberths Geschichte des Wirtschaftsriesens im Westen folgt ähnlichen Kriterien wie Roeslers Darstellung. Als einer der bekanntesten marxistischen Wissenschaftler Deutschlands und bis 2002 Professor in Marburg ist Fülberth vor allem als Erforscher der Funktionsweise des modernen Kapitalismus und seiner Einflüsse auf Politik und Kultur hervorgetreten.

     

    Dementsprechend ist auch die vorliegende Geschichte der BRD angelegt, als Geschichte des Wiederaufbaus der deutschen wirtschaftlichen Stellung in Europa vom Tiefpunkt 1945 über den Boom der 50er Jahre, das sozialliberale Experiment und die Bewältigung des neoliberalen Umbaus ab 1973/74 bis zur heute erreichten ökonomischen Dominanz in Europa. Das viel berufene »Wirtschaftswunder« war nicht denkbar ohne Marshall-Plan, vorzeitiges Ende der Reparationen, langjährige Lohnvorleistungen der Beschäftigten und nicht zuletzt auch den Verlust der wenig produktiven Ostgebiete.

     

    Einiges, was der bundesdeutschen Wirtschaft ihren enormen Auftrieb verlieh, erwies sich zu gleicher Zeit als schwere Hypothek für die DDR, so die Abwanderung von Hunderttausenden von qualifizierten Facharbeitern und Akademikern. Aber auch die Grenzsperrung der DDR 1961 hatte unmittelbare Folgen im Westen, nämlich die Ausweitung der Gastarbeiteranwerbung (Türken ab 1963) und langfristig die Bildungsoffensive der späten 60er Jahre.

     

    Solche politisch-kulturellen Folgen und Wechselwirkungen wirtschaftlicher Entwicklungen sind Fülberths besonderes Anliegen. Er findet sie auch dort, wo man sie nicht unbedingt erwarten würde, wie bei den Atomrüstungsplänen von Verteidigungsminister Strauß, die die Bundesrepublik parallel zur neuen wirtschaftlichen Stärke zu einem militärischen Juniorpartner der USA gemacht hätten. Nicht immer hat der Autor freilich dieses aufschlussreiche Konzept durchgehalten. So gibt es keinen Hinweis auf den diskreten Druck westdeutscher Wirtschaftsführer zu einer Änderung der verfahrenen Ostpolitik Ende der 1960er Jahre.

     

    Fülberths Buch ist eine ebenso verlässliche und gut lesbare Darstellung wie Roeslers Geschichte der DDR. Beide bieten einen konzentrierten Einstieg ins Thema und ergänzen sich wegen des ähnlichen Konzepts hervorragend.

    Bleibt die Korrektur eines nicht ganz unbedeutenden Fehlers (Fülberth, S.111): die deutschen Arbeitslosenzahlen ergeben sich seit 2004 nicht mehr allein aus den Berichten der Nürnberger Arbeitsagentur, sondern erst ergänzt durch die Zahl der Bezieher von Hartz IV-Leistungen plus den in Nebenstatistiken versteckten Erwerbslosen. 2011 gab es also über sechs, nicht nur drei Millionen Arbeitslose.

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