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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 22:53

    Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben

    19.10.2012

    Bildgewaltiges Glanzstück

    In Annawadi, einem Slum in Mumbai, leben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Angst vor dem endgültigen existenziellen Ruin dicht beinander. Neid, Korruption und ethnische Konflikte bestimmen den Alltag. In Ihrer bewegenden Reportage Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben schildert Katherine Boo eingängig die Lebensumstände in einem indischen Elendsviertel. Von MARC STROTMANN

     

    Mumbai – keine Stadt vermag es besser, der indischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Die Millionenmetropole boomt wirtschaftlich, pompöse Hochhäuser schießen aus dem Boden, Glitzerfassaden verleihen der Stadt den nötigen Glanz. Es scheinen keine Grenzen auferlegt. Tradition und Moderne kumulieren zu einem internationalen Hot-Spot, der Menschen aus aller Welt in ihren Bann zieht. Wäre da nicht noch Mumbais anderes Gesicht. Der propagierte Wohlstand für alle wird konterkariert durch die unzähligen Slums der Stadt. Blechhütten, Armut und Krankheiten bestimmen die Szenerie. Die Menschen leben vom Müllsammeln, von Kurzarbeit auf Baustellen und Diebstahl. Eine sich an der Mittelschicht orientierende Regierung und korrupte Behörden verschärfen die Situation.

     

    Katherine Boo arbeitet seit 2003 als Journalistin für den New Yorker, zuvor war sie lange Jahre für die Washington Post tätig. Die Pulitzer-Preisträgerin ist seit über zehn Jahren mit einem Inder liiert. Für Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben hat sie über drei Jahre in dem indischen Slum verbracht, hat seine Bewohner beobachtet und lange, intensive Gespräche mit ihnen geführt. Meisterhaft vermag sie es, die Atmosphäre eines indischen Slums einzufangen, einer Welt voll von Gewalt und Niedertracht, in der sich trotz allem für die Bewohner zwischen den Bergen voll von Müll Auswege eröffnen.

     

    Auf ein besseres Leben hoffen

    Annawadi liegt im Schatten des internationalen Terminals von Mumbai und vier neu errichteter, luxuriöser Hotels. »Um uns rum lauter Rosen und wir als Scheiße mittendrin«, lautet die Beschreibung eines Jungen aus dem Slum. Die Bewohner aus Annawadi bekommen aus unmittelbarer Nähe jenen ausschweifenden Reichtum vorgelebt, der den Nährboden ihrer eigenen Träume bildet. Die Realität ist paradox. Trotz der räumlichen Nähe liegen Welten dazwischen.

     

    Katherine Boo beschränkt sich allerdings nicht darauf aufzuzeigen, wie die Ärmsten der Armen ihren Alltag bewältigen. Vielmehr versucht sie die üblichen Ressentiments zu überwinden und gibt den Slums ein Gesicht. Die von ihr beschriebenen Akteure leben zwar alle in Annawandi, verfolgen aber unterschiedliche Ziele, hängen ihren eigenen Träumen nach und haben individuelle Probleme.

     

    Abdul Husain ist 17 oder 19 Jahre alt, er weiß es selbst nicht genau. Der junge Moslem arbeitet als Müllsammler, sein Vater ebenfalls, bis er aufgrund seiner Tuberkoloseerkrankung nicht mehr fähig ist. Abdul ist schweigsam, vermeidet es, aufzufallen und ist häufig einsam, doch für das Sortieren des Mülls, welchen er an Recyclingfirmen verkauft, hat er eine Begabung und verhilft seiner Familie zu einem verhältnismäßig guten Einkommen.

     

    Asha ist in einem der ärmlichen Landstriche Indiens aufgewachsen. Sie lernte früh sich durchzusetzen. Nach ihrer Verheiratung zog sie mit ihrer Familie nach Mumbai. Ihr Ehrgeiz ist unbändig. Mit aller Macht verfolgt sie das Ziel, der erste weibliche Slumlord zu werden, unterhält Beziehungen zu korrupten Politikern und Beamten, zeigt sich erbarmungslos gegen die Bewohner des Slums, die ihre Ziele gefährden könnten.

     

    Ihre 19-jährige Tochter Manju bildet einen Gegenentwurf. Sie versorgt die jüngeren Geschwister, unterrichtet die Kinder des Slums in einer Grundschule und strebt als erstes Mädchen aus Annawandi einen Collegeabschluss an.

     

    Katherine Boo begleitet sie und andere, die sich nicht resignierend mit ihren Lebensverhältnissen begnügen, sondern alles dafür geben, ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, durch ein Meer aus kleinen Erfolgen und Misserfolgen. Ein Sog aus Korruption, Neid und Gewalt hält die Bewohner Annawadis im Slum gefangen. Hinter der Fassade der blühenden Wirtschaftsmacht Indiens brodelt ein Konflikt zwischen Religionen und Kasten, der durch mangelnde Chancengleichheit weiter geschürt wird.

     

    Eindringlich, erdrückend, meisterhaft

    Katherine Boo ist ein Glanzstück gelungen. Ihr Report über das Leben in Annawandi liest sich wie ein Roman, so unwirklich scheinen die Geschehnisse in dem indischen Slum. Ihre Sprache ist bildgewaltig, sie schafft eine dichte Atmosphäre, die es ermöglicht, sich die Verhältnisse des Elendviertels, lebhaft hervorzurufen. Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben lebt von Boos detailversessenen Beobachtungen, die über mehrere Jahre entstanden sind, ohne gleichzeitig zu werten. Ihre Schilderungen lassen Platz für eigene Interpretationen und erfordern es, sich auf die Lebenssituation in Mumbai einzulassen.

     

    Besonders hervorzuheben ist der einfühlsame Umgang mit den Einwohnern Annawadis. Die aufgezeigten Misstände und Problemfelder des Landes werden nicht durch eine amerikanische Journalisten aufgezeigt, sondern durch die Gedanken, Gefühle und Handlungen der Akteure, die tagtäglich darum kämpfen ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen. Boo gelingt dadurch ein vielschichtiger Blick, der aufzeigt, wie schwierig sich Armut und Chancenungleichheit bekämpfen lassen. Die Ursachen sind vielfältig: ein korruptes Polizei- und Justizsystem, Behörden und Organisationen, die sich am Elend der armen Bevölkerung bereichern wollen und die Slumbewohner selbst. Anstatt untereinander solidarisch zu leben, verstricken sie sich in Kleinkriege und streiten sich um das letzte bisschen Würde und Besitz, was ihnen noch bleibt. Boo vermag es, diese Schwierigkeiten aufzunehmen und sie subtil durch das Leben in Annawandi zum Ausdruck zu bringen. 

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