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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:29

    Beise / Jakobs: Die Zukunft der Arbeit

    13.07.2012

    Immer weniger Arbeit für alle

    Aus Zeitungsartikeln zum Thema Arbeit wurde für die Süddeutsche Zeitung Edition der 336 Seiten dicke Sammelband Die Zukunft der Arbeit zusammengestellt. Die Frage nach der Zukunft der Arbeit braucht neue Antworten, weil sich Deutschland von der Industrie- zur Postindustriegesellschaft wandelt, weil das Normalarbeitsverhältnis zur Ausnahme wird und die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verwischt. Von BASTIAN BUCHTALECK

     

    »Früher waren wir bescheidener« ist die entschiedene Aussage. Einfach bescheidener. Natürlich – früher hatte man weniger und musste schon deswegen bescheidener sein. Wenn es also nur das wäre, wäre der Satz überflüssig. Aber er will etwas anderes sagen: Heute sind wir ganz und gar nicht mehr bescheiden. Im Gegenteil: Heute erarbeitet jeder »das Zehnfache dessen, was seine Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts geschafft haben«. Dieser Produktivitätszuwachs führt zu steigendem Wohlstand und wenn man sich den Wohlstand hart erarbeitet hat, warum soll man ihn nicht genießen?

     

    Das Problem ist, der Produktivitätszuwachs bringt nicht nur Wohlstand, er kostet auch Arbeitsplätze. Immer weniger Arbeit für alle. Die Frage nach der Zukunft der Arbeit braucht dringend neue Antworten. Aber der Sammelband liefert weder Antworten, noch ist er besonders reich an neuen Ideen. 

     

    Viele gute Zeitungsartikel - aber kein gutes Buch

    Für sich genommen sind die Zeitungsartikel so gut geschrieben, wie man es von Journalisten der Süddeutschen Zeitung erwarten darf. Die Texte haben einen interessanten Einstieg, sind fundiert recherchiert und trotzdem gut zu lesen. Natürlich haben die meisten drei bis fünf Seiten langen Texte ein Ende mit Pointe. Aber genau darum liest sich die Textsammlung umständlich. In immer neuen Artikeln folgen immer neue Aspekte, ein Lesefluss kann nicht entstehen. Zumal der Sammelband keinen geordneten Aufbau erkennen lässt und einige der Artikel sich in Randthemen wie der Notwendigkeit von mehr Praxisnähe an schwedischen Gymnasien oder der Arbeitssituation von Internet-Start-Ups verlieren.

     

    Dabei versammelt das Buch eine Bestandsaufnahme dessen, was ist: Der Arbeitsplatz bestimmt nicht nur die Höhe des Einkommens, sondern auch das Sozialprestige. Ein Lohnzuwachs bringt ab 20.000 Dollar Jahreseinkommen für das individuelle Glücksempfinden keinen Zuwachs. Wer eine hohe Qualifikation aufweisen kann, über soziale Kompetenzen verfügt und gut vernetzt ist, wird viel Geld verdienen. So funktioniert das heute. Dass man sich selbst zudem vorteilhaft darstellen können sollte, widerspricht dem ein wenig – hilft trotzdem.

     

    Die spannenden Fragen bleiben offen

    Vieles davon hat man an anderer Stelle schon gelesen. Wie auch soll es anders sein, wenn jeder Journalist für seinen Artikel von vorne beginnt? Leider bleiben die wirklich spannenden Fragen zur Zukunft der Arbeit offen. Sollten durch den Wegfall der klassischen Erwerbsarbeit bei gleichzeitig steigendem Wohlstand nicht eigentlich paradiesische Zustände herrschen? Sind Leiharbeiter und Niedriglöhner heute wirklich viel besser gestellt als Sklaven früher? Und die wichtigste Frage: Was macht Arbeit für den Menschen so wertvoll, wenn er eigentlich nicht mehr so viel arbeiten muss? Man arbeitet für Geld, um sich Dinge zu kaufen, die man nur vermeintlich braucht oder die hohes Sozialprestige versprechen. Man arbeitet auch für den Wunsch gebraucht zu werden. Aber all diese Punkte erklären nicht, was die Arbeit für den Menschen so wertvoll macht. Ist es einfach der Mangel? Es gibt weniger Arbeit und jeder will etwas davon?

     

    Insgesamt ist die Artikelsammlung gut gemeint, aber schlecht umgesetzt. Es gelingt nicht, die Vielzahl der Stimmen zu einem Ruf zu vereinen. Insofern ist der Titel des Buchs irreführend und deutlich zu hoch gegriffen. Darüber hinaus steht sich das Buch als physisches Medium ärgerlicherweise selbst im Weg. Die kleingedruckten Texte auf dem glänzenden Papier sind ein echtes Ärgernis. Ob im Freien, am Fenster oder unter der Leselampe, ständig muss, um Reflexionen auf dem Papier zu vermeiden, das nicht leichte Buch gedreht werden.

     

    Letztlich bleiben die Worte des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel haften: »Etwa die Hälfte unserer derzeitigen Produktivität beruht auf dem Einsatz fossiler Energieträger wie Kohle und Öl.« Nach Produktivitätszuwachs und gestiegenem Wohlstand ist mit den teurer werdenden fossilen Rohstoffen für die Zukunft eines zu erwarten: eine neue Bescheidenheit.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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