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    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:26

    Terry Eagleton: Warum Marx recht hat

    22.06.2012

    Total vermarxt

    Mit der eigensinnigen Penetranz eines studierten Besserwissers belehrt uns Terry Eagleton in Warum Marx recht hat über die realen Verhältnisse unserer Welt. Was er immer schon zum Thema Marx und Kommunismus zu sagen hatte, stellt er nun dem geneigten Leser vor. Warum eigentlich? Fragt sich VIOLA STOCKER.

     

    Man darf erfahren, dass Terry Eagleton, seines Zeichens Professor für Englische Literatur an der University of Manchester, katholischer Marxist ist und seit längerem über menschliche Grundfragen wie den Sinn des Lebens (2008) oder Das Böse (2011) sinniert. Nun also folgt die Einsicht, dass Marx recht hatte. Aber warum nur?

     

    In zehn Kapiteln, denen er fingierte Behauptungen von Antimarxisten (denn es sind weder direkte, noch indirekte Zitate) voranstellt, versucht Eagleton, die gängigsten Vorurteile gegen den Marxismus zu analysieren und dann zu widerlegen. Als Literaturwissenschaftler gelingt ihm dies eher mit erwarteter sprachlicher Eleganz denn mit politischem Scharfsinn.

     

    Rasanter Einstieg

    Terry Eagleton knöpft sich zuerst all jene vor, die behaupten, dass der Marxismus außerhalb der Zeit der Hochöfen und Industrialisierung keine Daseinsberechtigung hätte. Das ist ein theoretischer Rundumschlag radikaler Natur, doch Eagletons Argumentation ist sehr verführerisch. Marxismus, als Kapitalismuskritik verstanden, müsse zwangsläufig als Rufer in der Wüste zeitgleich mit dem Kapitalismus auftreten. Tatsächlich muss man sich selbst eingestehen, dass allein die Tatsache, dass die Hochöfen in unseren postindustriellen Staaten schwinden, nicht bedeutet, dass es sie nicht mehr gibt. Was sich früher in einzelnen Nationen als Konflikt zwischen Wohlhabenden und Unterdrückten abspielte, hat sich möglicherweise bloß auf andere Ebenen, nämlich internationale, verlagert. Das Nord-Süd-Gefälle als Nachfolger alter Klassenantagonismen? Nicht abwegig und kreativ gedacht. Auch die Kapitalismuskritik hätte sich damit verlagert und global gesehen haben wir als die Besitzenden am aktuellen System wohl kaum etwas auszusetzen.

     

    Schwieriger wird es schon, wenn Eagleton als Literaturwissenschaftler sich auf das Gebiet eines – katholisch-marxistischen – Wirtschaftsreformers wagt. Er kritisiert eine dogmatisierte Freie Marktwirtschaft, bei der Getreidepreise mehr Einfluss haben als Hungersnöte und versucht – aus selbstverständlich kritischer Distanz – die Vorzüge sozialistischer Systeme darzustellen. Dazu zählt er neben gedeckelten Wohnraum- und Benzinpreisen garantierte Vollbeschäftigung, hohe staatliche Sozialleistungen und materiellen Wohlstand. An der DDR gefiel ihm das Kinderbetreuungssystem, welches er eines der besten der Welt nennt.

     

    Dies ist spätestens der Zeitpunkt, an dem deutsche Sozialwissenschaftler die Luft anhalten würden. Ganz abgesehen davon, dass das pädagogische Konzept der staatlichen Kindererziehung in den sozialistischen Ländern ein äußerst fragwürdiges war und der materielle Wohlstand auch nur innerhalb der sozialistischen Staaten einigermaßen vergleichbar – wieso vergisst Eagleton die Pressezensur, die Gulags, die IMs, die Stasi, den KGB? 

     

    Alles ein großes Missverständnis

    Über die Missetaten sozialistischer Staaten und ihrer Vordenker wie Lenin, Trotzki, Stalin, Mao und Fidel Castro verliert Eagleton nur ein verlegenes Hüsteln und verweist trotzig auf die Schandtaten kapitalistischer Staaten, zu denen er auch das faschistische Dritte Reich zählt. Seiner Meinung nach wurde Marx nur gründlich missverstanden. Tatsächlich, liest man Marx eingehender, ist die Lektüre sehr viel widersprüchlicher, als man glauben könnte. Marx hat gedanklich Geniales geleistet. Nicht nur, dass er marktwirtschaftliche Begriffe erstmals grundlegend definiert und kritisiert hatte, er erkannte auch viele soziale Zusammenhänge. Der Mensch braucht Arbeit, um sich kreativ auszudrücken, aber keine Ausbeutung. Er verlangt als Individuum nach politischer Teilhabe und wird sie ihm unbegründet verweigert, bleibt ihm sein Naturrecht, gegen das bestehende System zu revoltieren. Im Übrigen schloss Marx blutige Revolten keineswegs aus, wie Eagleton es ihm so gerne andichten möchte. Marx war nach dem Scheitern der englischen und französischen friedlichen Revolten genervt genug gewesen, eine gewalttätige Revolution mit anschließender Diktatur zu fordern.

     

    Die Versuche Eagletons, Marx als großen Pazifisten und Friedensstifter mit messianischer Bedeutung zu zeichnen, hinterlassen den bitteren Nachgeschmack eines billigen Betrugs. Gewiss, Terry Eagleton hat recht, wenn er darum bittet, in Marx doch auch das Kind seiner Zeit zu sehen, vor allem, wenn ihm Rassismus und Sexismus vorgeworfen werden. Tatsächlich könnte man solche Vorwürfe höchstwahrscheinlich jedem Vertreter des 19. Jahrhunderts machen. Auch die Ansätze, Marxismus und Postmoderne zu verbinden und marxistische Gesichtspunkte in der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion zu finden, sind nicht falsch. Wenn Eagleton dann versucht, den Klassenbegriff zu reformieren und zu erhalten, will man ihm am liebsten soziologische Standardwerke vorlegen, die all das längst erkannt haben. Natürlich gibt es immer noch etwas Ähnliches wie Klassen, soziale Mobilität ist längst nicht so selbstverständlich, wie wir uns das oft selbst glauben machen. Hier ist der Gedankengang Eagletons fast veraltet, spätestens nach den PISA- und OECD-Studien behauptet niemand mehr, alle Kinder hätten gleiche Chancen.

     

    Warum Eagleton nicht recht hat

    Darum hat Terry Eagleton mit der Behauptung Warum Marx recht hat nicht recht. Sein eloquentes Opus, mit zu vielen gehässigen Anspielungen auf die britische Oberschicht gespickt, lädt zwar zu entspanntem und vorurteilsfreiem Umgang mit Marx' Werk ein, aber es kehrt die grundlegenden Denkfehler der Marxisten und ihre entsprechenden politischen Fehlentscheidungen schlichtweg unter den Teppich. Man kann aber Marx nicht lesen, ohne im Kopf zu haben, zu welch monströsen Ausbildungen seine Gedanken bei anderen führten. Selbst wenn er diese nie gebilligt hätte, ist es doch für uns als geschichtliche Wesen eine unserer Pflichten, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dazu gehört nicht nur, das Marx'sche Werk zu entstauben, zu aktualisieren und wieder anzuwenden. Dazu gehört auch, die Missetaten, die in seinem Namen begangen wurden, als solche anzuprangern – und nicht als Kavaliersdelikte zu verharmlosen.

     

    Insofern bleibt Eagletons Buch grundlegend unvollständig. Es ist eher ein unterhaltsamer Versuch eines eingefleischten Salonkommunisten, sich in aktuelle politische Diskussionen einzumischen als eine profunde Aufarbeitung des Marx'schen Werks. 

     

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