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Glenn L. Carle: Interrogator

01.06.2012

Einer gegen die Gruppendynamik oder Kafka lebt

MANFRED WIENINGER taucht mit Interrogator. In den Verhörkellern der CIA von Glenn L. Carle in eine kafkaeske Welt ein.

 

Carle schildert die Central Intelligence Agency, Amerikas mächtigsten Geheimdienst, als eine zutiefst bürokratische und zugleich kafkaeske Organisation, die weitgehend unfähig scheint, aus analytischen Schnitzern und operativen Fehlern zu lernen; und zwar schildert er eine von der Politik zu Härte und Aggression gedrängte CIA in den ersten, vielleicht intensivsten Phasen des ›Terrorkrieges‹ gegen al-Quaida. Die Agency erhält mit einem Schlag immer mehr Personal und Ressourcen und sieht sich schon von daher zu fieberhaft vermehrten Operationen veranlasst. Vor allem die Politik ist der Meinung, dass »mehr besser ist«. Dagegen setzt Carle die Einsicht, dass nur » ›besser‹ besser ist«.

 

Der Held des Buches ist der Autor selbst, der als erfahrener CIA-Agent die Aufgabe übertragen bekommt, einen Mann zu verhören, den die Agency für ein hochrangiges al-Quaida-Mitglied, für den Bankier der Terrororganisation hält und deshalb auf offener Straße entführen lässt, um ihn anschließend in diversen ›Stationen‹ außerhalb der USA festzuhalten und zu befragen. Im Laufe des Buches erweist sich der Gefangene mit dem sprechenden Decknamen CAPTUS für den verantwortlichen Verhöroffizier, für den Interrogator Glenn R. Carle, aber als völlig unschuldig.

 

Moralisches Traktat eines amerikanischen Intellektuellen

Man hat einfach den falschen Mann erwischt. Die höheren Ebenen der Agency sind aber letztlich unfähig, den kapitalen Fehler einzugestehen und zu korrigieren, in dem man den Unschuldigen einfach laufen lässt. Stattdessen verschärfen sie den Druck auf den Gefangenen, was bis hin zu verschiedenen Formen der Folter geht. Für den Interrogator entsteht ein moralisches Dilemma, dem er schließlich nur mehr dadurch entgehen kann, dass er den Dienst verlässt und dieses Buch schreibt.

 

Übrigens, um nicht Landesverrat zu begehen und selber im Gefängnis zu landen, musste Glenn L. Carle sein Buch der CIA zur Zensur vorlegen. Circa sieben, acht Prozent des Textes sind daher geschwärzt. Aber auch das macht den Reiz eines spannenden und bitteren Buches aus, das unbedingt zu empfehlen ist. Wer allerdings beim Thema Geheimdienstpraktiken noch allerlei romantische Flausen à la 007 – James Bond im Kopf hat, ist mit Carles Buch, das man durchaus auch als moralischen Traktat eines amerikanischen Intellektuellen lesen kann, vielleicht nicht so gut bedient.

 

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