Denkanstöße
Das Buch will nicht als der soundsovielte politische Plan zur Lösung des Palästina-Konfliktes verstanden werden. Im Gegenteil plädiert der Autor auch in Zukunft für ergebnisoffene Verhandlungen, um nicht durch vorzeitige konkrete Festlegungen Erfolgschancen, sprich Chancen zur Annäherung der Menschen beider Seiten, zu verschütten. Politik, schreibt Nusseibeh, sei keine Mathematik mit berechenbaren Ergebnissen. Also kein fester politischer Plan, keine neue Road Map, sondern ein »Denkexperiment«, neben dem Modell Annexion plus garantierte Bürgerrechte auch das Modell Bürgerrechte plus Aufwertung der Autonomieregierung für eine künftige föderative Lösung – variable Elemente provisorischer, aber wirksamer Abhilfen statt idealer, aber utopischer End-Lösungen.
Eine eingehende Diskussion darüber muss sicher zuerst der palästinensischen Öffentlichkeit vorbehalten bleiben. Mögliche kritische Einwendungen möchte ich also höchstens als vorsichtige Fragen formulieren. Etwa, geht es der politisch-militärischen Führung Israels heute wirklich noch um »einen Platz unter den nahöstlichen Völkern« (S.158) und nicht vielmehr längst um Dominanz? Wann sind durchschnittliche Israelis reif für eine freie Ansiedlung von Palästinensern überall in ihrer historischen Heimat (als Teil der Bürgerrechte)? Und schließlich, würde der Westen, wie im Annexionsmodell vorgesehen, die Bürgerrechte der Palästinenser in Zukunft aktiv schützen, was er seit Jahrzehnten versäumt?
Das Bestehen auf dem Prozesscharakter jeder Friedenslösung, die beachtliche innovative Qualität von Nusseibehs Thesen und allgemein das hohe theoretische Niveau machen das Buch zu keiner ganz unkomplizierten Lektüre. Wer sich aber darauf einlässt, wird ein faszinierendes und authentisches Zeugnis des gegenwärtigen philosophisch-politischen Denkens der Palästinenser kennen lernen.