• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:42

    Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft

    20.04.2012

    Schleichende totalitäre Herrschaft

    Die politische Forderung nach Transparenz ist das Trojanische Pferd, mit dessen Hilfe sich totalitäre Strukturen subversiv in der demokratischen Gesellschaft etablieren. Byung-Chul Han gibt in Transparenzgesellschaft eine pointierte Übersicht der gegenwärtig erkennbaren Zustände: Er beschreibt u.a. die Positiv-, die Ausstellungs-, die Porno-, die Beschleunigungs- und die Informationsgesellschaft als spezifische Ausprägungen. Von WOLF SENFF

     

    Räume des Heiligen und Räume des Begehrens seien in einer Transparenzgesellschaft nicht möglich, ebenso wenig Räume der Macht, denn die Transparenzgesellschaft verlange symmetrische Beziehungen, verlange – wie es so schön heißt – gleiche Augenhöhe. Folgerichtig auch, dass es den noch von Friedrich Nietzsche verteidigten Schein, die Maske, das Geheimnis, das Rätsel, die List, das Spiel nicht länger geben könne. Transparenzgesellschaft verlange eine planierte Oberfläche, komplett ausgeleuchtet. Ironie und doppelter Boden, zwischen den Zeilen zu entdeckender Sinn – tut uns leid, das alles war gestern.

     

    Byung-Chul Han erinnert an Heinrich von Kleists Marionettentheater (1810), in dem der Jüngling, eben als er vor dem Spiegel steht und seine Bewegungen eigens zur Schau stellt, seine natürliche Anmut verliert. Der Charakter des Ausstellens, des Sich-zur-Schau-Stellens entstelle die ursprüngliche Schönheit und entwerte ihr Auftreten zu einem bloß noch pornographischen Akt.

     

    Zentrales Charakteristikum der Transparenzgesellschaft sei Beschleunigung. Beschleunigung sei jedoch nur im Rechner möglich, im Prozessor, nicht aber in narrativen Prozessen, die anders als der Prozessor keine bloße Addition seien, sondern ihre je eigene Choreographie besäßen.

     

    Gesellschaft des latenten Verdachts und des Argwohns

    Aufschlussreich ist Byung-Chul Hans Beispiel der Pilger- und Wallfahrten, die ebenfalls narrativ strukturiert seien, deshalb in jedem Abschnitt bedeutungsvoll, und mit deren Schluss eine Vollendung zelebriert werde. Daran gemessen lasse sich in der entritualisierten Welt der Transparenzgesellschaft statt von Schluss nur vom Abbruch reden, dessen Bedeutungslosigkeit schmerzhaft sei und verstörend. Ein Prozessor sei, so verstanden, zum Abschluss gar nicht fähig, er biete einen Durchgang, so schnell wie möglich zu durchlaufen, schwellenfrei, geglättet, eingeebnet.  Der narrative Verlauf hingegen sei selektiv, er ordne, er gewichte, er erinnere sich, er vergesse. Byung-Chul Han knüpft hier an entsprechende Ausführungen Paul Virilios an (Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, 2000).

     

    Jedoch gehe der narrative Charakter heutzutage verloren, die Zeit treibe richtungslos, das Gedächtnis von Individuum wie Gesellschaft werde mittlerweile von Informations- und Datenmüll überwuchert. Oder so:

     

    Unser Leben ist begrenzt,

    doch das Wissen ist grenzenlos.

    Gefährlich ist’s,

    dem Grenzenlosen nachzugehen

    mit dem, was Grenzen hat.

    (Zhuangzi, Schriften, Innere Kapitel 3, 1; 4. Jh. v. Chr.)

     

    Beträchtlichen Anteil an dieser Situation haben, so Byung-Chul Han, die sogenannten sozialen Medien, deren Teilnehmer »sich selbst zur Schau stellen und sich entblößen«. Ihr »Exhibitionismus und Voyeurismus speist die Netze«, und »jeder kontrolliert jeden«, letzten Endes entstehe »Gleichschaltung«. Während eine Gemeinschaft, die auf Vertrauen beruhe, nicht penetrant nach Transparenz verlange, sei die Transparenzgesellschaft der Gegenwart eine Gesellschaft des latenten Verdachts und des Argwohns, deren Teilnehmer, Täter und Opfer zugleich, sich gegenseitig ausleuchten und kontrollieren, und »Ausleuchtung ist Ausbeutung. Die Überbelichtung einer Person maximiert die ökonomische Effizienz«. Dieser Prozess sei global, keinen nationalen Grenzen unterworfen.  

     

    Provozierend, aber überzeugend ausgearbeitet

    Byung-Chul Han beschreibt die destruktive Dimension der Dinge. Sein grundsätzlicher Ansatz ist nicht neu. Hierzulande ordnet er sich in die Tradition Herbert Marcuses (Der eindimensionale Mensch, 1964), dessen Doktorvater Martin Heidegger war. Provozierend, aber überzeugend ausgearbeitet ist der Versuch, die Forderung nach Transparenz in die Dimension der Destruktivität einzuordnen. Nicht minder überzeugend ist der kompromisslose Angriff auf die sogenannten sozialen Medien des Internet. Ob er so viel Staub aufwirbelt, dass die Nasen vor den Benutzeroberflächen einen Grund haben, sich an die frische Luft zu begeben?

     

    Byung-Chul Han versteht die Gegenwart als den Schauplatz einer umfassenden Mobilisierung, deutlicher vielleicht: Aufrüstung. Technik, ursprünglich ein Instrument des Umgangs mit Natur, deshalb auf den ersten Blick so scheinbar wertfrei und neutral, habe sich längst von den moralischen Übereinkünften und Verbindlichkeiten der Gesellschaft gelöst, unversehens breiteten sich totalitäre Strukturen aus. Der Mensch finde sich ohnmächtig in dieses »Gestell« (Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik, 1954) mitsamt den Dingen als Rohmaterial eingeschlossen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter