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Ariëns / König / Sicking: Glaubensfragen in Europa

10.02.2012

Faktor des Politischen

Die Beiträge im Sammelband Glaubensfragen in Europa. Religion und Politik im Konflikt von Elke Ariëns, Helmut König und Manfred Sicking beleuchten zahlreiche Aspekte der Chancen und Schwierigkeiten des öffentlichen Glaubensvollzugs in Europa. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Islam. Von JOSEF BORDAT

 

Religion galt in Europa seit Jahrzehnten als »ausgestorben«, zumindest, soweit es um eine Religiosität geht, die mehr ist als eine Praxis der Freizeitgestaltung. Und soweit diese These im Rahmen soziologischer Forschungsarbeiten formuliert wurde. Zu dominant war die Säkularisierungsthese, die von einem Bedeutungsverlust der Religion seit der Aufklärung ausging. Dass dieser Dominanz eine gehörige Portion »Ignoranz« (Friedrich Wilhelm Graf) innewohnte, wissen wir heute. Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass Religion zunehmend zum Aspekt des öffentlichen Lebens, zur Angelegenheit der Polis wird. Der Streit um Kreuze und Kopftücher ist erst der Anfang. Dabei war sie, die Religion, nie »weg«, sondern ist nur aus dem Horizont der Gesellschaftswissenschaft geraten, sodass die Rede von der »Rückkehr« der Religion den Sachverhalt insoweit falsch wiedergibt. Es ist vielmehr eine »Rückkehr« in die Aufmerksamkeit der Forscher und Feuilletonisten.

 

Dem Sammelband liegt demnach die These zugrunde, dass die Bedeutung der Religion für die Politik in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist. Es geht dabei immer auch um die Frage, was eigentlich »neu« ist an der »neuen« Bedeutung von Religion. Die gesellschaftliche Realität gibt die Sachthemen vor (Pluralität der Religionen, Erstarkung des Islam, Rechtsstreit um religiöse Symbole und Handlungen), dazu gibt es einen Blick in die USA und auf die diskurstheoretischen und philosophischen Grundlagen des Konflikts, um Wege zu einer Lösung zu ebnen. Deutlich wird dabei, dass sowohl die Tiefe als auch die Breite des (störenden?) Einflusses der Religion auf die Politik in Europa zunimmt, dem man mit mehr rechtlicher Abgrenzung der Sphären begegnet. Das Beispiel USA zeigt jedoch, dass auch eine fortschreitende formale Trennung von Kirchen / Religionsgemeinschaften und Staat / Politik die Religion nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen kann. Im Gegenteil.

 

Islam und Islamismus

Dass diese (also »die Religion«) differenzierter zu betrachten ist und sich bei genauer Analyse in Kirche, Gemeinschaft, Ritus, Glaube und Spiritualität auffächern lässt, dass mithin die Grundtendenz der Säkularisierung in der Moderne viel eher in einer Individualisierung der Glaubenspraxis besteht als in einer Abkehr von »der Religion«, das stellt eingangs Detlef Pollack klar, der zudem hochinteressantes empirisches Material zu »Religion in Osteuropa« aufbietet, das einen Zuwachs an Glauben (die Aussage »Ich glaube an Gott.« wird zunehmend bejaht) bei gleichzeitigem Rückgang an kirchlicher Bindung zeigt (der Anteil derer mit »Mitgliedschaft in der Kirche« bzw. »Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft« sinkt). Dass die Mitgliedschaft in der Kirche und der Glaube an die Lehre der Kirche nicht mehr allzu eng miteinander verbunden sind, ist also das eigentlich Neue. Doch das tritt nicht erst in den letzten 20 Jahren hervor: Ganz grundsätzlich beschreibt es das Thema »Religion in Europa« für die letzten 200 Jahre, also den Säkularisierungsprozess.

  

Ein weiteres Phänomen ist die neue Vielfalt der Religionen im Zuge verstärkter Migration (Dietrich Thränhardt), was durchaus eine neue Form des öffentlich sichtbaren Glaubens nach sich ziehen könne und solle (Claus Leggewie über Moschee-Neubauten; Kirsten Wiese über das »Minderheitenrecht« auf Kopftuch und Burka). Ohnehin ist der Islam, dem höchstens 8 Prozent der Europäer angehören, öfter Thema als das Christentum, dem etwa 75 Prozent angehören. So zeigt Gudrun Krämer die Vereinbarkeit von Islam und Moderne; Wolfgang Günter Lech ist da eher skeptisch. Er sieht vor allem fundamentalistische Strömungen (Islamismus). Burkhard Biella geht der Frage des Verhältnisses von Religion und Politik mit Schleiermacher nach, der dazu eine Art Kontrastprogramm anbietet: die Suche nach dem »gemeinsamen Nenner« der Religionen in einer »antifundamentalistischen« Religiosität.

 

Religiös versus säkular?

Einen wertvollen diskurstheoretischen Beitrag leistet Julien Winter, der fragt, inwieweit die Unterscheidung von »religiös« und »säkular« für Argumentationsfiguren in öffentlichen Debatten überhaupt sinnvoll ist. Der Autor hält u.a. mit Habermas die unterstellte »Dichotomie« für unbegründet und »irreführend«. In der Tat lässt sich beobachten, in welche Irre das führt: Wer aus dem Glauben heraus vernünftig spricht, sieht sich viel stärker der Forderung nach ergänzender Rechtfertigung ausgesetzt als derjenige, der seine Stellungnahme einleitet mit »Als Atheist bin ich der Ansicht, dass …« Wer keinen Glauben vertritt, braucht oft keine Argumente, um überzeugend zu wirken, wer hingegen einen Glauben vertritt, dem helfen sie oft nicht. Zu sehr sind Rationalität und Religiosität unter der Deutungshoheit säkularistischer Meinungs- und Stimmungsmacher in Wissenschaft, Kultur und Medien in den letzten Jahrzehnten auseinandergetrieben worden – die besten ideengeschichtlichen Traditionen Europas ignorierend, die weder gottlos noch kirchenfern waren und sind. Wer sich daran erinnert, wird, gewissermaßen als Bonbon, im Wechselverhältnis von Religion und Politik nicht nur das Potential für Konflikte, sondern auch für Integration, Verständigung und Frieden erkennen.

 

Der Sammelband Glaubensfragen in Europa. Religion und Politik im Konflikt leistet insoweit einen vielschichtigen, aspektenreichen und wichtigen Beitrag zu den laufenden und kommenden Debatten rund um die Gretchenfrage, die mehr und mehr zum Politikum wird.

 

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