• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:20

     

    Eine Hommage an Walter Kempowski

    26.04.2004


    Zäh, heiter und weise

    Walter Kempowski wird 75, und der schmächtige, inzwischen meist sehr ernst blickende Mann kann wahrhaft auf ein „Werk“ weisen, an dem er übrigens mit wunderbarer Zähigkeit weiterarbeitet.

     

    Schon ist sein Werk Thema germanistischer Kongresse – einer fand eben in den USA statt, einer steigt Mitte Mai in Deutschland –, außerdem erschien eben die erste ihm gewidmete Biographie, und es versteht sich, dass es sich seine Heimatstadt Rostock nicht nehmen lässt, ihn am 29. April gebührend zu feiern. Walter Kempowski wird 75, und der schmächtige, inzwischen meist sehr ernst blickende Mann kann wahrhaft auf ein „Werk“ weisen, an dem er übrigens mit wunderbarer Zähigkeit weiterarbeitet; es ist geradezu erheiternd, wie viele fertige Manuskripte und welche ausgreifenden Projekte er aufzählt, wenn man ihn nach seinen nächsten Vorhaben fragt.

    Geschichtscollageur größten Stils


    In seinem Haus in Nartum im ländlichsten, flachsten Niedersachsen, einem köstlichen Gemisch aus futuristischer Architektur, Archivbau mit musealen Zügen und einem wärmenden Schuss Wohlbehagen und Gemütlichkeit sitzt er und bedenkt nicht mehr nur die Chronik seiner Familie als Zentralstück einer Chronik Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern greift schon als Geschichtscollageur größten Stils ins 19. Jahrhundert zurück und hofft, im 21. Jahrhundert zu landen, ein Meister der Kleinteiligkeit und zugleich inzwischen ein wenig ein nachdenklicher Weiser, der sich von vielen Dekaden Rechenschaft geben kann und dies auch für eine deutsche Leserschaft zu tun als einen ernsten Auftrag empfindet.
    Zu zwei Dingen möchte man Walter Kempowski besonders beglückwünschen: erst einmal natürlich dazu, dass er die acht Jahre im Zuchthaus Bautzen, die er wegen einer so edlen wie jugendlich-unbedachten Tat abzusitzen hatte, jedenfalls so überstanden hat, dass diese Jahre einer der intensivsten Antriebe für seine schriftstellerische Arbeit werden konnten. Und zweitens muss es den, der sein Werk zwischen dem (publizierten) Erstling „Im Block“ von 1969 bis zu seinem vorläufig letzten Roman „Letzte Grüße“ von 2003 überblickt und die Konsequenz und die Verwerfungen dieses Werks kennt, außerordentlich freuen, dass Kempowski aus dem Schatten seines Erfolgsschriftstellertums herausgetreten ist und sich auch im lesenden Publikum herumspricht, dass er nicht mehr einfach als Autor oder Mitautor von „Tadellöser & Wolff und „Uns geht’s ja noch gold“, nämlich der Fernsehfilme von Eberhard Fechner – so erfolgreich und „gekonnt“ sie auch gewesen sein mögen – gelten darf. Die steigerten zwar sicher seine Bekanntheit und auch die Auflagenhöhen, aber schon die anderen Bände der Zusammenstellung „Deutsche Chronik“, nämlich „Aus großer Zeit“ (womit Kempowski erzählerisch das Jahrhundert, sein Jahrhundert eröffnete) bis zum Heimischwerden in der alten Bundesrepublik, gestaltet in „Herzlich willkommen“, erwiesen ihn vielmehr als einen unauffällig raffinierten Erzähler, einen hintersinnigen und oft auch unbestechlich boshaften Erfinder von höchst doppelbödigen Stories.
    Er hebt zwar kaum die Stimme – erzählerische Temperamentsausbrüche sind bei ihm selten – , aber genau diese Ebenmäßigkeit und Gezügeltheit des Erzähltons ist bei Kempowski das wahrhaft Unheimliche. Er wurde lange als eine Art Redensarten-Witzbold, als Überlieferer von Familien-Sprüchen verstanden und goutiert, aber nach und nach ergeht es ihm wie Ernst Jandl, der auch lang unter „Sprachclownerien“ lief und erst spät als der aggressive und unbarmherzige Melancholiker wahrgenommen wurde, der er war, und der Kempowski eben auch ist.

    Echolot - Gigantisches Mosaik aus Zitaten

    Seit den späten sechziger Jahren arbeitet er nun vor allem an zwei Projekten, an einem ganz – wenn man so will: – politisch-historischen, “öffentlichen“, und an einem ganz privaten. Aus der Frage der Darstellbarkeit des Zweiten Weltkrieges – lassen sich El Alamein und Stalingrad, der Anfang des Vernichtungskrieges gegen die UdSSR und die deutsche Niederlage von April/Mai 1945, etwa noch in Romanform ‚bewältigen’, ‚schildern’, ‚darstellen’? – zog er eine kühne Konsequenz: Er schreibt in den zehn Bänden von „Das Echolot“ keine Zeile selbst, sondern stellt ein Monument, ein gigantisches Mosaik aus Zitaten zusammen, aus privaten und öffentlichen Quellen, aus Briefen und Goebbelstagebucheintragungen, aus Gedichten und Schlagern, aus Filmprogrammen und Lageanalysen, und er zielt damit auf eine Totalität oder doch auf eine extreme Vielfalt von „Stimmen“, von Hellsichtigkeit und Blindheit, aus Verzweiflung und Selbstmitleid, aus Hybris und Demut, dass dagegen der erzählerische Faden eines einzelnen Schicksals armselig wirkt, die Darstellungen aus der ‚souveränen’ Übersicht der Historiker aber kalt-verfügend und unkonkret.
    Kempowski deutet nicht, aber Kempowski verfügt auch nicht und er bevormundet seine „Stimmen“ auch nicht, vielmehr: Erst er gab Unzähligen Stimme, jedem einzelnen, auch wenn sie als Unzählige starben zwischen dem Sommer 1941, als mit dem Band „Barbarossa ’41“ und dem Stimmengeflecht zum Überfall auf Russland das „Echolot“ einsetzt, über die Bände zu Stalingrad und zur Offensive im Januar 1945. Das große Memorial wird im Frühjahr 2005 mit dem 10. Band enden, der Zeugnisse aus den letzten Kriegstagen versammelt. Kempowski hält sich absolut im Hintergrund: Warum authentisches Sprechen erfinden oder nachahmen, wenn so viel „authentisches“ Sprechen schon in Dokumenten aller Art vorliegt? Dieser letzte Band des „Kollektiven Tagebuchs“ – so der Untertitel des „Echolot“ – wird sicher ein bedeutendes literarisches Ereignis am 60. Jahrestag des Kriegsendes werden.

    Tagebücher voller Skurrilität und Frechheit

    Neben diesem sich als Person gewissermaßen verleugnenden Schriftsteller Kempowski steht nun seit einem Dutzend Jahren der ‚private’ Autor, für den man eigentlich im Moment wohl am meisten werben muss, nämlich der Tagebuchautor Walter Kempowski. 1990 veröffentlichte er „Sirius“, sein Tagebuch des Jahres 1983, und 2001 „Alkor“, sein Tagebuch des Jahres 1989, und da gibt er nun dem Affen seiner Skurrilität und Frechheit, aber auch seiner Melancholie und seines Leidens an der Welt Zucker, einen verstörenden und bizarren Zucker – er schreibt Tagebuch, wie ein Hase Haken schlägt, und man hat lustvolle Mühe, da mitzukommen.
    Vielleicht sollte man übrigens nicht sagen, er schreibe Tagebuch, denn wer sagt, dass ein Tagebuch – ein veröffentlichtes! – absolut authentisch sein müsse? „Tagebuch“ ist eine literarische Gattung, also komponiert Walter Kempowski Tagebuch, und darin mag viel Fiktion sein, wie ja auch die Sippe Kempowski in der „Deutschen Chronik“ keineswegs eine 1 : 1 – Abbildung der realen Familie Kempowski aus Rostock ist. Im nächsten Jahr aber steht uns der nächste Band von Kempowskis Tagebüchern ins Haus, das – mehr oder weniger angeblich, im Kern aber ‚wirkliche’ – Tagebuch des Jahres 1990, und wie Walter Kempowskis letzter Roman „Letzte Grüße“ nicht sein letzter gewesen sein wird, so harren noch weitere Projekte – ja, eben nicht nur der Literaturwissenschaftler, sondern der zahlreichen Leser, die Walter Kempowski sicher haben wird.

    Jörg Drews


    Walter Kempowski: Im Block. Neuausgabe. Random House/ Albrecht Knaus. München 2004. 320 Seiten, 22 Euro.
    Dirk Hempel: Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biographie. München: Random House 2004. 302 Seiten, 9.50 Euro. (Reihe btb 73203).

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter