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    TITEL kulturmagazin
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    Manfred Scholl: Innere Asymmetrie

    06.10.2011

    Der Schönheitsfehler als Normalfall

    Der Besuch der Ausstellung Innere Asymmetrie von Manfred Scholl im Burghauser Liebenweinturm ist ein Ausflug. Ein Ausflug in eine unbekannte und doch vertraut scheinende Welt. Ein Ausflug mit Wirkung – findet Jörg ESCHENFELDER

     

    Die Ausstellung lebt von dem Spannungsfeld von Symmetrie und Asymmetrie, Harmonie und Disharmonie, Perfektion und Fehlerhaftigkeit – und der Frage, was uns wirklich berührt und menschlich macht. Ist es die Perfektion oder sind es gerade die Makel, die Asymmetrien, die störenden Details?

     

    Scholls Ausstellung umfasst eigentlich drei Bereiche: seine offensichtlichen, politisch motivierten Installationen Gewalt und Zerstörung (im Keller) und Ceuta (im zweiten Stock), seine subtilen, außerirdisch wirkenden Figuren und seine weiteren Keramikarbeiten: Figuren, Schalen, Büsten, Kokons und Dosen.

     

    Der Tittmoninger Künstler Manfred Scholl ist Keramikmeister. Die Drehscheibe und der Brennofen sind seine Werkzeuge. Der Ton sein Material. Das perfekte, symmetrische Ergebnis ist das Ziel seiner Arbeit. Der Versuch, die perfekte, symmetrische Form zu erreichen. Doch schon in der täglichen Arbeit merkt er immer wieder, dass dies nur äußerst, äußerst selten gelingt. Im Gegenteil. Das Asymmetrische, der Schönheitsfehler ist der Normalfall, wie auch beim Menschen und seinen Beziehungen. Konflikte aller Art, Widersprüche aller Art stören immer wieder die Symmetrie, erzeugen Spannungen. Mit seinen Arbeiten verschafft Manfred Scholl diesem Zwiespalt, diesem Widerstreit einen künstlerischen Ausdruck – einen offensichtlichen in den Installationen, einen subtilen, aber umso eindrucksvolleren in seinen Figuren.

     

    Zusammen mit den Künstlerinnen Heidi Hien und Agelinde Scholl schuf Manfred Scholl im Keller des Liebenweintumres mit Gewalt und Zerstörung ein Mahnmal gegen Gewalt und Krieg. Auf den Fotografien von Agelinde Scholl sind jeweils zwei, heile Ziegelsteine zu sehen, die den Baustil von sieben, in Kriegen zerstörten Städten symbolisieren. Darunter auch Dresden, Magdeburg, Mailand, Karthago und Hiroschima.

    Vor den Bildern befinden sich auf kleinen Podesten diese Ziegelsteine nach dem Brennofen des Krieges: deformiert, verwunden, zerstört oder – im Falle von Hiroshima – gänzlich verschwunden, nur noch einen Schatten hinterlassend. In der Mitte des Raumes hängen als Zeichen der Hoffnung windleichte Banner mit Worten von Heidi Hien. Ein stilles und daher umso beeindruckenderes Mahnmal.

     

    Eine leise und äußerst beeindruckende Ausstellung

    Das zweite Highlight findet sich am Ende der Ausstellung – die Installation Ceuta. Jene Grenze zwischen Afrika und Europa, jene Mauer, die die Flüchtlinge aus Afrika immer wieder zu überwinden hoffen, um in das Licht der Freiheit und des Wohlstandes zu gelangen. Jene Mauer, die für viele aber nur mit dem Verderben endet. Manfred Scholl ist es eindrucksvoll gelungen, mit Stahlplatten und Scheinwerfern in einem Raum, den der Besucher nicht betreten darf, diesem Hoffen und Scheitern, dieser Ausweg- und Hoffnungslosigkeit einen stummen, aber beredten Ausdruck zu verleihen.

     

    Zwischen diesen beiden Installationen befinden sich die Keramikarbeiten, bei denen immer wieder die überlangen, schlanken Figuren mit den winzig kleinen Köpfen auf sich aufmerksam machen, zum Innehalten anregen und zum Fühlen einladen. Denn hier handelt es sich um Fantasiefiguren aus einer anderen Welt, aus der Empfindungswelt, die sich einer konkreten Interpretation entziehen. Figuren mit perfekten, runden Grundformen und -anlagen, deren Oberfläche aber immer wieder durch Unregelmäßigkeiten und verschiedene Materialien gebrochen ist. Figuren mit eigentümlichen Proportionen und sehr verhaltenen, leisen Farben. Figuren, die mit

    all ihren scheinbaren Fehlern, doch sehr menschlich und nah wirken.

     

    Manfred Scholls Ausstellung Innere Asymmetrie ist eine sehr ruhige, verhaltene, fast schon leise Ausstellung. Dennoch ist es – gerade auch durch ihre Ruhe und Zurückhaltung – eine äußerst beeindruckende Schau. Eine Ausstellung, die nur einen einzigen Makel hat: die räumliche Enge. Gerade den Figuren würde man mehr Platz und Raum zum Atmen und zum Wirken wünschen. Dennoch: Innere Asymmetrie ist eine absolut besuchenswerte Ausstellung im Burghausener Liebenweinturm.

     

     

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