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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:38

    "Gesichter der Renaissance" im Bode-Museum / "Hokusai-Retrospektive" im Martin-Gropius-Bau

    22.09.2011

    Vom Kunsthandel, einem Hermelin und dem Berg Fuji

    Auf dem Berliner Kunstherbst stellt der Kunsthandel Gegenwartskunst und vor allem sich selbst aus. Der Martin-Gropius-Bau und das Bode-Museum zeigen zeitgleich hochkarätige Klassiker. BJÖRN VEDDER hat der selbsterklärten Kunstmetropole Berlin einen Besuch abgestattet.

     

    Der Frühling ist zwar schön,

    doch wenn der Herbst nicht wär,

    wär zwar das Auge satt,

    der Magen aber leer.

     

    (Friedrich von Logau)

     

    Eine interessante Neuerung beim diesjährigen Berliner Kunstherbst war der Aufbau der ABC-Contemporary vom 7.-11. September am Gleisdreieck. Entgegen der messeüblichen Präsentation der einzelnen Galerien mit ihren Künstlern in eigenen Boxen, wurden diese Boxen in eine freiere Präsentation der Arbeiten aufgelöst. Damit traten der für eine Messe übliche Geschäftscharakter gegenüber einem Ausstellungscharakter zurück und die Galerie hinter den Künstler.

     

    Kunstpomade Kunstpomade

    Partys, Gockeleien und Gequatsche

    Insgesamt fehlte es dem Kunsthandel und den Artsy-Fartsy-Leuten im Berliner Kunstherbst aber nicht an Möglichkeiten, sich selbst zu präsentieren. Besonders muss in diesem Zusammenhang eine Vorkehrung der Preview Berlin – The Emerging Art Fair erwähnt werden, die den Bedürfnissen ihrer Besucher und ihrem eigenen Anspruch der Emergenz auch im Kosmetischen Rechnung trug. Am ersten Tag, dem 9. September, regnete es zuweilen ganz fürchterlich und wer von der U-Bahn oder auch nur vom Taxi in den Hangar 2 des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof gehen wollte, um die Messe zu besuchen, konnte nass wie ein Pudel werden und dabei, was vielleicht noch schlimmer war, auch der daheim sorgfältig arrangierten Frisur verlustig gehen. Um dem abzuhelfen, hat man diesen begossenen Pudeln auf den Herrentoiletten Haarwachs ans Waschbecken vor den Spiegel gestellt. Zum Glück – denn so kam alles wieder in beste Ordnung.

     

    Wer danach noch nicht genug hatte, konnte noch die Berliner Liste und den Berliner Kunstsalon besuchen. Ein richtiger Dauerlauf, mit Partys, Gockeleien und Gequatsche, aber auch mit einigen bemerkenswerten Kunstwerken und vielen kleinen Ausstellungen rundherum – etwa in den Galerien und Ateliers der Heidestraße 50. Vor allem im helleren Scheinwerferlicht jedoch machte die Berliner Kunstszene einen eher müden Eindruck und langweilte den Betrachter mit Kunstwerken, die er so oder ähnlich schon vor einigen Jahren gesehen hat oder auch anderswo sehen könnte. Neue und anregende Impulse jedenfalls, wie sie Berlin bieten müsste, wenn die Stadt die Kunstmetropole sein wollte, die sie gerne wäre, blieben aus.

     

    Leonardos "Dame mit dem Hermelin" Leonardos "Dame mit dem Hermelin"

    Hundertfünfundachtzig mal »Boah«

    Neben dieser breiten Schau zeitgenössischer Kunst waren auch zwei hochkarätige Ausstellungen von Klassikern der Malerei zu sehen und sind es noch – die Gesichter der Renaissance im Bode Museum und eine große Hokusai-Retrospektive im Gropius-Bau.

     

    Die vom Bode-Museum und vom New Yorker Metropolitan Museum of Art veranstalte Ausstellung zur Portraitkunst in der frühen Renaissance ist eine Blockbuster-Ausstellung. Ähnlich diesen Filmen hat sie nicht nur einen Unterhaltungsanspruch, sondern verfolgt auch kommerzielle Interessen. Die Schau wurde lange vorher deutschlandweit beworben und wird nun von Besuchern überrannt. Die Veranstalter sind mit dem Andrang hoffnungslos überfordert, es gibt lange Warteschlangen und Organisationsstrukturen, die dem abhelfen sollen, wie die Information über den Einlass per SMS, versagen.

     

    Aufgrund der Luftsensibilität der Kunstwerke dürfen nicht mehr als 300 Besucher zugleich in den Ausstellungsräumen sein. Die sind es aber eigentlich immer. Sie schieben sich wie eine fette Schlange durch die dünne Luft der verschiedenen Räume und treten sich gegenseitig auf die Füße. In dieser Ausstellung, die außerdem sehr dunkel ist, soll man nicht verweilen, sondern einen saftigen Eintritt zahlen, vor den Kunstwerken hundertfünfundachtzig Mal »Boah« sagen und dann so schnell wie möglich wieder verschwinden. Eine angemessene, reflektierte, vielleicht sogar meditative Kunstbetrachtung ist hier nicht möglich, aber auch gar nicht gewünscht. Wer die Bilder konzentrierter betrachten will, muss sie an ihren Herkunftsorten aufsuchen. Das ist aber nicht so leicht, denn die ausgestellten Werke kommen aus aller Herren Länder, und eine so dichte Zusammenstellung wird so leicht nicht ein zweites Mal zu finden sein. Wer also nicht kreuz und quer durch die Welt reisen, aber die hier versammelten Werke sehen will, kommt an der Ausstellung im Bode-Museum nicht vorbei und muss sich zwangsläufig mit den widrigen Umständen begnügen. Dabei spiegelt sich der kunstferne Massencharakter nicht nur in der Besucherorganisation wieder, sondern auch in der Kuration selbst, die weit stärker auf Masse als auf Auswahl zu setzen scheint.

     

    Es darf jedenfalls in Frage gestellt werden, ob sich die geschichtliche Entwicklung der Portraitmalerei nicht auch mit weniger Wiederholungen bestimmter Bildkonventionen hätte zeigen lassen. Der Besucher hätte dann vielleicht mehr Zeit für die einzelne Betrachtung gewonnen. Allein – das ist hier nicht intendiert. Dabei gibt es eine Fülle von Werken, mit denen man sich auch einfach schauend stundenlang beschäftigen könnte – wie z. B. das berühmteste Gemälde der Ausstellung, Leonardos da Vincis Dame mit dem Hermelin

     

    Ein fruchtbarer Moment

    Portraits zeigen jemanden im Bild und unterscheiden sich dabei von jeder anderen Art der Darstellung. Als das Spezifische dieser bildlichen Darstellung erscheint zunächst die ikonische Differenz (Boehm), innerhalb derer sich die Figur vom Hintergrund abhebt und sich selbst zeigt. Das Portrait ist eine Bildform, die – dies zeigt die Ausstellung in Hülle und Fülle – wesentlich von dieser Differenz zwischen Figur und Hintergrund getragen ist. Außerdem lässt es in der Art, wie es jemanden zeigen, etwas darüber erkennen, auf welche Art Bilder überhaupt in der Lage sind, etwas zu zeigen.

     

    Das kann freilich recht leblos und starr erscheinen, zumal dann, wenn das, was das Bild zeigt, von Konventionen überformt ist. Dafür gibt die Ausstellung viele Beispiele. Damit ein Bild lebendig erscheint, muss also noch etwas dazukommen. Lessing meinte, es müsse ein »fruchtbarer Moment« dargestellt sein, d.h. ein gewisses Spannungsmoment in einer Handlungsfolge, die der Betrachter sich dann ausmalen und erzählen kann. Die Dame mit dem Hermelin scheint sich in einem solchen Moment zu befinden. Sie blickt nicht mehr scherenschnittartig zur Seite, wie Figuren in den frühen Portraits, sie blickt den Betrachter aber auch nicht direkt an, wie z. B. der Knabe in Andrea d'Assisis Bildnis, sondern sie scheint aus dem Bild heraus zu blicken zu einem Dritten. Vielleicht hat jener sie gerufen. Ihr Blick scheint sich jedenfalls zärtlich an jemanden zu wenden. Ist sie vielleicht verliebt und blickt zu ihrem Geliebten? Warum taucht dann aber jener nicht im Bild auf, sondern dieser weiße Hermelin? Besteht zwischen jenem und diesem eine Beziehung? Dank der kunsthistorischen Forschung kennen wir die Antworten auf diese Fragen. Aber auch ohne diese Forschung zu kennen, können wir uns solche Fragen stellen – oder auch ganz andere. Das Bild provoziert sie in uns, wenn wir uns darauf einlassen. Allein, dafür brauchen wir etwas Muße und die hat man im der Ausstellung freilich nicht. Insbesondere wer das Pech hat, in der letzten Schlange zu sein, dem schlägt schon eine Viertelstunde vor Schluss ein enervierender Gong und er wird von der mittlerweile arg gestressten Sicherheitsbeschäftigten gewissermaßen herausgeschmissen.

     

    Dass es diesen Damen und Herren am Ende ihres Tages nicht mehr immer leicht fällt, entspannt und freundlich zu sein, darf man ihnen allerdings nicht verübeln. Sie werden nur bis zum Ende der offiziellen Öffnungszeit bezahlt, müssen aber bleiben, bis alle raus sind und bekommen dafür 5,16 Euro brutto. Das hat mit der Ausstellung direkt nichts zu tun, gehört aber auch zu ihrem vor allem auf Profit ausgerichtetem Konzept. Wenn jemand 50 Stunden die Woche arbeiten muss, um ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu erreichen oder trotz voller Beschäftigung dieses Einkommen noch aufstocken muss, dann ist das ganz offen gesagt eine Schweinerei und verrät vielleicht mehr über den Geist der Veranstalter, als der humanistische Geist, mit dem sie sich zu schmücken versuchen.

     

    Dezente Erotik

    Die Stimmung in der großen Retrospektive der Arbeiten des japanischen Holzschnitzers und Malers Katsushika Hokusai (1760-1849), die der  Martin-Gropius-Bau noch bis zum 24. Oktober zeigt, ist hier anders, wenngleich die Ausstellung das Problem der Überfülle mit der Ausstellung im Bode-Museum teilt. Zwar ist von anderer Seite eingewandt worden, es fehle das Erotische, doch hätte dafür Platz geschaffen werden müssen. Die Ausstellung kann kaum mehr Werke vertragen. Vielleicht wäre auch hier etwas mehr Auswahl gut gewesen. Dicht an dicht hängen die Bilder und bis das Auge die weltberühmten Holzschnitte 36 Ansichten des Berges Fuji erreicht, ist es schon müde von dem zuvor Gesehenen. Darunter ist auch viel Erotisches, Damen- und Kurtisanenportraits etwa zuhauf, explizit ist dieses Erotische aber nicht. Vielmehr bezieht es seinen besonderen Reiz aus der ironischen Haltung, die der Künstler oft gegenüber seinem Gegenstand – und auch gegenüber dem eigenen Werk – an den Tag legt. Über dem Bild gerade ihr Zitterspiel beendenden Geisha etwa stehen Verse, die sinngemäß lauten: Müde vom Saitenspiel warte ich lieber auf einen Mann als auf den Mond. Das ist sehr hübsch und dezent und hübsch und dezent bleibt es.

     

    Auf keinen Fall sollte die Erwartung von Erotischem durch die Tatsache geweckt werden, dass Hokusai den Begriff »Manga« geprägt hat. Er meinte damit keine Bildererzählungen und schon gar keine pornografischen Heftchen, sondern die absichtslose Malerei, die keinem bestimmten Zweck dient oder einem bestimmten Auftrag entspringt – außer eben jenem, sich selber auszustellen. So hat Hokusai, der auch ein berühmter Zeichenlehrer war, viele Bücher herausgegeben, in denen er zeigt, wie bestimmte Dinge gemalt werden können. Viele davon sind im Gropius-Bau zu sehen.

     

    Ein anderer Berg Fuji - von Römer+Römer Ein anderer Berg Fuji - von Römer+Römer

    Schöne Frauen und Sumo-Ringer

    Zwei Schwerpunkte in Hokusais Schaffen waren die (Buch-)Illustration und Alltagsszenen. Sie gehören in die japanische Tradition des »Ukiyo-e« und zeigen »Bilder der vergänglichen Welt«, in dem Sinne, dass sie die Dinge, die nach der buddhistischen Lehre eben alle vergänglich sind, selbst zeigen – vor allem schöne Frauen, Sumo-Ringer und Wasserträger, aber auch - und mit großer Präzision - Blumen und Pflanzen. Viele Motive entstammen dem konventionellen japanischen Repertoire. Auch hier liegt der Reiz in Hokusais Behandlung zu einem guten Teil in seinem Humor, der sich etwa zeigt, wenn er einen Fächer mit zwei Seegurken schmückt oder einen Mann malt, der eine Kerze ausfurzt.

     

    Hokusais Landschaftsbilder zeichnen sich unter anderem durch die Übernahme der europäischen Zentralperspektive aus. Ob sie sich dadurch freilich der Leichtigkeit entledigen, die zum Teil Bilder ohne perspektivische aber mit symbolischer Landschaft auszeichnen, wäre zu überlegen. Die Ausstellung bietet zu solchen Überlegungen ausreichend Raum und Gelegenheit – sie lädt geradewegs dazu ein.

     

    Hokusai ist in Europa insbesondere durch die Bewunderung bekannt, die ihm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts europäische Maler entgegenbrachten. Die Brüder Van Gogh besaßen Werke von Hokusai, Manet portraitiert Zola vor einem japanischen Holzschnitt und Monet sammelte einige hundert solcher Werke, um nur einige Berührungspunkt zwischen Hokusai und der europäischen Kunst zu nennen. Etwas mehr Informationen zu dieser Rezeption, oder auch Anschauung, hätte man sich in der Ausstellung gewünscht.

     

    Ein zeitgenössisches Berliner Künstlerpaar, das sich von Hokusais 36 Ansichten des Berges Fuji zu einer eigenen Bilderserie inspirieren ließ, sind Römer+Römer. Während einer Japanreise (zur Kirschblütenzeit 2010) fotografierten Nina und Torsten Römer den Berg und verarbeiteten die Fotos zu einer Serie von Ölgemälden: Fünfzig Ansichten des Berges Fuji vom Zug aus betrachtet. Die Galerie Schultz Contemporary hat sie im August dieses Jahres in Berlin gezeigt.

     

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