• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 19:23

    Architekturmuseum München: Architektur und Geschichte von Bibliotheken

    15.09.2011

    So viele Bücher!

    Unter dem Titel Die Weisheit baut sich ein Haus beleuchtet das Architekturmuseum München die Geschichte des Bibliotheksbaus. Den Schwerpunkt der sehenswerten Ausstellung bilden Bauten der letzten beiden Jahrzehnte, denn niemals zuvor – und das mag überraschen – wurden so viele Bibliotheken gebaut. Von CHRISTOPHER FRANZ.

     

    Diese Erkenntnis und die Ausstellung kommen genau zur rechten Zeit. Befindet sich die Buchkultur und damit die ganze Gutenberg-Galaxis doch gerade am Scheideweg. Die einen besingen den Untergang des gedruckten Buches aus Papier und Tinte zugunsten von Bits und Bytes und huldigen einem Objekt, nicht viel größer als ein Bändchen aus der Insel Bücherei, das mit dem Slogan für sich wirbt »Ich bin eine ganze Bibliothek«. Die anderen verteidigen ein System, das schon Jahrtausende gute Dienste geleistet hat als »Speicher des Wissens und als kulturelles Gedächtnis«.

     

    Die Ausstellung stellt die provokante Frage, ob sich in der genannten Feststellung, dass in den letzten 20 Jahren mehr Bibliotheksneubauten als jemals zuvor fertiggestellt wurden, ein letztes Aufbäumen ausdrückt »bevor sich Bibliotheken in global zugängliche, virtuelle Datenspeicher auflösen«. Sie zeigt anhand anschaulicher Beispiele auch, dass die Ansprüche an das Gebäude wie auch die Institution Bibliothek einem steten Wandel unterworfen waren.

     

    Diese Veränderungen spiegeln sich nicht nur in der Einrichtung wider, wie zum Beispiel dem Verschwinden des gedruckten Zettelkatalogs zugunsten des bequemen Recherchierens am Computer, sondern natürlich auch in der Architektur. (Anzumerken ist, dass weder Architekten noch Bibliothekare sich an der 1981 von Umberto Eco publizierten Gebrauchsanweisung Wie man eine öffentliche Bibliothek organisiert gehalten haben. Zum Glück!)

     

    Ausstellungsraum »Ordnungssysteme des Wissens« © Foto: Verfasser Ausstellungsraum »Ordnungssysteme des Wissens« © Foto: Verfasser

    Im Wandel der Zeit

    Der erste der insgesamt vier Räume der Ausstellung ist ganz der »Ordnungsmacht und den Ordnungssystemen des Wissens« gewidmet, dargestellt anhand von über 80 Büchern aus der rund 50 000 Bände umfassenden Sammlung der »Stiftung Bibliothek Werner Oechslin« in Einsiedeln, dem Haupt-Kooperationspartner der Schau. Es ist kein leichter Einstieg in die Thematik, die die Ausstellungsmacher da gewählt haben, denn die Argumentation der Exponate erschließt sich eigentlich erst dann, wenn man den dazugehörigen, 80-seitigen Beitrag Oechslins im empfehlenswerten Begleitband der Ausstellung durchgearbeitet hat. Dieser Auftakt mag den Besucher verschüchtern, bisweilen erschrecken, sicherlich fordern, vielleicht manchen auch überfordern.

     

    In den beiden anschließenden großen Ausstellungsräumen wird die Genese des Bautyps Bibliothek von der Antike über die mittelalterlichen Klosterbibliotheken, den Bibliotheksräumen der Renaissance und des Barocks, den großen Nationalbibliotheken des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Entwicklungen unserer Zeit exemplarisch in Wort, Bild und – besonders eindrucksvoll – vielen Modellen vorgestellt. Alte Bekannte haben sich da versammelt, wie Michelangelos Bibliotheca Laurenziana in Florenz oder die Wiener Hofbibliothek, gebaut von dem großen Barockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach. Aber auch der Allgemeinheit weniger bekannte Vertreter dieser Baugattung, wie Alvar Aaltos Stadtbibliothek von Viipuri aus den Jahren 1928-1935, die nicht mehr wie die beiden vorher genannten Bücherräume der Repräsentation sondern dem Nutzer verpflichtet ist, oder I. M. Peis John F. Kennedy Presidential Library werden vorgestellt.

     

    Durch diese Auswahl erkennt der Besucher, dass die Entwicklung der Bibliothek nicht linear verlief, sondern geprägt wurde; neben dem jeweiligen Zeitgeschmack, von dem Zwang immer mehr Bücher geordnet zu beherbergen, zu erschließen und zugänglich zu machen. Dass im Mittelalter die Ansprüche der wenigen Nutzer gänzlich andere waren als diejenigen, die heute an eine Universitäts- oder Stadtbibliothek gestellt werden, erklärt sich dadurch jedem. Ergänzt wird die Zusammenstellung durch einen Blick auf die Bibliothek in Literatur, Comic und Film. Zu guter Letzt werden dem Besucher noch 60 in Endlosschleife projizierte Filmausschnitte vorgeführt, denen gemeinsam ist, dass sie in einem Bibliotheksraum spielen. Einen didaktischen Zweck verfolgt das Ganze nicht, – und steht damit konträr zum ersten Raum der Schau – das muss es aber auch nicht.

     

    Die Zukunft der Bibliothek? Das Rolex Learning Center der École Polytechnique Lausanne von SANAA. © EPFL, Foto: Alain Herzog Die Zukunft der Bibliothek? Das Rolex Learning Center der École Polytechnique Lausanne von SANAA. © EPFL, Foto: Alain Herzog

    Das ist nicht das Ende

    Die Ausstellung und ihre Exponate belegen die Bedeutung, die der Bauaufgabe Bibliothek seit jeher beigemessen wird. Die aktuellen Beispiele, wie die Berliner Bibliotheksbauten, die von Sir Norman Foster entworfene Philologische Bibliothek der FU aus den Jahren 2001-2005 und Max Dudlers Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, fertiggestellt 2009, belegen den noch immer hohen repräsentativen Status eines solchen Gebäudes.

     

    Diese Neubauten beeindrucken nicht nur durch ihre Architektur sondern erfreuen sich auch ungebrochener Beliebtheit als Arbeits- und Lernorte. Dies liegt nicht begründet im Fehlen anderer Denkorte, vielmehr zeigt sich darin, dass das »System Bibliothek« erfolgreich ist. Nicht das Beherbergen von Büchern ist die Kernaufgabe, sondern das Erschließen und Zugänglichmachen von Information und das Anbieten eines angenehmen Ambientes für den Besucher. Die digitalen Medien sind nicht die Konkurrenten des Bücherhauses sondern ihr elementarer Bestandteil. Durch die Institution Bibliothek und die Arbeit ihrer Angestellten finden online erscheinende Zeitschriften, als Open Access publizierte Bücher und elektronische Datenbanken erst den Weg zum Nutzer. Aus der Bibliothek ist eine Mediathek geworden.

     

    Natürlich ist man versucht, auf die eingangs gestellte Frage eine Antwort zu finden: Die Vielzahl der Bibliotheksneubauten der vergangenen Jahre ist weder ein letztes Aufbäumen noch der Abgesang auf ein veraltetes System. Vielleicht endet bald das Zeitalter des gedruckten Buches als Massenmedium. Vielleicht verschwinden damit auch die Buchhandlungen. Die Bibliothek als Gebäude, das zeigt die Münchner Ausstellung, wird allerdings noch lange Zeit, solange der Mensch nach Wissen begehrt, als lebendiger Ort weiterbestehen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter