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Mondrian De Stijl

23.06.2011

Rencontre der Wiegen abstrakter Kunst

Noch bis zum 15. August dieses Jahres lädt eine umfangreiche Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zu einer Begegnung mit dem Werk Piet Mondrians und den künstlerischen Äußerungen der Gruppe De Stijl ein. Von MATHIAS LISTL

 

Das Ziel der in Kooperation mit dem Den Haager Gemeentemuseum entstandenen Schau Mondrian De Stijl ist es, den Weg des niederländischen Malers in die Abstraktion zu veranschaulichen. Die Aufarbeitung dieses Prozesses wird in das vielgestaltige Spektrum der von den Mitgliedern der holländischen Bewegung geschaffenen Kunst eingebettet.

Mit den Worten Franz W. Kaisers könnte man aber auch von einem durch die Schau möglich gewordenen Zusammentreffen der beiden Wiegen gegenstandsloser Malerei sprechen: Die im Lenbachhaus wie nirgendwo anders zu bestaunende Wiege der lyrischen Abstraktion – mit Werken Kandinskys und anderer Mitglieder des Blauen Reiters – trifft mit den Werken Mondrians und der mit ihm verbundenen De Stijl-Künstler auf ihren geometrisch-analytischen Widerpart.

 

Piet Zwart, 
Entwurf für einen Messestand, 
ca. 1923 Piet Zwart,
Entwurf für einen Messestand,
ca. 1923

Piet Mondrian und De Stijl - Das moderne Leben gestalten

Der anlässlich der Ausstellung bei Hatje Cantz erschienene Katalog versucht, diesen durchaus hochgesteckten Zielen auf knapp über 300 Seiten gerecht zu werden. Dabei beinhalten die beiden hinteren Drittel neben kurzen Lebensbeschreibungen von über 20 Künstlern, die manchmal mehr, manchmal weniger der Gruppe De Stijl zuzurechnen sind, auch Abbildungen einer Vielzahl der von diesen Malern, Bildhauern, Designern oder Filmemachern geschaffenen Kunstwerke. Gerade durch diese Zusammenstellung von Gemälden, Skulpturen Architekturen, Möbeln, Plakaten, Textilarbeiten oder Filmstills wird der Ansatz der losen Gruppe nachvollziehbar, sich nicht länger auf traditionelle Medien zu beschränken, sondern alle Bereiche des modernen Lebens künstlerisch zu durchdringen. Auf den ersten knapp 100 Seiten finden sich dagegen insgesamt fünf Katalogbeiträge, in denen sowohl Münchner wie auch Den Haager Kunsthistoriker aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln den Phänomenen Mondrian und De Stijl auf den Grund gehen.

 

Hans Richter, 
Rhythmus21, 
1921-24, 
Filmstreifen Hans Richter,
Rhythmus21,
1921-24,
Filmstreifen

Kandinsky vs. Mondrian - zwei unterschiedliche Wege in die Abstraktion

Den Anfang dieser Spurensuche macht Franz W. Kaiser, der sich in seinem Beitrag zum einen um eine Beantwortung der Mutter aller Fragen bemüht, die um die Abstraktion kreisen. Seine Erklärung der Bedeutungen, die gegenstandsloser Kunst abzugewinnen sind, bringt er selbst auf die schlichte, aber vielleicht gerade deshalb so treffende Formel: Nicht länger das, was wiedergegeben wird, ist von Interesse, vielmehr liegt der Fokus hier auf dem »wie« der Darstellung.

Daneben wagt sich der Kurator des Den Haager Gemeentemuseums aber auch an einen Vergleich der unterschiedlichen Wege, die Kandinsky und Mondrian zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die – von ihnen gleichzeitig auch theoretisch begründete – Gegenstandslosigkeit führten. Dabei sieht Kaiser im künstlerischen Werdegang des Erstgenannten die ungleich leichtere, später auch nicht immer streng eingehaltene Entwicklungslinie vom Naturalismus hin zur Abstraktion. Dem russischen Maler, der mittels der Ikonenkunst seines Landes die Darstellung des nicht Sichtbaren praktisch schon mit der Muttermilch aufgesogen habe, stellt er den hart um die Gegenstandslosigkeit ringenden Westeuropäer Mondrian gegenüber. Gerade Dauer und Heftigkeit dieses Kampfes sieht Kaiser schließlich mit als Hauptursachen nicht nur für dessen strenge, auf Linie und Farbflächen reduzierte Ausformung der Gegenstandslosigkeit an. Auch die rigorose Art, wie Mondrian diese Malweise stets verteidigte, hat für ihn ihre wahren Ursachen im steinigen Weg zu ihr.

 

Piet Mondrian, 
Neue Gestaltung 
(Bauhausbücher, 5), 
München 1925
Piet Mondrian,
Neue Gestaltung
(Bauhausbücher, 5),
München 1925

»De nieuwe beelding« - Erklärung des Gemalten und Inspiration für Neues

Ein nicht weniger komplexes Themenfeld beackert im zweiten Artikel Hans Janssen, der sich mit Mondrians zwischen 1917 und 1918 in elf Folgen in De Stijl erschienener Artikelserie De nieuwe beelding in de schilderkunst (Die neue Gestaltung in der Malerei) auseinandersetzt. Er gibt dabei nicht vor, eine Entschlüsselung der äußerst schwierigen, mit vielen – schon zur Entstehungszeit – antiquierten Ausdrücken gespickten Texte anzustreben. Vielmehr geht es Janssen vor allem darum, den konkreten Nutzen zu erklären, den die Schriften für den Künstler hatten. Dieser liegt für ihn vor allem darin, sich entweder über das gerade zuvor praktisch Geleistete noch einmal Klarheit zu verschaffen, oder umgekehrt vom Geschriebenen aus zu neuen Lösungen im Malerischen zu gelangen. Daneben ist auch das Aufdecken bisher oftmals unbekannter Inspirationsquellen hinter vielen, selbst in das aktuelle Niederländisch kaum übertragbaren Wortfindungen Mondrians eine Aufgabe, der sich Janssen stellt. Insbesondere der mit »Gestaltung« nur unzureichend ins Deutsche zu übersetzende Begriff »Beelding« wird dabei genauer unter die Lupe genommen.

 

In welchem Maße sich die De Stijl-Künstler mit ihren Werken an eine breite Öffentlichkeit richten wollten, ist die zentrale, letztlich aber nicht direkt beantwortete Fragestellung in Michael Whites Aufsatz. So wird dem Leser vor allem Vilmos Huszár als derjenige geschildert, der in der Werbung ein ideales, da von jedermann konsumiertes Medium für De Stijl sah. Aber auch der Wunsch Theo van Doesburgs nach einer öffentlichkeitswirksamen Einheit der bildenden Künste mit der Architektur, die auch – neudeutsch – »bildungsferne Schichten« erreicht, spricht gegen eine Ausrichtung von De Stijl auf einen exklusiven Kreis.

 

Piet Mondrian, 
Komposition mit Rot, 
Schwarz, Gelb, Blau und Grau, 
1921, Öl auf Leinwand, 
Gemeentemuseum Den Haag Piet Mondrian,
Komposition mit Rot,
Schwarz, Gelb, Blau und Grau,
1921, Öl auf Leinwand,
Gemeentemuseum Den Haag

Abstraktion - mehr als nur eine Befreiung vom Joch des Realismus

Während man sich durchaus fragen kann, warum Matthias Mühling in seinem Beitrag gerade den kaum mit der Gruppe verbundenen Architekten Friedrich Kiesler mit als Hauptzeugen einer Entgrenzung der Kunst durch De Stijl bemühen muss, ist Felicia Rappes kritischer Blick auf den scheinbar so festen Verbund von De Stijl und Gegenstandslosigkeit dagegen durchgängig zu loben. Dieses Urteil trifft aber nicht nur auf ihre Darstellung der Gruppe als ein von Widersprüchen gekennzeichnetes Phänomen zu, innerhalb dessen auch figürliche Referenzen oder lyrisch-abstrakte Positionen eine Heimat fanden. Auch ihre Versuche, den Aufbruch in die Gegenstandslosigkeit nicht immer nur unter dem Blickwinkel einer Befreiung der Malerei von der Darstellungsfunktion zu begreifen, überzeugt.

 

Insgesamt können einzelne gelungene Artikel aber nicht über den Makel hinwegtäuschen, dass dem Katalog in seiner Gesamtheit etwas fehlt. So werden sich viele Leser insbesondere ein Mehr an Basisinformationen zu Mondrian und vor allem zu De Stijl wünschen. Denn nur zwischen den Zeilen finden sich nähere Angaben zur äußerst komplexen Gruppengeschichte – eine Aufgabe, die leicht auf wenigen Seiten zu bewältigen gewesen wäre. Viele Verständnisschwierigkeiten wären so zu vermeiden und der Katalog – getreu dem Ansatz von De Stijl – auch einer breiteren Öffentlichkeit zu empfehlen gewesen.

Und auch aus drucktechnischer Sicht wäre ein Etwas-Mehr wünschenswert. Denn während im hinteren Katalogteil dickes Glanzpapier die Abbildungen exzellent zur Geltung bringt, wertet ein allzu leichter Papiergrund den vorderen Textteil unnötigerweise ab. Es hemmt nicht zuletzt das Lesevergnügen, wenn auf der Vorderseite schon die Bedruckung der Rückseite zu erkennen ist. Eine um ein Paar Gramm stärkere Unterlage wäre deshalb nicht die schlechteste Investition gewesen!

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